Zwiespalt: Eine Nachlese zum NPD Auftritt in Trier

Es bleiben Fragen.

Soll ich noch etwas aufschreiben zum NPD Auftritt oder nicht?

War es richtig, dass so viele sie durch ihre Anwesenheit aufgewertet haben?

Wäre es falsch gewesen, den Nazi Auftritt zu ignorieren?

Kann man sich beim Viehmarkt-Frühstück beteiligen, obwohl doch kommunistische Fahnen deutlich sichtbar sind?

„Ich soll mich ruhig trauen“, meint ein mir bekanntes SPD-Mitglied zu mir, als ich mich am Samstagmorgen vielleicht etwas zu vorsichtig, der Gruppe nähere, die sich auf Viehmarkt versammelt hat.

Ich stelle mich zu den Fraktionsmitgliedern der UBM, die etwas abseits stehen.

Klaus Jensen spricht, nicht als Oberbürgermeister, wie er betont, sondern als Privatmann. Er zitiert Pfarrer Niemöller, richtet einen Appell an alle, sich rechtzeitig gegen nationalsozialistische Umtriebe zu wehren, bevor es zu spät ist.

Doch besteht in unserer heutigen Demokratie tatsächlich diese Notwendigkeit? Ist die NPD eine reelle Gefahr? Oder wertet man nicht die Nazis zu Unrecht auf, wenn man solche Gegendemonstrationen veranstaltet? Gibt man denen nicht völlig unverdient Publizität? Wie die Medien, die in den letzten Tagen sehr breit und ausführlich über den NPD-Auftritt berichtet haben. Dicke Schlagzeilen!

Ich stelle natürlich diese Frage auch dem anwesenden Leitenden Redakteur des TV, Dieter Lintz, der sich des Problems durchaus bewusst ist. Natürlich, ich sehe es ein, Totschweigen kann man solche Ereignisse nicht.

Und ist auch wichtig deutlich zu zeigen, dass man gegen das Wiederaufkeimen von nationalsozialistischen Ideologien ist.

Das mörderische Nazi-Regime, dessen menschenverachtendes Tun mir die wissenschaftliche Arbeit meiner Frau zum Thema „Arisierung in Trier“ noch einmal besonders deutlich vor Augen geführt hat, darf nicht vergessen werden, niemals!

Aber ebenso wenig kann man doch über das Unrecht hinwegsehen, das von linken diktatorischen Regimen ausging und ausgeht. Und unter den Teilnehmern gibt es einige, die mit roten, kommunistischen Fahnen Werbung machen. Mit denen zusammen kann man doch keinen gemeinsamen Aufruf unterzeichnen. Da habe ich Verständnis für den offiziellen Standpunkt von CDU und FDP.

Zur Mittagszeit geht es zum Simeonstiftplatz. Dieser ist schon frühzeitig von der Polizei weiträumig abgesperrt worden. Der Busverkehr wird umgeleitet, viele Verspätungen sind die Folge.

Vier Hundertschaften Bereitschaftspolizei sind angereist. Das sieht etwas martialisch aus. Rechts und links des Platzes neben den Absperrgittern sammeln sich mehr und mehr Menschen.

Es sind die unterschiedlichsten Personen, bunt gemischt, die aus den verschiedensten Motiven hierher gekommen sind. Manche aus Neugier, die meisten wollen jedoch zeigen, dass sie entschieden gegen die rechten Parolen sind. Darunter auch mehr, die meiner eigenen Partei angehören, als es später dargestellt wird, so Bürgermeister Georg Bernarding.

Es ist eine friedliche, freundliche Stimmung. Man trifft viele Bekannte, unterhält sich mit ihnen, man erklärt neugierigen Touristen, was hier los ist. Da man heute über ideologische Grenzen hinweg einer Meinung ist, wächst ein besonderes Gefühl der Solidarität unter den Anwesenden.

Auch der Vorsitzende der jüdischen Kultusgemeinde, Benz Botman, erscheint mit seiner Ehefrau. Es ist doch wichtig, dass er sieht, wie viele Menschen sich hier versammelt haben, denke ich, Menschen, die ihm zeigen, dass sich so etwas, was seinen Vorfahren angetan wurde,  niemals wiederholen darf und wird. Es ist also doch richtig, hier zu sein!

