Gnade vor Recht? – Zur Uraufführung einer Trierer Oper

Gnade vor Recht überschreibt Dieter Lintz seine Rezension im heutigen TV über die Uraufführung der Oper „Fausta“ im Trierer Stadttheater am vergangenen Sonntag.

Doch Gnade vor Recht lässt er selbst bei seiner Kritik aber nicht walten, wenn er beschreibt, das Stück hinterließe „gemischte Gefühle“, nein ich meine, die Kritik ist in meinen Augen sogar ungerecht und „gemischte Gefühle“ entstehen bei mir beim Lesen der Kritik.

Dabei gebe ich offen zu: Ich bin kein Opernfan und schon gar kein Opernkenner. Ich gebe auch zu, dass ich das Stück nur meiner Frau zuliebe besucht habe, denn einer modernen Oper stehe ich mit etwas Skepsis gegenüber. Ist doch in der Vergangenheit so manches Rendezvous zwischen mir und der modernen Musik nicht ganz zu meiner Zufriedenheit ausgefallen.

„Was der Bauer nicht kennt, …“, so dachten wohl auch viele Trierer, die neue Oper nicht kannten. Was, ein Trierer Komponist schrieb ein Oper zum Thema „Konstantin“ – Konstantin-Jahr Konstantin-Jahr her – das kann doch wohl nichts richtiges sein.. und blieben deshalb der Aufführung fern. So war der Saal nur zu 2/3 gefüllt, obwohl rührige Anhänger des Trierer Theaters, wie meine Nachbarin, zuvor kräftig die Werbetrommel für das Stück gerührt haben. So ist der Trierer halt.

Für mich steht nach der Aufführung fest: Wer nicht da war, hat etwas versäumt. Ich war von der Oper restlos begeistert, wie das gesamte Publikum übrigens auch, das am Ende allen Beteiligten stehende Ovationen zuteil werden ließ.

Allein schon die Gestaltung des Bühnenbildes war ein künstlerisches Werk für sich, man muss es einfach gesehen haben. Das Orchester war nicht – wie üblich – im Graben, sondern auf der Bühne hinter einem Vorhang platziert. Wie eine Geisterhand sah man den Schatten der dirigierenden Hände von István Dénes.

Dieter Lintz meint, die Oper lebe mangels Handlung von den Texten, da läge das Problem. Mit Verlaub, ich sehe da kein Problem. Eine Oper lebt für mich – als Laie – von der Musik, und die war fantastisch. Eine Gebrauchsmusik, meint der Rezensent. Ich weiß nicht, was eine Gebrauchsmusik ist, wenn er mit diesem Ausdruck meint, dass sie sich gut anhören lässt, dann hat er recht. Ist das negativ? Die Musik nimmt den Zuhörer mit, sie ist sicher variantenreich, was als „bunt zusammengestellt“ im TV (ab?)klassifiziert wird, stellt sich für mich als mitreißend dar.

Die Sänger gaben ihr Bestes, um die Musik von Heinz Heckmann umzusetzen, man konnte es förmlich spüren.

Ich bedaure jedenfalls sehr, dass dieses Stück nur noch ein einziges Mal aufgeführt wir. Der Trierer Komponist und diejenigen, die sein Werk so effektvoll umgesetzt haben, haben meiner Meinung nach mehr Beachtung verdient. Aber der Prophet im eigenen Lande gilt ja bekanntlich nichts – in Trier hat diese alte Weisheit noch einmal eine besondere Bedeutung!

Ich kann nur jedem – auch oder gerade denjenigen, die nicht regelmäßig in die Oper gehen – wärmstens ans Herz legen, die Aufführung am 2. Juni zu besuchen, Sie verdient wesentlich mehr Beachtung und mehr Anerkennung als ihr momentan zuteil wird!

Über Thomas Albrecht

Mitglied des Trierer Stadtrates.
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3 Antworten zu Gnade vor Recht? – Zur Uraufführung einer Trierer Oper

