Alles wurde anders – Eine Tragödie in 3 Akten

PROLOG

Alles wurde anders, als alle sich das gedacht hatten. Eine Tragödie in mehreren Akten. Ort des Geschehens: Trier.

Wikipedia:
Kennzeichnend für die griechische Tragödie ist der schicksalhafte Konflikt der Hauptfigur. Ihre Situation verschlechtert sich ab dem Punkt, an dem die Katastrophe eintritt..

Jede Katastrophe hat ihre Ursachen. Meistens – so lehrt die Erfahrung – sind es mehrere. Um das, was geschehen wird, richtig zu verstehen, muss man etwas zurückblicken, genauer gesagt in das Jahr 2011.

Die Situation damals: Die Stadt Trier unter Führung des damaligen Oberbürgermeisters Klaus Jensen wollte heraus aus der Schuldenfalle. Deshalb trat die Stadt dem sogenannten Entschuldungsfond bei.

Das ist so eine Art „Deal“ zwischen Land und den Kommunen, der den verschuldeten Kommunen helfen soll, ihre Liquiditätskredite abzubauen. Ein Drittel des benötigten Geldes wird aus dem kommunalen Finanzausgleich – der Solidargemeinschaft der Kommunen – aufgebracht. Ein Drittel wird aus dem Landeshaushalt finanziert und – jetzt kommt der große Haken – ein Drittel muss durch Einsparungen oder Einnahmeerhöhungen aus dem städtischen Haushalt aufgebracht werden! Das bedeutete für das Jahr 2012 ganze 5 Millionen Euro.

Dazu sollten alle Bereiche in der Verwaltung beitragen, aber immerhin 1/5 davon sollte aus dem ohnehin schon viel zu knappen Theaterbudget finanziert werden.
Der damalige Intendant Gerhard Weber fürchtete schon den „radikalen Kulturabbau“

Doch die Existenz des 3-Sparten-Hauses, so der Kulturdezernent Thomas Egger (damals noch FDP), sollte in Gefahr geraten.

Wie sollte das nur gehen? „Ratlosigkeit bei den Betroffenen“, titelte damals der Trierische Volksfreund. Just zu jener Zeit kristallisierte sich nämlich auch heraus, dass das Theatergebäude so marode war, dass es dringend entweder einer Totalsanierung oder gar eines Neubaus bedurfte. Das verschärfte die Situation noch einmal dramatisch.

Wenn man ratlos ist, befragt man am besten Fachleute, dachten damals die Verantwortlichen und taten genau dieses.

Eine renommierte Wirtschaftsberatungsgesellschaft, die Firma ICG (Integrated Consulting Group), wurde mit der Erstellung eines Gutachtens beauftragt. Sie sollten aufzeigen, wie das Unmögliche möglich zu machen wäre. Es dauerte bis zum November 2013, bis das Gutachten auf dem Tisch lag.

Es wurden viele Vorschläge gemacht. Auf zwei wollen wir den Focus legen.

Zum einen wurde gefordert, die Struktur des Theaters grundlegend zu ändern, sie nicht als Eigenbetrieb der Stadt weiterzuführen, sondern sie beispielsweise in eine Anstalt des öffentlichen Rechts (AÖR) umzuwandeln.

Außerdem gab es die Idee, die Führungsstruktur im Theater grundsätzlich zu ändern. Wörtlich hieß es:

Da sich in der Debatte um die Zukunft des Theaters offenbar ein Grundkonsens dahin gebildet hat, dass die Leitung des Hauses durch eine Doppelspitze mit künstlerisch ausgerichtetem Intendanten und wirtschaftlich verantwortlicher Verwaltungsleitung den Anforderungen nicht mehr gerecht wird, soll eine wirtschaftlich und künstlerisch gesamtverantwortliche Intendanz mit Managementschwerpunkt  als alleinige Leitung des Theaterbetriebs eingesetzt werden. Die Bezeichnung „Intendanz“ wird bewusst aufrechterhalten, um die Bedeutung der künstlerischen Bezüge in der Ausrichtung der Stelle zu verdeutlichen, darüber hinaus wird mit dieser Bezeichnung auch die Repräsentanz des Hauses nach außen impliziert.“

Mit anderen Worten: Es sollte künftig ein kompetenter Kulturmanager mit allumfassender Vollmacht das Theater in eine sichere Zukunft führen.

