Der November in Benin

Schon wieder ist der Monat fast vorbei und ich melde mich mit einem kleinen Bericht, was diesen Monat so alles passiert ist.

Fête de Femmes

Bereits Anfang November gibt es bei uns einen Grund zum Feiern: Assemblee de Dieu feiert 25jähriges Bestehen, gleichzeitig mit einem „ Fête des Femmes“ (Fest der Frauen)Bild 1 verbunden. Überall sind bunt geschmückte Frauen zu sehen. Sie sind extra für den heutigen Anlass aus den umliegenden Dörfern angereist, um gemeinsam zu feiern. Manche sind schon in der Kirche am Singen, andere bereiten ihr Nachtlager in den Klassenzimmern. Es sind so viele, dass einige dort übernachten müssen. In der Kirche werden Reden gehalten, es wird gebetet und natürlich viel getanzt – und das bis zwei Uhr morgens. Pauline und ich beschränken uns allerdings hauptsächlich aufs Zuschauen.

Natitingou

Kurz nach dem Fest reisen wir wieder einmal nach Natitingou, um Anna und Andrea zu Bild 2besuchen und den großen Markt auszunutzen. Ich habe sehr viele Stoffe gekauft, um mir viele schöne Kleider nähen lassen zu können. Ein Ergebnis davon seht ihr unter dem Text.
Nach einer sehr langen Anfahrt mit einer Polizeikontrolle und etlichen anderen Zwischenfällen sind wir nach zweistündiger Verspätung endlich am Ziel. Aufgeregt nehmen uns Andrea und Anna in Empfang, denn sie haben eine Überraschung für uns vorbereitet. Was uns da wohl erwarten wird?

Ein Motorradtaxi soll uns zum Ort des Geschehens bringen. Es geht über Stock und Stein immer höher und höher hinauf. Dabei muss unser Motorrad mal hier einem Stein ausweichen, dort einem Schlagloch und dabei nicht im Sand versinken.
Oben angekommen hat sich die Auffahrt absolut gelohnt:

Wir stehen direkt neben einem großen Pool in einem Luxushotel und haben einen tollen Blick über ganz Natitingou. Endlich baden in dem wahrscheinlich einzigen öffentlichen Pool weit und breit! Das Hotel hat allerdings auch eine traurige Geschichte: Nach 11 Jahren ist es immer noch nicht fertig gestellt. Überall sehen wir halb fertig gestellte Gebäude. Der Pool ist das einzige, was schon komplett fertig gestellt ist. Gebaut wird hier nur, wenn das Geld vorhanden ist und wenn kein Geld mehr da ist, liegt die Arbeit brach. Schade. Ein so schönes Hotel würde bestimmt viele Touristen anlocken.

Eine schockierende Nachricht

Bild 3Kurz nach unserer Rückkehr aus Natitingou erwartet uns eine schockierende Nachricht: ein Kind in unserem Hof ist verstorben. Wir wissen nicht genau, woran es gestorben ist, vermuten aber, dass es sehr krank war und schließlich seiner Krankheit erlegen ist. Die wenige Male, die ich das Kind gesehen habe, kannte ich es nur weinend und wimmernd. Am Tag unserer Ankunft ist unser Hof voller Leute, die der Mutter kondolieren wollten. Die Anteilnahme ist wirklich überwältigend und rührend.

Leider sollte es nicht bei einem Toten bleiben: Kurz nach dem Kind stirbt Tin Tin, ein Hundewelpen, den ich besonders ins Herzen geschlossen habe. Auch hier weiß niemand so genau woran Tin Tin gestorben ist. Wahrscheinlich war auch er krank. Inzwischen sind tatsächlich fast alle von unseren kleinen Hunden gestorben. Ursprünglich waren es sechs, inzwischen ist noch einer übrig geblieben.Bild 4

Die beiden Geschichten haben mich stark zum Nachdenken angeregt und sehr traurig gemacht. Wie wäre das ganze wohl in Deutschland mit besserer medizinischer Versorgung ausgegangen? Hätten das Kind und die Hunde dann auch sterben müssen? Mit Sicherheit sagen kann das wohl niemand.

Le barrage

Bild 5Um uns von dem Schock etwas zu erholen, beschließen wir einen großen Stausee (oder auch „le barrage“, wie ihn die Menschen hier nennen) bei uns in der Nähe zu besuchen. Angeblich sollen in der Trockenzeit Löwen und Elefanten am See trinken. Sogar Krokodile sollen sich in ihm finden.
Ob das wirklich stimmt, weiß man hier nie so genau. Wir entscheiden uns trotzdem dagegen es auszutesten und
begnügen uns mit einem Blick am Rande des Sees.

