Wenn die Menschenwürde vor der Tür abgelegt wird

»Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt« – Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland.
Eine Meldung des Trierischen Volksfreundes über den Ausstieg des Wittlichers Marvin Stablo aus einer ProSieben Fernsehshow hat mich auf neues Sendeformat aufmerksam gemacht, dem ich normalerweise keinerlei Beachtung geschenkt hätte.

»Get the f*ck out of my house«, heißt diese Sendung bezeichnenderweise, an der der regionale Kandidat kurze Zeit teilgenommen hat.
Ich mache mich kundig über diese so genannte »Strategie-Reality-Show« und stelle mit Erstaunen fest, dass es den Fernsehmachern tatsächlich gelungen ist, die Niveaulosigkeit von Sendungen wie »Big Brother«, »Dschungelcamp« oder »Schwiegermutter gesucht« noch zu unterbieten.
100 Leute, von Geltungssucht, der Gewinnsumme von 100.000 Euro oder beidem getrieben, lassen sich freiwliig in einem 116 Quadratmeter großen Haus im Ort Satzvey in der Eifel unter unwürdigsten Umständen zusammenpferchen. Im Vergleich dazu wird manchen ein Aufenthalt in einem deutschen Gefängnis als Luxusurlaub erscheinen.
Sie werden weder mit ausreichend Nahrung versorgt, noch gibt es genügend Schlafgelegenheiten. Die sanitären Umstände sind dermaßen katastrophal, dass es jedes menschliche Vorstellungsvermögen übersteigt. Von Fäkalien in der Dusche und ähnlichen Unappetitlichkeiten liest man, mit denen ich mich nicht näher beschäftigen mag.
Niemand mag wohl daran denken, welche Aromen sich in so einer Behausung in kürzester Zeit ausgebreitet haben.
Um davon und der natürlich auftretenden Langeweile abzulenken, werden von Zeit zu Zeit sogenannte »Spiele« auf Kindergarten-Niveau veranstaltet (z.B. Herumschaufeln von farbigen Plastik-Bällchen).
Das Ganze wird mit gehässigen Kommentaren eines arroganten auftretenden Moderatorenpaares gespickt.
Dabei lassen sich die Probanden wie Paviane in einem Zoo rund um die Uhr von Fernsehkameras beobachten.
Offenbar laben sich zahlreiche Voyeure als Fernsehzuschauer gerne an dem Schicksal der Freiwilligen, weshalb man von guten Einschaltquoten liest, was kräftige Werbeeinnahmen verspricht. Natürlich gibt es unter den geschilderten Umständen jede Menge soziale und persönliche Konflikte und Krisen, die von den Fernsehmachern geschickt oder gemein – das ist Auslegungssache – gesteuert werden (z.B. Wahl eines »Chefs«, der für einen Zeitraum Privilegien genießt).

Ich denke zurück an Art. 1 unseres Grundgesetzes: was ist, wenn Menschen freiwillig auf ihre Menschenwürde und Grundrechte verzichten, wie hier geschehen?
Ist der Staat nicht gleichwohl verpflichtet einzuschreiten? Ich habe den Eindruck, dass diejenigen, die sich hierauf eingelassen haben, gar nicht verstehen, was sie sich damit antun.

Über Thomas Albrecht

Mitglied des Trierer Stadtrates.
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