Wo Wasser eine Kostbarkeit ist

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Das Weihnachtspaket von meinen Eltern ist angekommen!

Nach sehr langer Zeit melde ich mich einmal wieder, um euch von Benin zu berichten. In letzter Zeit war so viel los, dass ich tatsächlich selten einen klaren Kopf hatte, um in Ruhe meinen Bericht zu schreiben. Dezember ist unglaublich viel passiert, was natürlich hauptsächlich an den vielen Feiertagen lag.

Weihnachten in der Ferne

Bereits Anfang Dezember habe ich mir Gedanken gemacht, wie Weihnachten wohl in Benin aussehen könnte. Natürlich wird es ganz anders sein als in Deutschland, schon, da sich das Klima deutlich unterscheidet. Während es in Deutschland über Weihnachten 10 – 15 Grad waren, sind es in Benin das ganze Jahr über um die 30 Grad.

In Benin wird Weihnachten am 25. Dezember gefeiert, genau wie in Frankreich. Der 24. Dezember ist also für unsere kleine deutsche Feier reserviert. Ursula allein hat uns abends zum Essen bei sich eingeladen.

Unser erster Weihnachtstag beginnt bereits mit einer tollen Nachricht. Mein Paket aus Deutschland ist endlich angekommen, nachdem es wochenlang unterwegs war. Natürlich freue ich mich riesig. Sonst hätte ich gar nichts Weihnachtliches aus der Heimat gehabt.

Später am Abend feiern wir mit leckerem Essen, Geschenken und einem Bid 2weihnachtlichen Film bei Ursula. Pauline und ich beschließen schließlich in den katholischen Mitternachtsgottesdienst zu gehen. An Heiligabend ist uns auf jeden Fall nach einem Gottesdienst zumute. Ein Glück, dass wir uns dafür entschieden haben. Die Kirche ist total bunt geschmückt. Überall hängen bunte Girlanden und künstliche Blumengestecke.

Ein fröhlicher Gottesdienst

All das erinnert mich mehr an einen Geburtstag als an Weihnachten. Aber wenn man es genau sieht, ist es ja genau das: Der Geburtstag von Jesus Christus. Die Jugendgruppe der Kirche spielt uns ein tolles, furchtbar lustiges Krippenspiel vor. Selten habe ich in der Kirche so viel gelacht.

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Der Gottesdienstraum

Zwischen den Liedern gibt es immer wieder Leute, die aufstehen und tanzen, aber als im Spiel schließlich Jesus geboren wird, ist die ganze Kirche nicht mehr zu halten. Ein jeder steht auf, singt lautstark mit und tanzt. Selbst der Pastor macht mit und fordert sogar die Gemeinde auf noch lauter zu singen. Schließlich ist heute ein Tag zum Feiern. Der ganze Gottesdienst ist ein einziges ausgelassenes Fest. Ein Fest, um die Geburt von Jesus zu feiern. Während unsere Gottesdienste und besonders der Weihnachtsgottesdienst sehr besinnlich sind, lerne ich hier ein ganz neues Weihnachten kennen. Ich finde es toll. Schließlich ist die Geburt Jesus etwas, das man tatsächlich feiern sollte. Noch nie bin ich so fröhlich aus einem Gottesdienst gegangen.

Der Hauptanlass meines Berichtes ist allerdings euch von zwei Reisen zu berichten, die mich sehr beschäftigt haben. Wäre es noch Weihnachten, würde ich sie als besinnliche Geschichte zum Nachdenken verpacken, aber auch so regt sie bestimmt zum Nachdenken an.

Bagapodi

Kurz vor Weihnachten beschließen Pauline und ich, Charlotte – ein Mädchen aus unserem Alphabetisierungskurs – zu besuchen. Sie ist seit November bei ihrer Mutter im Dorf, um ihr zu helfen Vorräte für die Trockenzeit anzulegen.