Da die Amtszeit des amtierenden Intendanten Weber ablief, war es naheliegend, dass man mit der Ausschreibung eine Person suchte, die den oben dargestellten Anforderungen möglichst exakt entsprach.

Es lohnt sich, den Ausschreibungstext noch einmal ganz genau durchzulesen:
Ausschreibung Intendanz

Wem das zu mühselig ist, hier noch einmal die wesentlichen Passagen. Die Anforderung lautete, die „wirtschaftliche, organisatorische und künstlerische Gesamtverantwortung für das Haus zu tragen und dieses zu repräsentieren. Außerdem sollte die umfangreiche bauliche Sanierung des Haus begleitet werden. Gesucht wurde demzufolge eine Persönlichkeit mit entsprechender Eignung, idealerweise mit einschlägigem Hochschulstudium oder einer vergleichbaren Qualifikation, mit Erfahrung in Leitungspositionen und profunden betriebswirtschaftlichen Kenntnissen, die sich in hohem Maße mit Kultur und Theater identifiziert. Führungserfahrung im Management von Kultureinrichtungen oder –projekten wurde vorausgesetzt. Man erwartete eine dynamische, kreative und durchsetzungsstarke Persönlichkeit mit hoher Führungs- und Sozialkompetenz, Teamfähigkeit und der Fähigkeit unternehmerisch zu denken„.

        1. Akt – Der Hoffnungsträger tritt auf

72 Personen fühlten sich diesem Anforderungsprofil gewachsen und bewarben sich auf die Stelle.

Eine Findungskommission, bei der auch hoch kompetente Fachleute mitwirkten – neben dem Kulturdezernenten und den Vertretern der Fraktionen sowie einem Repräsentanten des Personalrats auch  die Intendantin des Stadttheaters Gießen, der Intendant des Grand théâtre de la ville de Luxembourg – hatte bald die ideale Person gefunden, genauer gesagt, von der sie überzeugt war, die ideale Person zu sein.

Vorhang auf:
Da steht er, der Held der Tragödie, in strahlendem Licht, der Hoffnungsträger, der alle hellauf begeistert, ja alle, mich auch, der Retter des vom Untergang bedrohten Trierer Theaters.

Dr. Karl M. Sibelius „Alles bleibt anders“ – verspricht er.

Um die damals herrschende allgemeine Euphorie darzustellen, zitiere ich nur einmal DEN damals führenden Kulturredakteur in Trier, Dieter Lintz:

Er schreibt im Trierischen Volksfreund vom 10.3.2014.

„Die Findungskommission hat sich für den Paradiesvogel entschieden, nicht für die Verwalter des Bestehenden. Es hätte auch andere gute Kandidaten gegeben, aber keinen, der in vergleichbarem Maße verspricht, neue Wege zu suchen. Karl Sibelius hat das Handwerk Kultur von zwei Seiten aus gelernt: von der des Künstlers, aber auch von der des Kunstmanagers. Ein Intendant braucht heute einen Schuss Dr. Jekyll und Mr. Hyde: Mal schräger Vogel, mal kühler Rechner. Sibelius ist ein Querdenker, ein Neu-Erfinder, ein Polarisierer. …..“ So etwas kann schiefgehen, aber es kann auch neue Perspektiven eröffnen. Und die braucht das Haus angesichts des notwendigen Publikums-Umbruchs, der anstehenden Baumaßnahmen und des anhaltenden Ungleichgewichts von Finanzbedarf und städtischer Realität. Es ist ein Himmelfahrtskommando, das Karl Sibelius da antritt. Die städtischen Kulturpolitiker gehen das Risiko mit. Das ist gut so. Im Sinne des klugen Barockdichters Friedrich von Logau: ‚In Gefahr und großer Not bringt der Mittelweg den Tod.‘ „

 Hat da jemand etwas geahnt, fragt man sich, wenn man diese Zeilen heute liest?

Sibelius stellte sich bei den Fraktionen vor, auch bei uns, und er sprühte voller Einfälle, guter Ideen, wie er das Theater nach vorn bringen wollte und begeisterte mit seinem österreichischen Charme.

Auch die übrigen Medien waren voll des Lobes. „Mit Künstlern vom Schlage eines Sibelius könnte es tatsächlich passieren, dass etwas Neues, Wagemutiges, ‚Revolutionäres‘ in der sogenannten Provinz zu rocken beginnt.“, urteilte beispielsweise Rainer Nolden.