Um 14:00 Uhr sollte die „Veranstaltung“ beginnen. Es tut sich zunächst einmal gar nichts. Eine Hundertschaft der Polizei wird plötzlich abgezogen und fährt mit Blaulicht davon. Nein, es ist nichts Wesentliches passiert, einige Fußballfans randalieren, so dass ein Polizeieinsatz am Moselstadion gefordert war.

Um 15:00 Uhr ist es dann so weit: Ein städtischer Bus mit etwa 20 NPD Anhängern fährt auf den menschenleeren Simeonstiftplatz. Es sieht lächerlich aus. 200 Euro hat dieser Bus gekostet. Die NPD hat ihn bezahlt, erfahre ich auf Nachfrage. Nicht bezahlt haben sie natürlich die Kosten des großen Polizeieinsatzes.

Die Rechten steigen aus dem Bus und stellen sich in einer Reihe auf. Ein unwirkliches, fast surrealistisches Bild, das sich da entwickelt hat: Auf den menschenleeren Platz steht das kleine Häuflein NPDler, die sich darum bemühen, eine möglichst wichtige Miene zu machen. Etwa 30 Meter ihnen gegenüber haben sich eine Handvoll Journalisten aufgebaut, die sie belauern und anschauen, wie exotische Zootiere. An den beiden Rändern des Platzes eine Reihe Polizeibeamter, dann die Absperrgitter und etwa 800 Gegendemonstranten, die sich mit Pfiffen und schreien darum bemühen, dass man möglichst nichts von den Nazibotschaften hört.

Soll man sich das wirklich anhören oder nicht? Das wenige, das ich verstehe, entlarvt die  Ideologie, die hier verbreitet werden soll:

Der Trierer NPD Funktionär Babic fordert, dass Familien mehr unterstützt und die Kinder mehr geschützt werden sollen. Doch gleichzeitig fällt auf, dass die NPD Anhänger einen etwa zwölfjährigen Jungen mitgebracht haben, der von dem gespenstischen Geschehen sichtlich beeindruckt und irritiert ist und versucht, sein Gesicht hinter einem großen Plakat zu verbergen.

Ein DVU Vertreter, der mit seinem kahl geschorenen runden Kopf und kräftigen Statur aussieht wie ein Bodyguard, fordert lautstark, dass die Abwrackprämien nur dann gezahlt werden solle, wenn deutsche Autos gekauft würden. Neben ihm steht aber ein Auto aus koreanischer Herkunft, den die NPD-Anhänger als Lautsprecherwagen mitgebracht haben.

Nach einer Stunde ist das seltsame Geschehen beendet.

Ich bin bei der Veranstaltung rot geworden, nein nicht vor Wut (hätte sein können), sondern weil ich die Sonne unterschätzt habe, die während der Wartezeit auf meinen Kopf brannte. Und dann sind da die Fragen übrig geblieben. War es wirklich richtig, dieses kleine, verlorene Häuflein von Rechten aufzuwerten, indem man diesen Aufwand betrieben hat? Muss man wirklich vor ihnen Angst haben, fürchten das in Stadtrat kommen? Die haben es ja noch nicht einmal geschafft, eine Hand voll Anhänger auf die Beine zu bringen, und dann sollen sie 500 bis 600 Wähler finden? Ist nicht mehr Gelassenheit im Umgang mit ihnen erforderlich, weil eine stabile Demokratie, die wir zum Glück haben, mit ihnen fertig wird.

Das kleine Häuflein der NPDler hat seinen großen Auftritt in Trier gehabt. Ihr triumphierender Blick, als im Bus auf den Platz vorfuhren, ist mir noch im Gedächtnis: Ein ungutes Gefühl.

Die Trierer haben deutlich und friedlich gezeigt, dass sie entschlossen gegen rechtsextreme Bestrebungen sind: Ein gutes Gefühl.

Es bleiben eben Fragen und ein Zwiespalt.

Über Thomas Albrecht

Mitglied des Trierer Stadtrates.
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6 Kommentare zu Zwiespalt: Eine Nachlese zum NPD Auftritt in Trier

  1. blogoli sagt:

    Den Zwiespalt, den Sie empfinden, müssen sie nicht fühlen. Da steht, so denke ich, Ihnen Ihre Partei im Wege.
    Es ist kein Aufwerten eines unbedeutenden kleinen Häufchens, ganz im Gegenteil. Es ist ein Zeichen, das die subversiven und menschenverachtenden Methoden nicht ungesehen sind.
    Es ist ein Zeichen, das die „Inhalte“ nicht unkommentierte stehen gelassen werden. Und mehr desgleichen würde mir einfallen, warum man diesen Menschen von Angesicht zu Angesicht begegnen sollte und nicht mit der anonymen Programmatik eines Wahlprogramms.

