Schluss mit dem Theater!

Beinahe könnte man den (falschen) Eindruck gewinnen, es gäbe derzeit keine anderen Probleme in Trier: Immer wieder gerät das städtische Theater in die Schlagzeilen der örtlichen Medien, immer wieder ist es mittelbar oder unmittelbar Gegenstand der Beratungen im Stadtrat.

Das Theater ist uns Allen, die in der Trierer Kommunalpolitik aktiv sind, nicht zuletzt auch mir selbst, sehr wichtig, keine Frage. Andernfalls hätte sich der Stadtrat nicht mehrfach mit überwältigender Mehrheit für den Erhalt des 3-Sparten-Hauses ausgesprochen. Andererseits sollte man niemals vergessen: Unsere Stadt hat eine Vielzahl von Problemen und Aufgaben zu bewältigen, die in ihrer Bedeutung mindestens gleichrangig, wenn nicht gar existentieller sind (Beispiel: Neubau einer Feuerwehrwache, Schulen, Sporthallen) und deshalb nicht aus dem Auge verloren werden dürfen.

Städtische Kulturförderung beschränkt sich zudem keinesfalls allein auf die Institution «Theater», sondern ist ein sehr weites Feld mit vielfältigen Erscheinungsformen, die alle gleichermaßen Beachtung finden müssen.

Gleichwohl muss diese „Dauer-Baustelle“ jetzt schnellstmöglich beseitigt werden.

Machen wir uns nichts vor: Gelingt dies nicht bald, ist der Fortbestand des seit über 200 Jahre bestehenden städtischen Theaters akut gefährdet. Würde sich das Geschehene wiederholen, würde es unweigerlich das bittere „Aus“ für das Theater bedeuten.Fast hat man den Eindruck, dass viele Akteure im und um das Theater den Kopf in den Sand stecken und diese Bedrohung schlichtweg ignorieren.

Wie soll es jetzt weitergehen?

Zunächst einmal eine Feststellung, die beruhigen mag, oder eben gerade nicht, je nach Sichtweise: Wir leben hier nicht auf einer Insel der «Unglückseligen», das Thema «kommunale Theater» brennt bundesweit Verantwortlichen in den Kommunen auf den Nägeln. Überall die gleichen Probleme: Knappe kommunale Finanzen, ein neues Kultur-Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger, eine explodierende Konkurrenz anderer Medien, die Kultur anbieten. Allerdings muss man auch sehen, dass es nicht viele Städte gibt, in denen sie so drängend sind wie bei uns, wo der Zuschussbedarf so groß ist.

Bundesweit gleiche Probleme und gleiche Lösungsansätze

Wenn man sich bundesweit nach Lösungsansätzen umsieht, die empfohlen werden, so stellt man fest, dass es eine ganz überwältigende, vorherrschende Meinung gibt: Unbedingt die Struktur des Theaters ändern!  Um Kosten zu sparen, so die Experten, muss es aus dem Korsett des städtischen Eigenbetriebs herausgenommen und entweder in eine GmbH oder Anstalt des öffentlichen Rechts (AÖR) umgewandelt werden.

Auch in Trier ist ein renommiertes Institut, die ICG (Integrated Consulting Group) Unternehmensberatung, bereits im Jahre 2013 zu diesem Ergebnis gekommen.

Errichtung einer GmbH oder AÖR wurde damals empfohlen. Die städtischen Gremien haben sich aus verschiedenen Gründen, die hier nicht weiter beleuchtet werden müssen, entschlossen, das Modell einer AÖR (Anstalt des Öffentlichen Rechts) weiterzuverfolgen. Am 10.2.2015, hat der Stadtrat in Trier deshalb beschlossen, die Verwaltung zu beauftragen, alle notwendigen Maßnahmen zur Überführung des Theater Trier in eine Anstalt des öffentlichen Rechts vorzubereiten (hier der Protokollauszug). Die Gründe erschließen sich auch dem Laien schnell: Der städtische Verwaltungsapparat ist einfach zu schwerfällig, um einen Betrieb kostengünstig und effektiv führen zu können.

Es gibt Probleme beim Controlling (Ich selbst habe schon frühzeitig darauf hingewiesen, dass das Controlling besser funktionieren muss). Schon vor vielen Jahren haben wir aus genau diesem Grund – wie viele andere Kommunen auch – die Stadtwerke Trier von einem kommunalen Eigenbetrieb in eine eigenständige städtische GmbH umgewandelt, die jetzt mit großem Erfolg arbeitet.

Stadtratsbeschluss wird nicht umgesetzt!

 Der gefasste Beschluss gilt nach wie vor. Doch warum wurde diese Erkenntnis, die von fast allen Fachleuten geteilt wird, beim Theater bis heute nicht umgesetzt? Warum wurde viel Geld für ein Gutachten ausgegeben, dessen Ergebnis indes missachtet?