Niemand hatte seinerzeit recherchiert, was der neue Hoffnungsträger denn in seiner alten Wirkungsstätte, Eggenfelden, bewirkt hatte. Ein „wirtschaftliches Vorzeigemodell“ wollte Karl M. Sibelius aus dem Theater an der Rott machen, einen Schuldenberg hatte er hinterlassen. Kreisrat Thomas Pröckl (CSU) kommentierte das Ergebnis: “Entscheidend ist: die Zuschauer sind uns davongelaufen. Das hänge auch“, so Pröckl, an Karl M. Sibelius.

Wie erklärt sich also diese Begeisterung für diesen Mann, von der sich der Kulturschuss parteiübergreifend anstecken ließ und den Kopf ganz tief in den Sand steckte?

Wer das verstehen will, muss sich ein wenig mit Psychologie beschäftigen, genauer gesagt mit dem Phänomen des Narzissmus.

Die Narzissmus-Falle schnappt zu

Eine Eigenschaft eines typischen Narzissten ist die, dass er versteht, sich blendend darzustellen und damit in der Lage ist, andere zu blenden. Seine Persönlichkeit sprüht geradezu von ansteckendem Selbstbewusstsein.

Es gibt viele Beispiele in der Geschichte, die dies verdeutlichen.

Wer es nicht glaubt, der lese einmal den Beitrag, „6 Gründe, warum Du auf einen Narzisten reinfällst. Dieser bezieht sich zwar auf partnerschaftliche Beziehungen, die ersten drei Punkte lassen sich jedoch prinzipiell auf unsere Situation übertragen und erahnen, weshalb narzisstisch veranlagte Persönlichkeiten so überzeugend auf uns wirken. Oder denken wir an narzisstische Politiker wie Donald Trump, die auf viele diese unerklärliche Anziehungskraft ausüben.

Hatte Sibelius eine narzisstische Persönlichkeit? Ich bin kein Psychologe, habe keine wissenschaftliche Erkenntnisse darüber,  aber sehr vieles deutet darauf hin. Deshalb denke ich, dass wir alle in eine psychologische Falle hineingetappt sind, sozusagen zwangsläufig!

Narzissmus wird von Fachleuten oft als eine Art Selbstschutz für ein im Grunde zerbrechliches Inneres beschrieben. Und dass wir es bei Karl Sibelius mit einem äußerst sensiblen Künstler zu tun hatten, daran können keine Zweifel bestehen. Eine gängige Theorie in der Psychologie, warum jemand narzisstische Eigenschaften entwickelt, besagt, dass solche Menschen sehr oft Probleme in ihrer Kindheit gehabt hätten, ihre Persönlichkeit beschädigt oder unterdrückt worden sei. Zum Schutz gegen solche Angriffe entwickele sich eine Persönlichkeit, die sehr auf sich selbst fixiert sei, sie baue gleichsam einen Schutzwall um sich herum auf. Wie er selbst geschildert hat, hat Dr. Karl M. Sibelius hat eine von Krankheit und Alkohol geprägte Kindheit durchlitten.

Doch lassen wir die Psychologie und kehren zum jetzt noch strahlenden Helden zurück:

Sein überzeugendes Auftreten bewirkte, dass der Stadtrat am 3.4.2014 einstimmig beschloss, die Stelle des Intendanten mit Wirkung vom 1.8.2015 Herrn Sibelius zu übertragen. Außerdem wurde beschlossen, dass er einen Fünf-Jahres-Vertrag (vom 01.08.2015 bis 31.07.2020) erhalten solle, wobei bis zum 31.07.2018 Einigung darüber zu erzielen sei, ob der Vertrag verlängert werden solle.

Ein folgenreicher Beschluss, dessen Bedeutung und rechtliche Konsequenzen man nicht aus dem Blick verlieren sollte. Denn damit war ein Vertrag zwischen Intendant und Stadt Trier geschlossen. Es lag nur noch kein schriftlich ausformulierter Vertrag vor, aber es war ein juristisch gültiger Vertrag, auf den er sich berufen konnte.

Der Beschluss war völlig in Ordnung und durchaus üblich. Ein Intendant, so habe ich es mir sagen lassen, erhält keine Probezeit. Auch die Laufzeit des Beschlusses ist im Bereich des Üblichen, ebenso wie das Gehalt von über 100.000 Euro im Jahr, das später veröffentlicht wurde.

