Vom assyrischen Prinzen Trebeta zu Karl Marx und den „Bildern der Schande“

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Sie stellen wissgebierige Fragen im Trebetasaal des Städtischen Museums Stadtmuseum Simeonstift Trier: ALif Mohamed Bakr, ihre drei Kinder Kina Mahmo, Fatima Mahmo und Abdulrahman, die drei Kinder (Lourin, Lawand , Baran)von Bahzad Sharif und Rozana Zibar und das junge Ehepaar Dilja Haran und Ferhad Shekko

Nach unserm Besuch auf dem Olewiger Weinfest  und der kleinen Stadtführung mit Abendessen auf dem Viehmarkt bei Mehmet Mehmet Kirisikoglu am vergangenen Samstag  haben meine syrischen Freunde und ich heute den dritten Tag miteinander verbracht.

Im städtischen Museum

Heute war Museumskultur angesagt: An dieser Stelle sei dem Stadtmuseum Simeonstift Trier – der Direktorin, Dr. Elisabeth Dühr – und dem Karl Marx Haus – speziell Frau Elisabeth Neu – ganz herzlich dafür gedankt, dass wir alle freien Eintritt hatten. Vielen Dank, liebe Kathrin Schug für die tolle Idee, den syrischen Gästen Postkarten mit historischen Ansichten des Moselufers zu schenken. Das hat sie sehr gefreut!

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Das Stadtmodell von 1800 begeistert vor allem Architekt Bahzad Sharif.

Schon viele Male habe ich Führungen im Städtischen Museum Simeonstift gemacht. Aber noch nie habe ich mit einer Gruppe von elf interessierten Syrern vor dem Bild des Trebeta gestanden und habe über ihre Urväter berichtet:Den assyrischen König Ninus und seinen Sohn Trebeta, eben jener sagenumwobene Gründer der Stadt Trier.
Großes Interesse ruft das Modell von Trier um 1800 vor allem bei meinem syrischen Architektenfreund Bahzad Sharif hervor, hat er doch selbst in Syrien u.a. solche Modelle hergestellt.
Und auch das Trier-Modell von 1944, die zerstörte Innenstadt um den Dom, erhält für mich vor dem Hintergrund dessen, was meine syrischen Freunde in Kobane, in Aleppo, erlebt haben, was sie an zerstörten Städten gesehen haben, eine ganz andere Bedeutung.

Von den Römern zu Karl Marx

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Lourin besiegt den Gladiator.

Da die 6 Kinder im Alter von 3 – 15 Jahren nach dem Museumsbesuch eine Pause benötigen, geht ein Teil der Erwachsenen mit ihnen in die Trier-Galerie zu den römischen Gladiatoren, die dort zurzeit gastieren. Hier lassen sie ganz begeistert Photos von sich und den römischen Animatoren machen, bauen im Untergeschoss mit überdimensional großen Legosteinen die Porta Nigra nach.
Auch der kleine Baran Sharif (3) – der an seinen Kriegserlebnissen noch lange zu knabbern haben wird – kann hier entspannen.

Und dann, für Bahzad Sharif, der Höhepunkt des Tages: Er steht „seinem“ Karl Marx in dessen Geburtshaus in der Brückenstraße – zumindest der Büste – „face to face“ gegenüber und…. strahlt.
Für eine Christdemokratin eine zumindest ungewöhnliche Situation, dass der aus einer marxistischen syrischen Familie stammende syrische Flüchtling mir aus dem Werken von Karl Marx zitiert.
Begeistert sind meine Gäste vom Kleinod des Museums, dem neu, im französischen Stil symmetrisch angelegten Garten, der viele Erlebnisse aus dem Leben von Karl Marx aufgreift (z.B. die Weinreben – Not der Moselwinzer im 19. Jhd) und den Marx-Büsten.

Mehmet hilft

Mehmet

Der tolle Unterstützer der kurdischen Flüchtlinge in Trier: Mehmet Kirisikoglu (rechts) vom „Ali Baba'“ neben seinem Angestellten.

Beendet haben wir unseren kulturhistorischen Tag – wie beim letzten Mal – bei unserm Freund Mehmet auf dem Viehmarkt („Ali Baba“), Seine Hilfe ist nicht oft genug zu erwähnen, seine Herzlichkeit, mit der er uns jedes Mal empfängt. Ebenso seine Mitarbeiterin Güllü Temizsoy. Und dann das gute türkisch-kurdische Essen! Habt Dank, Ihr Beiden, für Eure große Unterstützung!

Seit ein paar Tagen hat Mehmet eine Spardose in seinem Geschäft aufgestellt, die ich ihm auf sein Bitten vorbei gebracht habe (ein Karl Marx mit Geldschlitz, Aufschrift „Das Kapital“ :-): „Weißt Du, meine Angestellten geben einen Teil ihres Trinkgeldes dort rein. Sie wollen ihre Landsleuten, die hier nach Trier kommen, gerne unterstützten!“
Soviel Großmut verschlägt einem die Sprache!

Bilder der Schande

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Ist das der Luxus, von dem manche Trierer Bürger und Bürgerinnen reden, wenn sie von den Einkünften der Flüchtlinge reden, denen es „besser geht als unseren Hartz IV- Empfängern“?

Was mir aber auch die Sprache verschlug – sowie gewiss auch dem Kamerateam des swr, das auf dem Gelände nach lohnenswerten Aufnahmen und Gesprächspartner suchte – war das, was mich in der Dasbachstraße erwartet hat. Seit Samstag, 8.8.2015 war ich nicht mehr hier gewesen: Überall Matratzen auf dem ganzen Gelände. Ein Gewimmel von Personen. Man hat das Gefühl, dass mindestens so viele Menschen draußen wie drinnen schlafen.
Auf Wunsch von Ferhad Shekko – die ich mit zwei der sechs Kinder mit dem Auto nach Hause gebracht habe, da sie schwanger ist und für sie der lange Weg vom Viehmarkt bis in die Dasbachstraße (wie die anderen acht Personen) zu anstrengend ist – gehe ich mit in das Gebäude, in dem sie sowie Familie Sharif/Zibar wohnt:
Die Zustände sind unbeschreiblich, ein kleines, heißes,enges Zimmer für fünf Personen, somit keinerlei Intimsphäre, der ganze Flur ist belegt mit Betten sowie mit Matratzen, auf denen ebenfalls geschlafen wird.

Dieser Anblick lässt mich nicht mehr los, auch nicht, als ich mich von Ferhad verabschiedet habe.
Und als es donnert und blitzt und anfängt zu regnen, als ich in mein Bett gehe, denke ich daran, was man jetzt wohl mit den Flüchtlingen machen wird, die draußen schlafen, da „kein Platz in der Herberge für sie war“ und wir leerstehende Gebäude in Trier, in denen wir die Flüchtlinge unterbringen könnten, wegen Brandschutzauflagen nicht benutzen. Wie sagte Damian Schwickerath vom Trierischer Volksfreund: „Bilder der Schande“.

Recht hat er!!

Über Jutta Albrecht

Ehefrau von Thomas . Ebenfalls Mitglied des Stadtrates. Lehrerin und Historikerin.
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