Die erste Klassenarbeit

Aber neben den schlechten Nachrichten gibt es auch gute: Ich komme mit meinem Deutschkurs gut zurecht und habe inzwischen sogar meine erste KlassenarbeitBild 6 geschrieben.
Schwer ist es nicht eine Klassenarbeit zu konzipieren, aber auf jeden Fall vieeeel Arbeit.
Den Unterricht zu gestalten und mich mit den Regeln vertraut zu machen, fällt mir anfangs sehr schwer. Viele Dinge laufen ganz anders als in Deutschland. In den Klassen ist es sehr viel lauter, als ich es gewohnt bin. Das liegt nicht nur an den Schülern, sondern auch an den Außengeräusche. Die Klassenräume sind absolut nicht schalldicht. Da hört man schon mal den Lehrer nebenan brüllen und die Schüler lachen oder man hat wie Pauline das Glück, direkt neben einer vielbefahrenen Straße zu sein und noch dazu neben einer lauten Klasse. Ein lautes Organ ist hier definitiv von Vorteil.
Für jedes Fach haben die Schüler ein Heft für den Kurs (cahier de cour) und ein Aufgabenheft (cahier d’exercise) Auch das musste ich erst einmal verstehen. Außerdem hat jede Klasse zwei Klassenverantwortlichen, die die Bücher holen müssen oder Schüler zum Direktor begleiten, wenn sie sich nicht benommen haben. Es gibt nur Bücher für den Unterricht – kein Schüler hat ein eigenes Deutschbuch, weil dazu das Geld fehlt. Geben wir Hausaufgaben aus dem Buch aus, müssen wir sie entweder an die Tafel schreiben oder ein Schüler muss für alle anderen die Seiten kopieren. Wenn die Schüler sich nicht benehmen, ist wohl das Beste, was man ihnen drohen kann, sie zum Direktor zu schicken. Für seine Strenge ist er berühmt und berüchtigt.

Wenig motivierte Schüler 

Bild 7Meine schwierigste Aufgabe ist allerdings die Schüler zum Lernen zu bewegen oder dazu zu bringen, ihre Hausaufgaben zu machen. Hausaufgaben werden meist nur von der Hälfte der Klasse gemacht und Vokabeln prinzipiell von niemandem gelernt. Auch selbst schlechte Noten scheinen nicht wirklich dazu zu motivieren mehr für die Schule zu machen.
Ein Kollege hat den Grund dafür sehr gut erläutert: Viele sind den ganzen Tag vollkommen allein zu Hause, weil die Eltern arbeiten müssen oder weit reisen, um zu ihrer Arbeitsstelle zu kommen. Und selbst wenn die Eltern daheim sind, kontrollieren die meisten ihre Kinder nicht, weil sie selbst zu sehr mit Arbeiten beschäftigt sind. Ein jeder Schüler ist für sich selbst verantwortlich und der Lehrer dafür, dass seine Schüler lernen. Zudem haben manche Schüler keinen Strom daheim. Da die Schule um 17 Uhr oder für manche Schüler sogar erst um 19 Uhr endet, es um 19 Uhr aber schon dunkel ist, gibt es für sie dann keine Möglichkeit mehr für die Schule zu lernen.

Außerdem müssen viele Schüler nach der Schule arbeiten. Sie verkaufen dann Obst oder Gemüse auf dem Markt oder gehen mit einem Tablett auf dem Kopf in der Stadt rum, um ihre Sachen anzupreisen. Arbeiten sie nicht auf dem Markt, müssen sie daheim ihren Eltern helfen. Bei uns im Hof gibt es kein Kind über 10, das nicht im Haushalt mithelfen muss. Und Hausarbeit ist hier anstrengend: Es muss gespült werden, die Kinder müssen gewaschen werden, Wasser muss vom Brunnen geholt werden … Aber ohne die Mithilfe der Kinder ist die Arbeit für die Mütter oftmals nicht zu bewältigen.
Aus der Sicht ist es also deutlich verständlicher, warum es schwer fällt die Schüler zum Lernen zu motivieren.

Unser Leben hier ist Inzwischen hauptsächlich vom Alltag bestimmt Das allabendliche Kochen und die täglichen Marktbesuche werden zur Routine und die Handwäsche ist lang nicht mehr so aufwendig wie sie anfangs war. Ich bin schon gespannt darauf, was sich nächsten Monat Neues bei uns ergeben wird und freue mich schon Euch davon zu berichten (schließlich ist ja dann auch Weihnachten, was bei uns allerdings bei der täglichen Hitze noch sehr weit entfernt ist). 

Bis zum nächsten Mal!
Eure Sarah

Bild 8

Über Sarah Albrecht

Die Tochter der Familie Albrecht. Psychologin.
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