Unüblich war indes, dass diesem Beschluss nicht zeitnah ein detaillierter  schriftlicher Vertrag folgte. Doch das hatte seine Gründe. Wollte man doch die Organisationsstruktur des Theaters grundlegend ändern und eine AÖR gründen. Der damals zuständige Dezernent Egger plante daher, mit dem eigentlichen Vertrag noch zu warten, bis die AÖR gegründet war, was er indes den Fraktionen verschwieg. Doch darauf müssen wir später noch einmal zurückkommen.

Zunächst einmal beobachten wir den neuen Intendanten bei seinem Debut in Trier. Er erhielt die Gelegenheit, schon vor seiner eigentlichen Arbeitsaufnahme das Theater kennen zu lernen und dort schon gestalterisch zu wirken.

Und dann legte er los. Und wie er loslegt!e

Er kündigte sämtliche Verträge, soweit dies rechtlich möglich war, mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Es ist durchaus üblich, dass neue Intendanten das von Ihnen zu leitende Haus auch personell umgestalten, aber so radikal wie er hatte es noch niemand bisher gemacht.

Noch einmal Dieter Lintz im Trierischen Volksfreund von 26.6.2014:

„Wer aus dem verbindlichen Stil und der offenen Art von Karl Sibelius geschlossen hat, der neue Intendant könne keine Härte zeigen, hat sich geirrt. Sibelius geht das an, wofür die Politik zu zaudernd war: Das Trierer Theater durch Strukturveränderungen zukunftsfest zu machen. Dafür hat er im ersten Schritt alles eingerissen, was er einreißen konnte. Dass das aufgrund der rechtlichen Rahmenbedingungen vorrangig die Künstler trifft, ist ungerecht und in etlichen Fällen schlicht schade.“

Dieter Lintz sollte nicht mehr miterleben dürfen, was aus dem neuen Stil geworden ist, er verstarb am 9.8.2015 plötzlich und unerwartet.

Erste Schatten verdunkelten die strahlende Erscheinung des neuen Intendanten. Nicht alle empfanden „die neue Härte“ als gut. Ich führte später Gespräche mit Schauspielern und erfuhr, wie belastend die Kündigungswelle damals für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter war.

Ein erster Konflikt deutete sich an. Sibelius wollte auch die Alleinherrschaft über den Orchesterbetrieb und den in Trier hoch geschätzten und sich vom beliebten und geschätzten Generaldirektor Victor Pühl trennen. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie Dr. Karl Sibelius uns in der Fraktion berede dargelegte, dass er nur künstlerisch gestalten könne, wenn er die Verantwortung für alle künstlerischen Bereiche trüge.

Ein Narzisst duldet keine fremden Götter neben sich!

Diesmal erkannte er noch rechtzeitig die bedrohliche Lage, zog die Reißleine und schlug schließlich selbst die Vertragsverlängerung für Puhl vor.

Am 1.8.2015 trat Sibelius sein Amt offiziell an. Jetzt konnte das Spiel richtig beginnen. Bunt, schrill, furios, schräg, spektakulär, unkonventionell.

„Alles bleibt anders“ hieß sein Leitmotiv, unter dem er voller Optimismus seinen neuen Spielplan vorstellte.

Das neue Programm im neuen Look

Eine der Industriehallen im Walzwerk wurde als Nebenspielstätte des Theaters ausgebaut. Neben dem „Zauberberg“ (Premiere: 18. 09.2015) wurde dort auch das Musical „Sweeney Todd“ (Premiere: 27.09.2015,) oder später das Musical Jesus Christ Superstar (Premiere 2.7.2016) aufgeführt.

Ein Blick auf andere Stücke: „Moliere“ wurde inszeniert, von der Presse als „starkes Stück eines starken Schauspielensembles“, das allerdings vielen Zuschauern „offenbar zu laut, zu nackt, zu schmierig“ gewesen sei. So Stefanie Braun vom Trierischen Volksfreund (14.9.2015) in ihrer Kritik.

Ein zweites Beispiel: Dass seine schräge Inszenierung der „Großherzogin von Gerolstein“ – Hauptfigur in der gleichnamigen Operette von Jacques Offenbach – im konservativ-katholischen Trier nicht jedem gefällt, nimmt er in Kauf. In der Aufführung hat er Sex mit einem General, reitet anzüglich auf einem Kanonenrohr. Er will „ein Stachel sein im Fleisch der Gemütlichkeit“.

Ich habe meinen Eindruck auf satirische Art und Weise hier beschrieben .