Bild 4Schon die Hinfahrt ist für uns ein großes Abenteuer. Am Tag unserer Abfahrt kommen wir viel zu spät los, weshalb es an dem Tag keinen Autobus mehr gibt, der uns ins Dorf Bagapodi fahren kann. Auch rumfragen hilft nichts. Heute fährt nichts mehr. Fast hätten wir unsere Reisepläne an den Nagel gehängt, wäre uns nicht ein Motorrad-Taxi begegnet. Bagapodi ist eine Stunde von Tanguiéta entfernt. Weder Pauline noch ich springen bei der Vorstellung vor Freude in die Luft, eine Stunde zu dritt auf einem Motorrad ohne Helm auf holprigen Straßen zu fahren. Nur weil er uns tausendmal verspricht vorsichtig zu fahren, willigen wir schließlich ein und wagen die Fahrt ins Ungewisse. Die Fahrt ist dann auch nicht so schlimm wie gedacht, obwohl mir danach alles weh tut.

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Das Wasserloch

Als Charlotte uns sieht, freut sie sich riesig über die Überraschung. Das Haus ihrer Mutter besteht aus einem kleinen Vorhof, wo auch gekocht wird, und vier kleinen Räumen. Strom gibt es keinen. Charlottes Zimmer ist ein kleiner Raum, in dem eine Matte liegt. Sonst gibt es nichts in dem Zimmer. Ein seltsames Gefühl für mich. Selbst in unserer Wohnung in Tanguiéta stehen so viele Sachen, dass ich es nicht schaffen würde sie alle aufzuzählen. Ganz zu schweigen von meinem Zimmer in Deutschland. Für Charlotte wäre es dagegen sicherlich kein Problem innerhalb von 5 Minuten ihren kompletten Besitz aufzuzählen.

Nach unserer einstündigen Fahrt durch Hitze und Staub haben wir allerdings zunächst nur einen Wunsch: uns zu waschen. Das ist allerdings nicht so einfach, denn dafür muss erst Wasser geholt werden. Wir beschließen Charlotte zu begleiten. So laufen wir mit einer großen Schüssel ausgestattet los. Nach 15 Minuten sind wir schließlich am Ziel. Aber: Wo ist der Brunnen? Als wir etwas vorgehen, verstehen wir schließlich, wo die Leute ihr Wasser herbekommen. Sie schöpfen es aus einem kleinen Loch mitten in der Natur. Schon jetzt am Anfang der Trockenzeit gibt es so wenig Wasser im Dorf, dass die Menschen in der Natur Löcher graben müssen, um so an Wasser zu kommen. Der einzige Brunnen ist bereits jetzt fast erschöpft. Die Menschen hier müssen jeden Morgen um fünf oder sogar vier Uhr aufstehen, um das wenige Wasser, das sich dann im Brunnen angesammelt hat, zu schöpfen. Es gibt eine große Pumpe, die über das ganze Jahr Trinkwasser hat, allerdings ist es ein längerer Fußweg dorthin und für das Wasser muss bezahlt werden. Das Geld wird zwar gesammelt, um eventuelle Reparaturen an der Pumpe zu zahlen, dennoch sind selbst ein paar Cent viel Geld für die Menschen hier.

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Langer Marsch mit wertvollem Trinkwasser

Das ganze Wasser, welches Charlotte geschöpft hat, muss natürlich wieder zurück transportiert werden. Also nimmt sie den Wasserbehälter auf den Kopf und wir trotten hinter ihr her. Später versuche ich den Behälter nur ein Stück hochzuheben, aber selbst das gelingt mir nicht. Und mit solchen schweren Behältern gehen die Frauen tagtäglich Wasser holen und legen lange Fußmärsche zurück.

Nach unserer Dusche möchte Charlotte uns ihr Dorf zeigen und ihre Verwandten und Freunden vorstellen. Der Besuch dauerte viel länger und ist viel anstrengender als gedacht. Die einzelnen Häuser im Dorf sind sehr weit voneinander entfernt und man muss lange Fußmärsche zurücklegen. Obwohl hier alles sehr vertrocknet ist, finde ich die Natur sehr beeindruckend. Überall sieht man riesige Mais- und Baumwollfelder, vereinzelte grüne Sträucher, Bäume und kleine Felsen. Abends fallen wir nach dem langen Marsch todmüde auf unsere Matten.

