Das ungeliebte Geschenk

Am 1.3.17 wurde auf dem geplanten Standort der Marx-Statue ein Dummy erreichtet.

Wer kennt sie nicht, diese oder ähnliche Situationen:

Die reiche Erbtante ist zu Besuch und verkündet stolz, sie wolle der Familie ein schönes Geschenk machen, ein wundervolles Bild vom röhrenden Hirschwald, erwartet aber dass dieses Kunstwerk entsprechend seiner Bedeutung einen gut sichtbaren Platz im Wohnzimmer erhalte.

Oberbürgermeister Wolfram Leibe hat ein ähnliches Gesicht gemacht wie die Verwandten unserer gedachten Situation, als der chinesische Botschafter Shi Mingde vor eineinhalb Jahren anlässlich seines Besuches in Trier ankündigte, er wolle anlässlich des Karl-Marx-Jubiläums der Partnerstadt eine große Statue schenken. Er ahnte wohl damals schon, welche Kontroverse in Trier dadurch ausgelöst werden sollte. 

 

Der – sehr gut gemeinte – Versuch, die Statue auf einem kleinen Platz in der Brückenstraße zu „verstecken“, scheiterte am Widerstand des weltweit bekannten Künstlers Wu Weishan, der das Kunstwerk gestalten sollte. Baudezernent Andreas Ludwig suchte also mit ihm in der Stadt nach einem geeigneten neuen Standort, der dann auf dem Simeonstiftplatz auch schnell gefunden wurde.

 

Der Proteststurm, der sich nun – sogar bundesweit – entfachte, war ebenso vorhersehbar wie verständlich, zumal die Statue ganze 6,30 Meter in die Luft ragen sollte. Ist uns Deutschen der Nachkriegszeit doch zum Glück – anders als der Chinesen – jede Form von Kult um eine Person völlig fremd, aber noch schlimmer: Der Name unseres berühmten Stadt-Kindes steht auch mit Terror, Unterdrückung, Diktatur in Verbindung. In seinem Namen wurde millionenfaches Unrecht verübt, gefoltert und gemordet.

Doch bei allem Verständnis für diese berechtigte Kritik: Kann man dieses Geschenk tatsächlich ausschlagen? Wir wissen inzwischen, es wird kein sozialistisch-stalinistisches Denkmal, sondern eine von einem weltweit renommierten  Künstler gestaltete Skulptur sein. Natürlich über Geschmack lässt sich streiten. Auch meinem Geschmack hätte alles ein wenig kleiner und dezenter ausfallen können.

Ich meine, wir sollten, bei allem Verständnis für die berechtigten Einwände, Gelassenheit zeigen. Die Freundschaft zu unseren chinesischen Partnern ist eine wichtige Errungenschaft, die nicht aufs Spiel gesetzt werden sollte.

Trier ist bei chinesischen Touristen äußert beliebt.

Dabei geht es nicht nur die Tourismus, die wirtschaftlichen Vorteile, die Trier zweifelsohne aus seinen chinesischen Gästen zieht.

Es geht vor allem um den Austausch der verschiedenen Kulturen. Wir können unsere chinesischen Freunde, die dieses Geschenk mit Sicherheit nicht böse gemeint habe, da sie nicht in unseren Kategorien denken, nicht vor den Kopf stoßen. Wie sagte doch der chinesische Generalkonsul Wang bei seinem Trier-Besuch: „Wir möchten mit dieser Statue die Freundschaft zu Trier zeigen“. Gerade in heutiger Zeit ist jedenfalls für mich die Freundschaft zu anderen Völkern ein besonders hoch zu bewertendes Gut.  

Nehmen wir es also mit Gelassenheit, wir werden uns an den Anblick gewöhnen.  Und wenn die Skulptur Anlass zur Diskussion gibt, umso besser! Natürlich brauchen wir auch die kritische Auseinandersetzung mit Karl-Marx und dem, was aus seinen Theorien geworden ist, keine Frage!

Wie hatte ich es doch seinerzeit im Stadtrat formuliert: Wir gehen mit dem Thema „total locker“ um (bei 19:18 im Trier-Reporter Live-Ticker), was nicht „unkritisch“ bedeuten soll.

 

Über Thomas Albrecht

Mitglied des Trierer Stadtrates.
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