Frank Jöricke fasst seinen Eindruck über den neuen Intendanten im Trierischen Volksfreund vom 15.10.2015 wie folgt zusammen: „So hat das Theater Trier noch nie polarisiert. Mit Intendant Karl M. Sibelius ist ein neuer ungewöhnlicher Stil am Augustinerhof eingezogen.“ Er zog einen Vergleich zu Theater-Provokation, wie es sie in den sechziger Jahren gab, beispielsweise von dem großen Peter Zadeck. Die Idee damals: man provoziert das Babel Bildungsbürgertum, das verstört dem Theater fernbleibt, und eröffnet es ganz neuen Zuschauer-Kreisen.“ Jöricke weiter: „Karl M. Sibelius scheint diesen Ansatz zu verfolgen. Er konfrontiert die Zuschauer mit Farbbeuteln und falschen Penissen.“

Im „Deutschlandradio Kultur“ wurde er schon als „Retter“ des Theaters Trier gefeiert, dem der Untergang drohte.

Doch stimmte die Sichtweise fast aller renommierten Theaterkritiker wirklich? Waren das die richtigen Mittel, das Trierer Theater aus der Krise zu führen? Ein Effekt war schon recht schnell eingetreten, das etablierte Theater Publikum kündigte reihenweise die Abonnements. Doch die Neuen, die statt dessen kommen sollten, blieben rar.

2. Akt – Das Erwachen

Ich kann und will nicht beurteilen, ob die These „Provokation sei der Schlüssel des Erfolgs“ richtig war, ob es tatsächlich gelungen wäre, das Trierer Theater zu völlig neuem Ansehen und Erfolg zu führen, wenn man dem neuen Intendanten nur genügend Zeit gegeben hätte, so wie er damals wie heute immer wieder betont. Drei Jahre wollte er haben.

Jedenfalls glaubte Sibelius wohl selbst nicht so richtig an diese These. Er veränderte den Spielplan, machte ihn wieder gefälliger, für das Publikum zugänglicher.

Wir können diese Frage, über die sich Theaterfachleute trefflich streiten können, offenlassen. Das Problem, so stellte sich allmählich heraus, war die besondere Persönlichkeitsstruktur des Intendanten. Sibelius war angetreten, das angeschlagene Trierer Theater retten. In Wirklichkeit ging es ihm – jedenfalls in erster Linie-  darum, sich selbst „zu retten“, sich selbst darzustellen. Nur so erklärt sich beispielsweise, warum er immer das dringende Bedürfnis verspürte, oft selbst in einem Stück mitzuspielen.

Es stellte sich heraus, dass der mit so viel Vorschusslorbeeren bedachte Intendant ganz offensichtlich mit seiner Aufgabe völlig überfordert war. Erinnern wir uns: Eingestellt war eine Art Theater-Manager, der wirtschaftlich denken und ein Theater führen konnte. Jetzt agierte jemand, für den Geld zweitrangig war, es ging ihm prioritär darum, eine erstklassige Inszenierung zu kreieren, die – wie auch immer – Aufsehen erregte. Geld spielte da gerade keine Rolle. Und ausgerechnet ihm hatte man jetzt die alleinige Verantwortung für das Theaterbudget übertragen.

Nur EIN Beispiel von vielen. Es war eine fulminante Inszenierung und eine Wahnsinns-Idee, die so genannte Janus-Bühne, die Sarah-Katharina Karl, Architektin und Bühnenbildnerin geschaffen hatte, und auf der das Musical „Jesus Christ Superstar“ aufgeführt wurde. Ja, „Ruhm hat seinen Preis“ hieße es treffend in dem Artikel des Trierischen Volksfreundes vom 3.7.2016 von Mechtild Schneiders, in dem das Stück gefeiert wurde. Doch dem Theater fehlte schlichtweg das Geld, diesen Preis zu bezahlen. Ein Theaterkenner und Fachmann sagte mir schon frühzeitig in einem vertraulichen Gespräch, das ich mit ihm führte, dass das so doch nicht weitergehen dürfe.

