Winter in Benin: Der Tod gehört dazu.

Ein erneutes Hallo von mir aus Benin!

In meinem letzten Bericht war nicht mehr wirklich Platz, um alles, was im Januar und auch im Februar so passiert ist zu schildern. Deshalb hole ich das in dieser Mail nach.

Ein neuer „Look“

Bild 1Anfang Januar beschließe ich meinen Look etwas zu verändern. Hier machen eigentlich alle Frauen etwas besonders mit ihren Haaren. Deshalb möchte ich meine Haare nun auch einflechten lassen. Ich habe es mir definitiv spaßiger vorgestellt als es ist: Die ganze Prozedur dauert sechs Stunden und ist alles andere als angenehm, aber das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Ein paar Tage später steht unsere erste große

Beerdigung

Bild 2

Eine beerdigung in Benin. Trotz größter Hitze tragen alle Jacken.

vor der Tür. Das Wort „Beerdigung“ klingt in Deutschland immer so traurig, aber hier ist es, je nachdem wer gestorben ist, ein riesiges Fest. In unserem Fall ist ein angesehener fast 100jähriger Mann gestorben. Heißt also: es wird ein großes Fest vorbereitet. Die Feierlichkeiten fangen schon am Abend vor der eigentlichen Messe an. Hier nennt man das „la veiller“. Die Familie lädt zu sich nach Hause ein, es wird gesungen und gebetet. Pauline und ich sind das erste Mal aktiv mit dabei und singen im Chor. Später am Abend bekommen wir sogar einen Tanz mit traditionellen Instrumenten zu sehen.

Noch nie habe ich Menschen so tanzen sehen. Es sieht richtig ekstatisch aus – so als wären die Tänzer in Trance verfallen. Es gab immer einen, der vorgetanzt hat und dann sind andere dazugekommen, um mitzutanzen.

Im Übrigen ist es ganz lustig, dass auf dem Foto der Beerdigung Jacken tragen. Inzwischen ist es bei uns nämlich fast unerträglich heiß. Ich schlafe schon gar nicht mehr im Bett, sondern auf dem Boden direkt an der Tür, um wenigstens ein bisschen Luft abzubekommen. Unsere Nachbarn schlafen zur Zeit alle draußen, aber das traue ich mich bei den ganzen Insekten und Tieren nicht. Wir wurden schon eines morgens von einem Skorpion besucht – das hat mir gereicht.

Bild 4Bereits Ende Januar beginnt unser Zwischenseminar. Nach fünf Monaten ist fast Halbzeit für uns. Das Seminar ist in der Nähe von Natitingou bei einem tollen Wasserfall. Es ist interessant, die anderen Freiwilligen wiederzusehen und zu hören, was sie so alles erlebt haben. Die Erfahrungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Manche sind in den zwei größten Städten Benins und kriegen viel vom Beniner Stadtleben mit. Die Probleme im Süden Benins sind nicht die gleichen wie im Norden . Die Wasserprobleme sind nicht so gravierend wie bei uns und die Menschen im Durchschnitt wohlhabender. Allerdings sieht man in Cotonou viel mehr Slums als bei uns. Slums gibt es in dem Sinne in Tanguieta eigentlich nicht.

Einige Freiwillige arbeiten im Krankenhaus, andere wie wir in Schulen, andere in Kindergärten. Besonders sind mir zwei Mädels, die in einem Waisenhaus arbeiten, im Gedächtnis geblieben. Dadurch, dass sie im Waisenhaus arbeiten, sind sie quasi 7 Tage die Woche tag und nachts mit den Kindern beschäftigt. Ein freies Wochenende kennen sie nicht. Im Gegenteil. Am Wochenende arbeiten sie am meisten, weil die Kinder dann nicht in der Schule sind. Wir können uns da mit unseren Arbeitszeiten sehr glücklich schätzen.

Malaria

Der Februar beginnt für mich leider gar nicht gut, weil ich mit einer Malaria im Bett liege. Zunächst geht es mir gar nicht so schlecht, dann vertrage ich die Medikamente aber nicht und es geht mir viel schlechter. Am nächsten Tag beschließe ich dann, ins Krankenhaus zu gehen. Bild 3Das ist hier immer der erste Schritt, weil es so etwas wie Hausärzte gar nicht gibt. Obwohl unser Krankenhaus das Beste im ganzen Land ist, ist es nicht mit deutschen Maßstäben zu vergleichen. Würden die Menschen hier in ein deutsches Krankenhaus kommen, würden sie wahrscheinlich denken, sie wären in einem Hotel. Die Hygienestandards sind niedriger und vor allem ist das Krankenhaus total überlaufen. Selbst aus Ghana und Togo kommen die Menschen, um sich in unserem Krankenhaus behandeln zu lassen. Ich muss über sechs Stunden warten, bis ich endlich behandelt werde. Manche warten sogar noch viel länger und werden dann nach Hause geschickt, weil es die Ärzte an diesem Tag einfach nicht mehr schaffen. Viele Menschen kommen extra aus ihren Dörfern nach Tanguieta angereist, um sich hier behandeln zu lassen. Das führt dazu, dass ihre Angehörigen draußen vor dem Hospital schlafen müssen, weil es in den Unterkünften des Krankenhauses keinen Platz mehr gibt, oder weil sie kein Geld haben die Unterkunft zu bezahlen. Krankenpfleger gibt es in dem Sinne nicht. Für die Pflege des Kranken sind die Angehörigen zuständig.