Hierfür gibt es eine Vielzahl von Ursachen, von denen nur einige beispielhaft aufgezählt werden können:

Die Übertragung von Grundstücken mit Gebäuden auf eine andere, selbstständige Organisation ist juristisch nicht ohne Probleme. Beispielsweise muss sie so gestaltet werden, dass keine Grunderwerbsteuern anfallen.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden (aus ihrer Sicht völlig verständlich) dafür Sorge tragen, dass ihre Konditionen, unter denen sie arbeiten, bei Änderung der Rechtsform des Theaters nicht verschlechtert werden. Bislang eines der ungelösten Hauptprobleme. Als muss bei einer Umwandlung gewährleistet sein, dass ihre Besitzstände gewahrt bleiben.

Bisher wurde immer wieder gebetsmühlenartig vorgetragen, wie schwierig dieser Prozess sei. Doch bitteschön! Anderswo hat es doch auch funktioniert! Die Stadt betritt hier kein Neuland. Und auch in Trier haben wir schon solche Umwandlung durchgeführt, bei den Stadtwerken. (Übrigens ein Grund, weshalb es auch bei den Stadtwerken Trier heute noch zwei «Klassen» von Busfahrern gibt: Diejenigen, die zu Zeiten, als die Stadtwerke noch ein eigener Betrieb waren, eingestellt wurden, und solche, die neu eingestellt wurden).

In letzter Zeit höre ich immer wieder das Argument: «Was für ein Glück, dass wir die AÖR noch nicht gegründet haben, was wäre nur geschehen, wenn ein Sibelius völlig selbstständig in einer AÖR geherrscht hätte! Wäre dann das finanzielle Chaos nicht viel größer geworden?»

So tragisch die Geschichte des letzten Intendanten auch war: Nein, das wäre es nicht! In einer AÖR hätte er nicht unkontrolliert schalten und walten können!

Vorhandene Strukturen nutzen

Der Fehler, der meines Erachtens bisher gemacht wurde, ist der, dass allein erwogen wurde, eine eigenständige neue AÖR zu gründen. Das würde voraussetzen, völlig neue Strukturen zu schaffen, ein selbstständiger, neuer Verwaltungsapparat, möglicherweise neues Personal usw.

Dabei verfügen wir als Stadt Trier bereits über eine äußerst effektiv und hervorragend arbeitende AÖR, nämlich die Stadtwerke. Neben den ursprünglichen Aufgabenbereichen „Strom- Wärme, Gas- Wasserversorgung, Energieerzeugung, öffentlicher Personennahverkehr, Stadtbad, Parkhäuser [durchgeführt von einer GmbH in der AÖR], kümmern sich die Stadtwerke jetzt erfolgreich auch um die Abwasserbeseitigung und die Straßenbeleuchtung. Die Eingliederung dieser Bereiche erfolgte übrigens völlig reibungslos. Ich selbst sitze seit Anbeginn im Aufsichtsrat und konnte dies mitverfolgen.

Daher stellt sich die Frage: Weshalb nutzen wir nicht diese bereits existierenden Strukturen?

Vision: «Stadtbetriebe Trier AÖR»

 Meine Auffassung ist es, ernsthaft und intensiv zu prüfen, ob nicht auch das Stadttheater Trier in diese Struktur eingebunden werden kann. Dies könnte so aussehen, dass die Stadtwerke AÖR in eine «Stadtbetriebe Trier AÖR» umgewandelt werden und darin ein Fachbereich «Theater» eingegliedert werden würde. Später könnten dann auch andere Bereiche wie das Städtische Museum Simeonstift, die Stadtbibliothek usw. eingebunden werden. (Derzeit kein «Muss», da diese Sparten hervorragend funktionieren.)

Der Vorteil wäre, dass umständliche Verwaltungsstrukturen vermiedenn und wirtschaftliches Denken stärker in den Vordergrund rücken würde. Wie bisher trüge natürlich – der noch zu wählende – Intendant die Gesamtverantwortung für das Theater, wäre dessen Repräsentant nach außen, wäre für die Spielpläne und die Schauspieler verantwortlich. Allerdings wäre er streng an den finanziellen Rahmen gebunden, dem ihm die AÖR vorgibt. Budgetüberschreitungen aus eigenem Gutdünken wären undenkbar.

Natürlich wird es niemals gelingen, ein kommunales Theater kostendeckend zu betreiben, aber man sollte wenigstens versuchen, den Bedarf an öffentlichen Zuschüssen, so gut es eben geht, zu verringern.