Ein zweites Problem wurde gegenwärtig: Ein Narzisst verlangt unbedingte Anerkennung seiner Mitarbeiter, wer diese verweigert, wird bestraft. Und so war es unvermeidbar, dass sehr schnell zwei Lager beim Trierer Theater entstanden, die einen, die für ihn waren, die andern gegen ihn und ihn mit Skepsis betrachteten. Sibelius hat es in einem persönlichen Gespräch mit mir vehement bestritten, aber von mehreren Seiten wurde mir bestätigt, dass Mitarbeiter per Mail und SMS unter Druck gesetzt wurden. Öffentlich bekannt wurde sein Zwist mit seinem Schauspieldirektor Frötschner, auch eine starke Persönlichkeit, mit der er sich – wie eigentlich zu erwarten war – hoffnungslos zerstritt, sodass er ihm schließlich kündigte. Rechtswidrig, wie sich später herausstellte. Auch sonst hagelte es Abmahnungen und Kündigungen. Das viele Geld, das dies alles kostete, spielte auch hier keine Rolle. Eine von Misstrauen gekennzeichnete Personalsituation entstand, die sich leider bis heute nicht aufgelöst hat.

3. Akt – Die Katastrophe 

Am 19.5.2016 erschien im Nachrichten Portal „Trier-Reporter“ unter der Überschrift „Das Minus-Haus ein erster Artikel über die finanziellen Probleme. Viele Medienberichhte folgten.

Eine Unbekannter kommentierte damals den Artikel unter dem Pseudonym „Eggenfelder“: „Hr. Sibelius war schon in Eggenfelden ein Narzisst und er ist immer noch ein Narzisst. In Trier hätte man nur mal aufmerksam die Zeitungen aus Bayern lesen müssen.

Es wurden im Bereich des Theaters Haushaltsdefizite in Höhe von circa 1,3 Millionen Euro für das Jahr 2015 bekannt und für das Jahr 2016 war mit einer Überschreitung des Budgets in gleicher Höhe bis Ende des Jahres zu rechnen. Oberbürgermeister Leibe (SPD) beauftrage daraufhin das Rechnungsprüfungsamt, die Angelegenheit zu untersuchen.

Der Autor Eric Thielen schrieb im oben angeführten Artikel u.a. in weiser Voraussicht, was da kommen würde:

Folglich kann der Österreicher fast unbemerkt von der Öffentlichkeit und nach Abschaffung des Verwaltungsdirektors kaum kontrolliert vom Rathaus praktisch nach Belieben schalten und walten. Er kann Einnahmen, die üblicherweise in die Kasse der Stadt gehören, nach eigenem Gutdünken …… Er kann Verträge mit Regisseuren aushandeln, die dann später wieder gekündigt werden und für die das Rathaus Abfindungen bezahlen muss. Und er kann eine Spartenleiterin engagieren, die dann kurz vor Arbeitsbeginn wieder in die Wüste geschickt wird. So schafft sich Sibelius nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch im Haus selbst immer mehr Feinde. Mitglieder des Schauspielensembles, das im Gegensatz zu dem vom Österreicher hofierten Musical-Ensemble stets zurückstecken muss, sagen gegenüber dem reporter unumwunden: “Darf er so weitermachen, fährt das Theater Trier komplett gegen die Wand!”

Sibelius wehrte sich stets gegen diese Kritik, verwies darauf, dass auch schon durch seinen Vorgänger Defizite entstanden waren (was durchaus richtig war) und dass er einfach mehr Zeit benötige.

Doch es führte kein Weg daran vorbei: Konsequenzen mussten gezogen werden und dem Intendanten sollte die kaufmännische Leitung des Theaters wieder entzogen. Ein Verwaltungsdirektor, der die Finanzen kontrollieren sollte, sollte ihm als Aufpasser zur Seite gestellt werden.

Anfang Juli wurde dies im Steuerungsausschuss vorbesprochen: Ja, wir müssen Sibelius „auf die Finger klopfen“ forderte u.a. ich in der Steuerungsausschusssitzung vom 7.7.2016, nachdem die finanziellen Probleme so offensichtlich wurden. Auch andere Ratsmitglieder kritisierten ihn, andere nahmen ihn hingegen in Schutz. Am 14.7.fasste jedenfalls der Stadtrat den entsprechenden Beschluss.

Man muss sich das einmal vor Augen führen: Genau ein Jahr, nachdem aufgrund des Ergebnisses eines renommierten Gutachters ein Generalintendant eingestellt wurde, der das Theater in alleiniger wirtschaftlicher und künstlerischer Verantwortung führen sollte, musste ihm genau dieser Bereich wieder entzogen werden.