Allerdings kommt für viele jegliche Hilfe zu spät. Oft geht man hier erst im letzten Moment ins Krankenhaus, weil kein Geld da ist, um die Behandlung zu bezahlen. Müssen sie dann noch vom Dorf extra nach Tanguieta fahren, ist es oft schon zu spät und die Ärzte können nichts mehr machen. Tod spielt hier eine ganz andere Rolle als in Deutschland. Das erlebe ich selbst schon recht bald.

Traurige Nachrichten

Ende Februar erreichen uns traurige Nachrichten. Der Cousin unseres Gastvaters, der lange bei unseren Gasteltern gewohnt hat, ist schließlich seiner Krankheit erlegen. Nur ein paar Tage später erzählt uns Ursula, dass ein junger 22jähriger Mann, den sie aufwachsen gesehen hat, bei einem Motorradunfall verunglückt ist. Er war gerade ein Jahr verheiratet und seine Frau hat erst vor ein paar Wochen ihren ersten Sohn zur Welt gebracht.

Nicht nur die Menschen sterben hier viel früher. Auch die Tiere haben eine viel kürzere Lebenserwartung. Die fünf Hundewelpen, die eine Zeit lang bei uns im Hof waren, sind schon nach ein paar Wochen alle gestorben, genau wie eine kleine Katze. Die meisten Tiere leben hier nur ein paar Jahre. Ein vierjähriger Hund gilt schon als alt.

Aber das sind nicht die einzigen Todesfälle mit denen wir bisher in Benin schon konfrontiert wurden. Im Oktober, kurz nach unserer Ankunft in Benin, ist ein Kind in unserem Hof gestorben. Wir denken, dass es wohl eine Behinderung hatte und deshalb nicht überlebt hat. Vor ein paar Wochen ist überraschend die Cousine von meiner Gastmutter gestorben, was wirklich ein großer Schock für alle war. Sie war gerade einmal 50 Jahre alt und ein großes Vorbild meiner Gastmutter und vieler anderer Frauen. In ihrer Kirchengemeinde hat sie vieles für die Frauen dort getan, war in vielen Projekten beteiligt und hat den Chor geleitet. Sie hat ihren Mann und einen 10jährigen Sohn hinterlassen. Die Beerdigung war dementsprechend sehr traurig. Direkt am nächsten Tag müssen meine Gasteltern auf die nächste Beerdigung. Ein Pastor ist mit 41 Jahren an Hepatitis gestorben.

.. und gute Nachrichten

Zum Glück gibt es im Februar nicht nur schlechte Nachrichten. Unser neuer Alphabetisierungskurs, den wir Anfang Februar gründen, läuft sehr gut. Anfangs ist es ein bisschen schwierig die Leute zu mobilisieren. Der Kurs wird zunächst falsch verstanden und als ein Kurs für Spanisch- und Deutschunterricht in der Kirche deklariert. Nach zwei Wochen hat sich allerdings herumgesprochen, dass wir einen kostenlosen Kurs zum Lesen- und Schreiben-Lernen anbieten und es wollen so viele Leute in unseren Kurs, dass wir schließlich keine mehr aufnehmen können. Für unseren neuen Kurs beschließen wir relativ strenge Regeln einzuführen, damit die Leute regelmäßig kommen und unseren Kurs ernst nehmen. Jeder, der dreimal unentschuldigt fehlt, muss den Kurs verlassen. Außerdem folgen Sanktionen bei Zuspätkommen und nicht gemachten Hausaufgaben. Anfangs fällt es uns gar nicht so leicht, die Regeln so streng durchzusetzen, weil die meisten in unserem Kurs älter sind als wir. Nach kurzer Zeit sehen wir aber schon, dass sich unsere Regeln rentieren. Jeder erscheint pünktlich zum Kurs, die Hausaufgaben werden fast immer gemacht und nur eine Person muss den Kurs verlassen, weil sie mehrfach unentschuldigt fehlt.

Inzwischen haben sich alle unsere Kurse so gut etabliert, dass wir fast eine kleine Schule aufgebaut haben. Wir haben insgesamt vier Kurse gegründet, in denen die Anfänger bis zu den Fortgeschrittenen, die schon einmal in der Schule waren, lesen lernen. Unsere Gastmutter hat einen fünften Kurs übernommen mit denjenigen, die schon lesen und schreiben können, aber viele Fehler machen und sich verbessern wollen. In einem Jahr können sie wahrscheinlich ihren Grundschulabschluss nachholen, was ihnen die Möglichkeit eröffnet aufs College zu gehen.

Insgesamt sind um die 30 Teilnehmer in unseren Kursen, bunt gemischt vom Alter als auch vom Geschlecht, obwohl schon der Großteil aus Frauen besteht. Viele aus unserem Chor sind und sogar zwei Nachbarinnen. Für Frauen ist es oftmals schwieriger lesen und schreiben zu lernen, weil sie sich schon recht früh um Kinder und Haushalt kümmern müssen. Selbst viele Frauen von Lehrern können hier nicht lesen und schreiben. Einige sind vielleicht kurz in die Schule gegangen, haben dort aber nicht viel gelernt, weil die Klassen total überfüllt waren. Auch bei unseren Teilnehmern gibt es einige, die schon einmal in der Schule waren, trotzdem aber nicht wirklich lesen können. Daher ist unser Kurs eine große Chance für viele, vor allem weil wir höchstens 10 Leute in einem Kurs haben und so viel besser auf die einzelnen Schwierigkeiten eingehen können.

Für alle sind die Kurse kostenlos. Das einzige, was sie kaufen müssen ist ein Heft, eine kleine Tafel, Kreide und zwei Stifte.

Der kleine Noe und ich wünschen euch noch eine gute Zeit!

Bild 5

 

 

Über Sarah Albrecht

Die Tochter der Familie Albrecht. Psychologin.
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