Nach einer langen und sehr ungemütlichen 

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Ein Krankenzimmer

Nacht (an eine dünnen Matte auf hartem Untergrund muss man sich erst mal gewöhnen), machen wir uns erneut auf um das Dorf zu erkunden. Heute stehen das Krankenhaus und die Schule auf unserem Programm. Zur Schule laufen wir bestimmt eine halbe Stunde. Das ist in der Mittagshitze schon echt anstrengend. Das Krankenhaus ist sogar noch weiter entfernt. Eigentlich ist es mehr eine kleine Arztpraxis als ein Krankenhaus. Für das ganze Dorf stehen insgesamt zwei Betten zur Verfügung und es gibt eine einzige Krankenschwester, die sich um alle Patienten kümmern muss.

Nach den vielen kurzen, aber intensiven Eindrücken ist es für uns schon wieder ZeiBild 8t heimzukehren. Zum Abschied bekommen wir tatsächlich noch ein Geschenk von Charlottes Mutter: einen großen Hahn. Unglaublich, dass sie uns, nachdem wir zwei Tage lang beköstigt wurden, auch noch einen Hahn schenkt. Hier ist ein Hahn etwas sehr Wertvolles. Es gibt nicht jeden Tag Fleisch und wenn, dann nur zu Festtagen. Dementsprechend können wir uns sehr geehrt fühlen. Dennoch sind Pauline und ich aber erst einmal überfordert. Was macht man mit einem lebenden Hahn und vor allem- wie bringt man ihn zurück nach Tanguiéta? In unserem Fall müssen wir ihn irgendwie in einem kleinen vollgestopften Minibus unterbringen. Glücklicherweise stellt sich Pauline schnell als Hahnenflüsterin heraus und der Hahn schläft die ganze Autofahrt friedlich auf ihrem Schoß. Aber er kann sich glücklich schätzen, dass er bei uns ist und nicht bei den anderen 30 Hühnern, die draußen am Bus hängen.

Porto Novo/ Cotonou

Ein paar Tage später gibt es für uns das komplette Kontrastprogramm: Wir haben uns entschieden Neujahr und meinen Geburtstag in Porto Novo und dann in der Hauptstadt Cotonou zu verbringen. Seit unserer Ankunft in Benin sitzen wir das erste Mal wieder in einem Bus nach Cotonou. Tatsächlich fällt mir jetzt erst das  Nord-Süd Gefälle in Benin auf. Je weiter wir in den Süden fahren, desto besser werden die Häuser, desto besser werden die Straßen und vor allem desto grüner wird es. In den südlichen Städten gibt es nicht so schlimme Wasserprobleme wie im Norden, weil es hier zwei Regenzeiten gibt.

 Ich weiß noch, wie ich bei meiner Ankunft in Benin auf dem Dach unserer Unterkunft stand, mich umgeschaut habe und dachte: wie ärmlich die Häuser hier doch sind. Jetzt stehe ich auf genau demselben Dach, schaue mich um und denke mir: wie reich die Menschen hier doch sind. In Tanguiéta sieht man selten ein stabiles, gut zementiertes Haus. Hier sieht man solche Häuser überall.

In Tanguiéta gibt es nicht viele große Boutiquen und die Auswahl an verschiedenem Gemüse und Obst ist klein. Hier decken Pauline und ich uns erst einmal mit Unmengen von Ananas und Bananen ein. 

Die Tage darauf folgt zunächst viel Sightseeing in Porto Novo. Besonders beeindruckt hat mich „Songhai“ – eine Biofarm mit der Besonderheit, alles wiederzuverwerten. Bei der Besichtigung sehen wir Hühnerfarmen und Unmengen an Obstbäume, Gemüsefeldern, Maisfeldern, Fischbecken.