Auch der Trierische Volksfreund ließ jetzt seine Unterstützung für den Intendanten fallen:

Jörg Pistorius kommentierte am 14.7.2016 „Karl Sibelius war bisher zu keinem Zeitpunkt der richtige Intendant für Trier. Seine Bilanz ist verheerend: 20 Prozent weniger Zuschauer, ein Chaos in der Budgetplanung, Zerwürfnisse mit vielen Leistungsträgern des Theaters. Der Plan, Sibelius als Generalintendanten einzusetzen, ist gescheitert…“

Doch damit nicht genug: Erinnern wir uns, was ich oben erwähnte: Ein schriftlicher Vertrag war mit dem Intendanten immer noch nicht geschlossen worden, was übrigens mein Ratskollege Jürgen Backes aufdeckte, und dieses Problem musste endlich gelöst werden.

Nichtjuristen interpretieren das Fehlen einer schriftlichen Vereinbarung gerne dahingehend, dass Sibelius gar keinen Vertrag hatte. Juristen wissen, dass das nicht richtig ist, Vertrag ist Vertrag, er kann auch mündlich abgeschlossen werden. Die mündliche Abrede bedeutete gleichzeitig, dass die genaue Ausgestaltung des Arbeitsverhältnisses, die Details sozusagen, noch gar nicht geregelt waren. Ein Unding! Das musste jetzt endlich einmal nachgeholt werden und dies sollte ausgerechnet mitten in der Sommerpause geschehen, just zu einem Zeitpunkt als Sibelius so richtig in die Kritik geriet. (Es ging somit nicht, wie in  den Medien immer wieder falsch dargestellt wurde, um eine Vertragsverlängerung. Dieser WAR bis 2020 geschlossen! Es ging um eine schriftliche Präzisierung des Vertrages.)

Natürlich hätte man die Gelegenheit nutzen und keinen schriftlichen Vertrag fixieren und den mündlichen kündigen können. Wer dies forderte, wie in der Öffentlichkeit teilweise geschehen, missachtete jedoch zwei ganz wesentliche Umstände:

  1. Durch die Zusage des Rates, dem Intendanten bis zum Jahre 2020 zu beschäftigen, hatte er schon einen juristischen Anspruch auf eine Abfindung. Da zu diesem Zeitpunkt der Bericht des Rechnungsprüfungsamtes noch nicht vorlag, wäre diese mit Sicherheit höher ausgefallen, als es dann später geschah.

  2. Zu diesem Zeitpunkt waren keineswegs alle davon überzeugt, dass man sich von dem Intendanten trennen müsse. Ganz im Gegenteil, teilweise quer durch die Fraktionen wurde ganz vehement beklagt, die Vorwürfe gegen ihn seien unberechtigt, dem Mann geschehe Unrecht. Man habe ihm einfach nicht die Zeit gewährt, die er immer wieder eingefordert habe.

Da unser Fraktionsvorsitzender zu diesem Zeitpunkt in Urlaub weilte, war ich wesentlich an den ganzen Verhandlungen und schließlich der Entscheidung beteiligt und eingebunden. Details darf ich nicht veröffentlichen. Nur soviel: Es war sehr schwere Verhandlungen! Auch in meiner eigenen Fraktion – soviel darf ich sagen – herrschte damals keine einheitliche Meinung.

Ich habe dann kurz danach ein persönliches Gespräch mit Dr. Karl M. Sibelius in dessen Dienstzimmer geführt. Er legte Wert darauf, nachdem er von meiner Kritik, die ich ja teilweise auch öffentlich gemacht hatte, erfahren hatte. Warum sollte ich mich dem auch nicht stellen? Das Gespräch war interessant aber wenig ergiebig, denn ich merkte sehr schnell, dass ein echter Meinungsaustausch nicht möglich war, er konstruktive Kritik nicht annahm oder annehmen wollte.

Im Steuerungsausschuss vom 22.9.2016 wurde dem Abschluss eines Vergleichs zugestimmt, der beinhaltete, dass Ulf Frötschner gegen Zahlung einer Abfindung noch bis Juli 2017 als Schauspieldirektor beim Theater Trier verbleibt. Denn wie nicht anders zu erwarten, hatte die fristlose Kündigung vor einem Gericht keinen Bestand gehabt. So musste der vom Gericht vorgeschlagene Vergleich eingegangen werden. Ich habe es einmal versucht und an das Gute appelliert, Sibelius einen Brief geschrieben, er möge doch versuchen irgendwie mit Frötschner hinzukommen, das sei doch im Interesse des ganzen Theaters. Er antwortete mir nur, das ginge unter keinen Umständen, klar, ich vergaß die Persönlichkeitsstruktur unseres Intendanten.