Sicher: Künstler benötigen den Freiraum, den sie völlig zu Recht einfordern, um ihre Kreativität umsetzen zu können. In Anbetracht der knappen finanziellen Ressourcen, über die wir nur noch verfügen, kann dieser Freiraum aber nicht mehr so uneingeschränkt gewährt werden, wie bisher. Künstler brauchen festgefügte Strukturen, die – anders als bislang – eine wirksame Kosten-Kontrolle ermöglichen.

Den Rahmen, den Oberbürgermeister Wolfram Leibe völlig zu Recht einfordert („Kunst, Kultur, Kreativität braucht einen Rahmen … so der OB gegenüber dem SWR), könnten die Stadtbetriebe bilden.

Auch die Begleitung durch den Stadtrat würde sich grundlegend ändern: Die wirtschaftlichen Fragen würden im Aufsichtsrat der AÖR beraten werden, zur Beratung in künstlerischen Fragen, Spielplangestaltung pp. könnte ein gesonderter Beirat geschaffen werden, in dem die Fraktionen repräsentativ vertreten sind. Mit dieser Aufgabe sollte sich der Aufsichtsrat nicht zu belasten.

Selbstredend mache ich mir gar nichts vor: Es gäbe es noch sehr viele Fragen zu klären. Auch bin ich mir bewusst, dass eine solche Eingliederung des städtischen Theaters keinesfalls so reibungslos funktionieren würde wie es bei den Bereichen «Abwasser» und «Beleuchtung» geklappt hat

Beispielsweise wäre es unmöglich, den beiden jetzigen Geschäftsführern auch noch diese zusätzliche Aufgabe aufzubürden.

Auch wäre zu klären, ob es weiterhin sinnvoll ist, einen gemeinsamen Aufsichtsrat zu bilden oder für den Bereich Theater einen eigenen.

Aber das sind alles Fragen, die meiner Auffassung nach wenigstens einmal einer genauen Prüfung unterzogen werden müssten

Siegburg macht es uns vor

Nun muss der „Stein des Weisen“ nicht erst erfunden werden: Die Stadt Siegburg hat diese Idee bereits verwirklicht, dort gibt es solche Stadtbetriebe:

 http://www.stadtbetriebe-siegburg.de/web/stadtbetriebe/01438/index.html.

Keine Frage, in einem viel kleineren Rahmen als bei uns (dort gibt es nur eine Studiobühne) und deshalb nur bedingt vergleichbar. Wir sollten gleichwohl möglichst zeitnah einmal Vertreter der Siegburger Institutionen einladen, um mit ihnen über ihren Erfahrungen zu diskutieren.

Mehr Kooperationen eingehen

Der neue Rahmen würde meiner festen Auffassung nach auch eine gute Grundlage dafür bilden, eine weitere Möglichkeit der Kosteneinsparung viel stärker einzusetzen als bisher: Das Eingehen von Kooperationen mit anderen Theatern.

Auch hier plädieren bundesweit alle Experten dafür, diese Möglichkeiten stärker zu nutzen. Auch hier zeigt ein Blick auf die Theaterlandschaft in Deutschland, dass alle Fachleute bessere Zusammenarbeit als einzige Möglichkeit ansehen, wenigstens eine gewisse Kostendämpfung dadurch zu erreichen, dass Synergien genutzt werden.

Ich bin mir bewusst, dass auch dies ein sehr schwieriges Thema ist. Setzen doch Kooperationen unbedingt voraus, dass in etwa gleichartige Rahmenbedingungen (Bühnengröße pp) existieren. Aber ich denke, wir müssen uns dieses Themas auf jeden Fall verstärkt widmen und Erfahrungen auswerten, die Andere auf diesem Gebiet gesammelt haben. Ich finde, es spricht einiges dafür, dass sich solches am Besten im Rahmen einer «Stadtbetrieb GmbH» durchführen ließe.

Abschließend: Ja, ich habe sie schon vor meinem geistigen Auge, die zahlreichen Bedenken und Einwände, die gegen solche Vorstellungen erhoben werden.

Deshalb: Ich habe nicht behauptet, dass meine These nicht genau überprüft werden müsste. Aber: Denkverbote darf es meines Erachtens in dieser äußerst wichtigen, ja, für das Theater Trier existentielle Frage, nicht geben!

Wenn wir es ernst mit der Forderung nehmen, die von fast allen Fraktionen erhoben wird, dass uns der Erhalt des städtischen Theaters von allergrößter Bedeutung ist, dann müssen wir auch bereit sein, völlig neue Wege zu beschreiten und die alten Pfade zu verlassen.

Denn, wie meinte schon der französische Schriftsteller André Gide: „Man entdeckt keine neuen Erdteile, ohne den Mut zu haben, alte Küsten aus den Augen zu verlieren.“

Steht dem städtischen Theater eine düstere Zukunft bevor?

Über Thomas Albrecht

Mitglied des Trierer Stadtrates.
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