Deutschland in Massenhysterie verfallen?

Ganz Deutschland ist zurzeit einer Massenhysterie verfallen. Für mich ebenso unbegreiflich wie erschreckend.

Dieselben Leute, die sich jetzt beispielsweise bei Facebook über den Skandal aufregen, die bedenkenlos jedes private Detail auf Facebook stellen, die jede Cloud nutzen und irgendwo auf der Welt die intimsten Fotos von sich ablegen, sind jetzt offenbar – glaubt man den Medien – in panischer Sorge um ihre Privatsphäre. Begleitet von zahlreichen Politikern/innen, die sich mühen, Betroffenheit zu heucheln.

Lasst Euch nicht verrückt machen von Medien, die froh sind, das Sommerloch zu füllen, das heuer besonders groß ist, da man derzeit noch nicht einmal über das Wetter klagen kann.

Lasst Euch nicht den gesunden Menschenverstand rauben von Parteien, denen derzeit nichts anderes einfällt, um sich gegenüber dem politischen Gegner zu profilieren. Peinlich, diese noch nicht einmal gut gespielte Empörung von jenen, die noch vor wenigen Jahren selbst an den Schalthebeln der Macht gesessen haben und genauso viel oder genauso wenig darüber gewusst haben, was der amerikanische Geheimdienst so treibt.

Zunächst einmal zu der angeblichen großen Bedrohung, die vom NSA für uns Privatleben ausgeht. Zu meiner größten Verwunderung höre ich immer wieder, dass sich so mancher tatsächlich ernsthaft vorstellt, da säßen irgendwo in den USA NSA-Mitarbeiter herum, die nichts Besseres zu tun hätten, als mit rotem Kopf die Mail zu lesen, die Franz seiner geliebten Gerlinde nach einer schönen gemeinsamen Nacht geschickt hat.

Dazu folgende Fakten: Nach Schätzungen werden pro Sekunde über 3,5 Millionen E-Mails versandt. Selbst wenn man einmal die ca. 75% Spam-Mails abzieht, sind das immer noch weit über eine Million pro Sekunde, Abermillionen pro Tag, Milliarden pro Monat. Um diese gigantische Flut der elektronischen Post auch nur ansatzweise „überwachen“ zu können, müssten sämtliche Einwohner der USA Tag und Nacht E-Mails lesen. Nein, das würde noch nicht genügen. Die Wahrscheinlichkeit einen Sechser im Lotto zu haben, ist größer als die, dass irgendein Mitarbeiter des NSA eine private E-Mail liest.

Nun, wir wissen von Edward Snowden, den zurzeit weltweit am meisten überschätzten Mann, dass aus diesem Grund spezielle Programme verwendet werden, die automatisch E-Mails auswerten, auf bestimmte Schlüsselwörter hin untersuchen. „Das ist doch nicht weniger schlimm!“, meinen manche. Wirklich?

Seit ich mich mit E- Mails beschäftige, und ich bin sozusagen von Anfang an „dabei“, predige ich, dass man mit diesem Medien vorsichtig sein muss, dass es nicht sicher ist! Nicht, weil ich dabei an US Geheimdienst gedacht habe, nein, weil ich an Ganoven denke, die ebenfalls auf leichte Art und Weise Daten ausspähen, E-Mails ausspionieren, um dadurch ihren kriminellen Machenschaften nachgehen zu können, Bankkonten zu plündern, andere zu betrügen und und und…. Deshalb habe alle, die sich mit dem Medium auskennen, schon immer den sorgsamen Umgang mit dem Internet angemahnt.

„Was, der nimmt die vom NSA in Schutz, die handeln doch illegal!“, werden manche jetzt sagen. Ich weiß mangels gesicherter Informationen nicht, ob die Methoden, die der amerikanische Geheimdienst anwendet, tatsächlich „illegal“ sind, wobei sich natürlich die Frage stellt, welches Recht überhaupt anwendbar ist. Das sollen die klären, die dafür zuständig sind, zum Beispiel der amerikanische Kongress.

Sicher weiß ich aber, dass es völlig naiv wäre zu glauben, auch andere Geheimdienste würden Methoden des Ausspähens und Abhörens nicht anwenden.

Und wer ernsthaft glaubt, dass russische oder chinesische Geheimdienste nicht ebenso E-Mails abhören wie der amerikanische oder britische, der glaubt auch, dass es sich bei Grimms Märchen um eine wissenschaftliche Abhandlung handelt. Nur gab es bei diesen Geheimdiensten eben keine Überläufer, die davon berichtet haben.

Und ich behaupte jetzt einfach einmal, ohne dass ich es sicher beweisen könnte, dass Eingriffe anderer Geheimdienste in unser Privatleben noch viel massiver und intensiver sind als diejenigen, die bisher bekannt geworden sind. Man denke nur einmal an den weiten Bereich der Wirtschaftsspionage.

Wer also eine E-Mail in das World Wide Web schickt und glaubt, dass diese nicht von Dritten – sei es Kriminellen, sei es Geheimdiensten – mitgelesen werden kann, ist nicht nur naiv, der ist dumm. Ich bin mir dessen jedenfalls schon immer bewusst gewesen und verhalte mich entsprechend.