Am 15.11. tagte der Rechnungsprüfungsausschuss, dessen Bericht verheerend ausfiel. Das finanzielle Desaster, das angerichtet worden war, war noch viel größer als erwartet. Und es beruhte auf einer Vielzahl von Versäumnissen, die allerdings nicht alle im Verantwortungsbereich des Intendanten lagen. Insbesondere gravierende Kontrollmängel wurden aufgedeckt. Jedenfalls mussten Konsequenzen gezogen werden. Der Druck der Öffentlichkeit wurde stärker und stärker. Auch die Unterstützung derjenigen Ratskolleginnen und Ratskollegen, deren  sich der Intendant bis dato immer gewiss sein konnte, hatte er mittlerweile verloren.

Freitag, 17.11.2016 Ein düsterer Novemberabend. Der Stadtrat beschließt in nichtöffentlicher Sitzung die Auflösung des Vertrages mit Karl M. Sibelius. Am gleichen Abend wurde der Abwahlantrag für den Kulturdezernenten Egger gestellt.

Dr. Karl M. Sibelius beendet im Anschluss daran seine Freundschaft mit mir auf Facebook.

Epilog

Nun werden viele sicher meinen, Sibelius ist als sehr tragischer Held von der Trierer Bühne gejagt worden. Andere werden denken, dass Tragik für jemanden, der 300.000 Euro Abfindung erhält, anders aussieht. Ich fürchte, der Betroffene selbst sieht diesen Punkt ganz anders.

Der zuständige Dezernent, Thomas Egger, musste gehen, ein weiteres Opfer. Dabei darf man allerdings nicht außer Acht lassen, dass die Geschehnisse im Theater nicht die einzige Ursache war, weshalb sich die SPD-Fraktion dazu entschlossen hatte, einen Abwahlantrag gegen ihn zu stellen.

Ein tragisches Opfer ist ganz sicher zurückgeblieben, die Institution „städtisches Theater“ und der städtische Haushalt. Ein Trümmerfeld.

Und wer ist schuld? Meine Ratskolleginnen und  Ratskollegen, ich selbst, weil wir den neuen Intendanten eingestellt haben? Wer dies meint, sollte nicht außer Acht lassen, welche Begeisterung dieserr neue Mann versprühte und wie er auch von den Medien hochgejubelt wurde.

Alle, jeder war anfangs von dem neuen Mann überzeugt: Ich selbst, die Ratsmitglieder, vor allem diejenigen, die dem Kulturausschuss angehörten, und nicht zuletzt die Medienvertreter. Beispielsweise aber auch jemand, der später sein schärfster Kritiker wurde: Als bereits am 9. Juli 2015 der Politiker der Grünen, Gerd Dahm in einem offenen Brief („Ihr Führungsstil ist beschämend!“) Sibelius wegen des Umgangs mit engsten Führungskräften und seinen Mitarbeiter heftig kritisierte, konterte Eric Thielen als damaliger Pressesprecher noch „Karl Sibelius hat einen klaren Auftrag von der Politik. Sollte sich daran etwas geändert haben, dann muss die Politik neu entscheiden„. Wir haben uns wohl blenden lassen und Gerd Dahm darf für dich in Anspruch nehmen, dass er der erste war, der die Fehlentscheidung erkannt hatte.

Natürlich war ganz offensichtlich, dass Kontrolle gefehlt hat. Alle Kunstschaffenden beanspruchen gerne für sich, möglichst ungestört von allen Zwängen, auch finanziellen, agieren zu können, was aus ihrer Sicht durchaus verständlich ist. Aber in der heutigen Zeit der knappen kommunalen Kassen, geht das eben einfach nicht.

So tragisch das ganze Geschehen war, wir müssen jetzt hieraus lernen. So etwas darf sich nicht wiederholen, wenn wir dem Trierer Theater noch eine letzte Chance geben wollen. Um das zu erreichen müssen wir dem Theater endlich neue Strukturen geben und uns auf das rückbesinnen, was schon längst beschlossen wurde.

Über Thomas Albrecht

Mitglied des Trierer Stadtrates.
Dieser Beitrag wurde unter Gedanken, Politik, Stadtrat, Theater abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Alles wurde anders – Eine Tragödie in 3 Akten

  1. Treverer sagt:

    Eine umfassende und interessante Analyse! Vielen Dank!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.