    Enttäuscht bin ich von der CDU. Anstatt zu einem ideologisch motivierten Boykott einer Gegenveranstaltung aufzurufen, hätte es einen besseren Weg gegeben. Eine eigene Gegenveranstaltung. Der Phantasie waren hier keine Grenzen gesetzt! So hat man geschwiegen!

    Hat das Schweigen nicht schon einmal viel Unglück heraufziehen lassen?

  2. Pingback: Liveblog: NPD in Trier :: Channelshift

  3. Dieter Lintz sagt:

    Ein lesenswerter Blog, der viele Gedanken aufgreift, die ich mir auch gemacht habe. Gerade auch die Sache mit den Journalisten und den „exotischen Zootieren“. Ich habe mich selten so merkwürdig gefühlt. Normalerweise suche ich als Berichterstatter immer das Gespräch mit allen Beteiligten, auch wenn ich ganz und gar nicht ihrer Meinung bin. Ich habe auch einen Moment über die Frage nachgedacht, ob man nicht zu Babic gehen müsste, um ihn einfach nach seiner Einschätzung der Veranstaltung zu fragen. Aber angesichts dessen, was da vorher gesagt worden ist von „artfremden Ausländern“, von „nationaler Revolution“ etc., also lauter Dinge, die ich nicht mehr als randständige Meinungsäußerung innerhalb eines auszuhaltenden Spektrums, sondern wirklich nur noch als menschenverachtende Absurditäten einstufen kann, sah ich dann irgendwie auch keine Möglichkeit für ein sinnvolles Gespräch. Es gibt Dinge, die entziehen sich einer „neutralen“, kühl-professionellen Betrachtungsweise. Wenn Leute so tun, als sei Trier in der Hand einer Ausländer-Mafia, die man aus dem Land werfen müsse, wenn sie Menschen an den Kragen wollen, die eine andere Hautfarbe oder Nationalität haben, dann kann man darüber so wenig diskutieren wie wenn jemand sagt, Nazi-Vernichtungslager habe es nie gegeben.
    Was die CDU angeht, so wäre mir wohler, wenn ich glauben könnte, dass da nicht taktische Elemente den Ausschlag gegeben haben. Da ging es bei der Ablehnung nämlich nicht, wie auch Frank Jöricke glauben machen wollte, um den verständlichen Wunsch, nicht mit ein paar versprengten Alt-Sektierern mit roten Fahnen in einen Topf geworfen zu werden, sondern um die gezielte Abgrenzung gegen eine bestimmte, ebenfalls für den Stadtrat kandidierende Partei: „Die Linke“.
    Mit gutem Willen wäre es zum Beispiel durchaus möglich gewesen, das gemeinsame Unterzeichnen eines Aufrufs zu vermeiden und trotzdem öffentlich deutlich zu machen, dass man die Initiative durchaus für sinnvoll hält und seinen Mitgliedern eine persönliche Teilnahme nahelegt.

  4. Auch wenn die NPD nur eine lächerlich geringe Anzahl an Claqueuren herankarren konnte, war und ist es wichtig denen ein möglichst breites gesellschaftliches Spektrum entegegen zu stellen.

    Eines solten wir aus der Geschichte gelernt haben: Unsere Demokratie und freiheitliche Gesellschaft ist wichtiger als parteitaktisches Kalkül und politische Animositäten.

    Anfang der 1930er Jahre war die NSDAP mit ihrem zu Beginn unterschätzten Verbrecher an der Spitze Nutznießer der Zänkereien zwischen den demokratischen Parteien.
    Dies darf sich nie wiederholen!

  5. xpof sagt:

    Lieber Herr Albrecht, jedenfalls nett, dass Sie auch da waren auf dem Viehmarkt. Ich meine schon, dass es nützlich ist, die Aufmerksamkeit gegenüber der NPD zu erhöhen, damit diejenigen, die sich mit der Absicht tragen, aus falsch verstandenem „Protest“ rechts zu wählen, merken, was für Wirrköpfe das sind, und dass das nix mit „Patriotismus“ zu tun hat. Nicht nur das: Gegen den feinen Herrn Babic wird wegen schwerer Körperverletzung ermittelt, wenn ich das nicht falsch verstanden habe.

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