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Songhai“ eine Biofarm

Alles ist miteinander in einem großen Kreislauf verwoben.  Das Gemüse und das Obst wird nur mit Bioabfällen gedüngt. Auch die Tiere bekommen nur Biofutter. Selbst das verrottete Fleisch wird aufgehoben, um Würmer zu züchten, die dann an Fische verfüttert werden. Plastikmüll wird wieder eingeschmolzen, um daraus neue Plastikbehälter zu machen. Deutschland kann sich von einer so fortschrittlichen und durchdachten Farm definitiv eine Scheibe abschneiden. 

In Cotonou fällt es mir zunächst sehr schwer mich an die Lautstärke und den ganzen Trubel zu gewöhnen. Schließlich war ich noch vor ein paar Tagen auf einem Dorf ohne Strom und mit großen Wasserproblemen. Vor die größte erste Herausforderung stellt mich unsere Dusche im Hotel. Wie kann aus einem kleinen Duschkopf nur so viel Wasser kommen? Und wie viel Wasser dabei verloren geht. In Deutschland ist mir das nie aufgefallen. Ich traue mich fast gar nicht den Hahn richtig aufzudrehen, weil ich so ein schlechtes Gewissen habe so viel Wasser zu verschwenden.

Während dem Spaziergang durch die Straßen von Cotonou, fühle ich mich wie in eine andere Welt versetzt. Überall gibt es Hochhäuser und blinkende Läden. Die Straßen sind vollgestopft mit Menschen, Autos und Motorrädern. Tatsächlich erhaschen wir zweimal einen Blick auf einen Porsche. Es gibt thailändische, italienische, chinesische Restaurants, Cocktailbars …  Am Strand verteilt stehen riesige Villen. Fast habe ich das Gefühl einen zweiten Kulturschock zu erleiden. Hier gibt es so viel mehr als bei uns im Norden und die Menschen sind so viel reicher…

Die Tage in Cotonou klingen sehr schön aus mit einer kleinen Silvesterfeier bei Freunden. Dennoch bin ich froh einen Tag später wieder in Tanguiéta zu sein. Cotonou war furchtbar laut und chaotisch. Tanguiéta dagegen ist viel ruhiger und friedlicher. Wie immer werden wir herzlich von unserer Gastfamilie, den Nachbarn und den Kindern empfangen. Schön, dass sich Tanguiéta schon jetzt nach gerade einmal vier Monaten wie Heimat für uns anfühlt. 

Die Zeit in Bagapodi und Cotonou regt mich noch jetzt sehr zum Nachdenken an. Wie können im gleichen Land Menschen leben, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben und teils kilometerweit laufen müssen, um Wasser zu finden, und auf der anderen Seite gibt es 500km entfernt so viel Wasser, dass es achtlos weggeschüttet wird? Wie können sich Menschen auf der einen Seite nicht Mal ein Haus aus Zement leisten und in Cotonou stehen riesige Villen am Strand?  

Aber leider ist es überall auf der Welt so ungerecht und wenn man Deutschland mit Benin vergleicht, ist es sogar noch viel ungerechter. In Deutschland verbraucht jeder Mensch im Durchschnitt 121 Liter pro Tag und damit sind wir noch eins der sparsamsten Länder weltweit. Länder wie die USA oder

Japan verbrauchen täglich fast 280 Liter. Hier in Benin verbrauche ich ziemlich genau 12 Liter pro Tag. Bei uns hat jedes Haus ein Wasserhahn, aus dem so viel Wasser kommt, wie man möchte. Wir drehen einfach den Wasserhahn auf und müssen uns keine Gedanken  mehr machen. Wir stellen einfach die Mülltonne vor die Tür und müssen uns keine Gedanken mehr machen. Wir können einfach in den Supermarkt gehen und finden das ganze Jahr über die gleiche Auswahl. Niemals wird irgendetwas leer. Es gibt immer genug von allem. Wie oft waren wir in Tanguiéta auf dem Markt und es gab nirgendwo mehr Käse, Honig oder Obst. In einem Monat wird es fast gar nichts mehr an Obst und Gemüse geben, weil die Trockenzeit dann schon so lange anhält. So etwas kann in Deutschland nie passieren. 

Über Sarah Albrecht

Die Tochter der Familie Albrecht. Psychologin.
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2 Kommentare zu Wo Wasser eine Kostbarkeit ist

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