Die einzige Möglichkeit, dies zu verhindern, ist, entsprechende Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Beispielsweise E-Mails zu verschlüsseln, was natürlich die Überwindung einer gewissen Bequemlichkeit erfordert. Und – fast könnte man es vergessen haben, wenn man sich die gegenwärtige Netz-Empörung vor Augen führt – es gibt bei uns keinen gesetzlichen Zwang, E-Mails zu benutzen. Die Briefpost ist noch nicht abgeschafft worden. Übrigens: eine mail sicher zu verschicken ist viel einfacher als man denkt: Es genügt schon einen Text als WORD-Dokument mit einem Kennwort zu verschlüsseln und dann als Anhang zu verschicken. Das ist zwar nicht unentschlüsselbar, ein Späh-Programm ist dann aber schon einmal ausgetrickst! Es gibt unzählige andere, sicherere, aber auch etwas kompliziertere Methoden, die ich nicht alle an dieser Stelle aufzählen kann. Machen wir uns doch nichts vor: Es ist unsere Bequemlichkeit schuld, nicht als Faulheit, dass wir alle möglichen persönlichen daten einfach so in die Welt schicken!

Und noch ein Wort zu der angeblich großen Gefahr, die für uns alle von den viel geschmähten Spähprogrammen ausgeht:

Keine Ahnung, ob es wirklich sieben Terroranschläge in Deutschland waren, die durch die Arbeit des Geheimdienstes vereitelt wurden. Aber wenn es nur einer war, ist das jedenfalls für mich ein Grund darüber nachzudenken, ob man nicht aus Sicherheitsgründen gewisse Eingriffe in die Persönlichkeitssphäre einfach akzeptieren muss, zumal dies ohnehin .

Was glauben denn diejenigen, die sich über den „Skandal“ echauffieren, woher die Informationen kommen, wenn es heißt, der und der Terroranschlag konnte verhindert werden, weil es Informationen gab, dass ein solcher geplant war? Geheimdienste müssen eben manchmal auf Wegen an Informationen kommen, die ein Ermittler nicht beschreiten darf: Informanten, Wanzen, abhören.

Wer meint, dies negieren zu müssen, nimmt auch billigend in Kauf, dass dies Menschenleben kosten kann. Mit „normalen“ Ermittlungsmethoden lassen sich solche Erkenntnisse nicht gewinnen. Eine reelle Gefahr, die uns alle konkret drohen kann, geht meines Erachtens von fanatischen Terroristen aus, nicht von denen, die Späh-Programme einsetzen.

Doch die ganze Diskussion, die sich derzeit in unseren Landen entflammt hat, ist ohnehin völlig sinnfrei. Ebenso wie der – von Oppositionsparteien scheinheilig erhobene – Vorwurf, die derzeitige Bundesregierung würde nicht intensiv genug bei der US Regierung intervenieren, um das Abhören zu beenden.

Als würde sich die amerikanische Regierung auch nur ansatzweise dafür interessieren, was wir Deutschen darüber denken. Das interessiert sie eben soviel, wie der Protest gegen das menschenunwürdige und menschenrechtswidrige Lage in Guantanamo.

Und hier sind wir bei einem Thema, das wirklich wichtig ist und das mich empört:

Wenn ich über etwas entsetzt bin, was sich in den USA ereignet, dann sind es Menschenrechtsverletzungen, die sich in einem einstigen Musterland der Demokratie immer wieder ereignen: Ich spreche von der Folter, das furchtbare water-boarding auf Guantamo, davon, dass dort Menschen ohne gerichtliche Entscheidung jahrelang festgehalten werden. Ich spreche von der Todesstrafe, die in einigen amerikanischen Bundesländern immer noch verhängt wird, von fragwürdigen Deals, dass jemanden die Todesstrafe erspart wird, wenn er ein Geständnis ablegt. Was ist ein solches Geständnis wert?

Hier sollte man an das Gewissen der US-Amerikaner appellieren! Hier liegen wirklich drängende Probleme. Aber daran haben wir uns ja schon gewöhnt, das gibt es ja schon so lange. Ob irgendein amerikanischer Geheimdienstler – rein theoretisch – eine private E-Mail von mir liest, ist mir dahingegen völlig schnuppe! Denn ich weiß, meine E-Mails sind nicht vertraulich: Sie können von jedem mitgelesen oder von speziellen Programmen ausgewertet werden. Und dies geschieht auch, Tag für Tag. Und wenn der NSA morgen seine Aktivitäten einstellen würde, würde es trotzdem weiter geschehen, von Netz-Kriminellen von anderen Geheimdiensten. Und so kann ich der ganzen aufgeregten Panikmache doch noch eines abgewinnen: Es ist hoffentlich das Bewusstsein dafür geschärft worden, dass derjenige, der im und mit dem Internet arbeitet und der gleichwohl seine Privatsphäre schützen will, dies auch aktiv tun muss. Denn Internet, die weltweite Vernetzung von Computern, dies es – jedenfalls theoretisch – ermöglicht von jedem beliebigen Computer auf jedem beliebigen Ort der Welt auf jeden beliebigen Computer an jedem beliebigen Ort der Welt zuzugreifen und Privatsphäre ist eigentlich ein unauflösbarer Widerspruch.

Wenn ich mein Haus von sämtlichen Rollläden und Gardinen befreie und jedem ermögliche hineinzublicken, dann darf ich mich nicht wundern, wenn das auch jemand tut. Und wenn ich dies nicht will, muss ich den Sichtschutz eben wieder benutzen, auch wenn es womöglich für mich unbequem ist. So einfach ist das!

Über Thomas Albrecht

Mitglied des Trierer Stadtrates.
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