  1. lavendel sagt:
    Schön,nach längerer Zeit wieder etwas in „Albrechts Blog“ zu finden. Die Rezension von Dieter Lintz habe ich gelesen. Ich finde, es ist eine gekonnte und aussagekräftige Besprechung. Ebenso interessant und richtig finde ich die gegensätzliche Betrachtung in diesem Beitrag.Die Besuchermeinungen waren ja auch durchweg positiv.
  2. DiL sagt:
    Es ist das gute Recht des Zuschauers, fasziniert und begeistert zu sein und sich das von keiner Kritik verderben zu lassen. Ich finde es auch gut, seine Meinung offensiv zu vertreten und sich dabei nicht von der Meinung echter oder vermeintlicher Experten irritieren zu lassen.
    Leider ist der Job desjenigen, der eine Kritik schreiben soll, nicht ganz so einfach. „Mitreißend“ ist auch die Musik von Heino oder Tokio Hotel, von Stockhausen oder Wagner, von Bushido oder Bata Illic für das jeweilige Publikum, das die entsprechende Richtung mag. Es kann durchaus auch sein, dass billiger Trash für atemlose Begeisterung sorgt und Hochwertiges nicht ankommt. Die Frage, was das Publikum oder Teile davon empfinden, ist also eine wichtige Information, die in keiner Kritik fehlen darf, aber nicht der Maßstab für die Bewertung.
    Zumal keiner weiß, was „das Publikum“ wirklich meint. Nach dem Fausta-Jubel beispielsweise kam ein halbes Dutzend theatererfahrener Besucher, die mich vom Sehen her kannten, unabhängig voneinander auf mich zu und forderten mich auf, diesen (in ihren Worten) „unglaublichen Mist“, die „Peinlichkeit“ tüchtig zu verreißen. Lustigerweise haben mich nach Lektüre meiner Besprechung einige hochmögende Kulturleute aus der Stadt angerufen und sich bedankt für die, wie es hieß, „elegante Weise“, in der ich die Oper kommentiert hatte, ohne dass es jemandem weh tun musste.
    Aber warum überhaupt die Einschränkungen wie „Gebrauchsmusik“ oder „bunte Mischung“? Es gibt eine Einigkeit bei Kritikern, Experten, Wissenschaftlern darüber, dass man an zeitgenössische Kunst die Anforderung richten muss, auf der Höhe ihrer Zeit zu sein. Sprich: Ästhetische Formen zu nutzen, die aktuell sind oder Aktuelles zumindest berühren. Neues auszuprobieren. Risiken einzugehen. Nachgemachtes, Wiederholtes, Unreflektiertes gibt es zu Hauf, und wenn es gut gemacht ist, hat es eine uneingeschränkte Legitimation, so lange es ein Publikum findet. Aber in seiner Eigenschaft als Kunst muss es sich Kritik gefallen lassen.
    Um es mit einem Beispiel aus anderen Bereichen zu verdeutlichen: Wenn jemand heute Sonnenuntergänge malt wie Caspar David Friedrich oder Romane schreibt wie Karl May, dann ist ihm das unbenommen. Und auch das kann man gekonnt oder weniger gekonnt tun – was mit Handwerk zu tun hat. Aber eine Ausstellung in einem großen Museum oder einen Literaturpreis bekäme man auf diese Weise sicher nicht. Und zwar zu Recht.
    Vor diesem Hintergrund betrachtet ist Fausta musikalisch gesehen ein nettes Stück Nostalgie. Alles schon mal dagewesen, professionell zusammengestellt, handwerklich sauber,sympathisch. Punkt. Das meint „Gebrauchsmusik“. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Ich denke, das bringt die Kritik auch zum Ausdruck. Aber wenn eine Oper so wie diese auf den Inhalt und das Wort setzt, das den Sinn transportieren soll, dann muss das Libretto bestimmten Qualitäten genügen, dann muss es auch eine nachvollziehbare, in sich logische Dranmaturgie geben. Was das angeht, stimmen auch die professionellen Standards nicht.
    Ein Punkt im Albrecht-Blog hat mich allerdings geärgert, und das ist die Sache mit dem Prophet im eigenen Land. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Ausschließlich der Lokalpatriotismus aller Beteiligten hat dieses Stück möglich gemacht. Es hätte nirgendwo sonst den Hauch einer Chance. Ich habe mich bei der Premiere – vor allem gegen Ende – mehrfach ängstlich umgesehen und gebetet, dass kein auswärtiger Kritiker-Kollege anwesend war. Die Besprechung wäre, darauf mein Wort, verheerend ausgefallen.
    So what? Freuen wir uns, dass wir eine nette Oper mit lokalem Bezug haben. Hüten wir uns aber auch davor, mehr darin zu sehen als eben das. Was niemanden, siehe Anfang, daran hindern sollte, die Sache gut zu finden.
  3. Thomas Albrecht sagt:
    @Dieter Lintz
    Vielen Dank für die ausführliche Antwort. Ich denke, es ist Ihnen gut gelungen zu verdeutlichen, was Sie mit Ihrer Kritik sagen wollen.
    Richtig ist sicher, dass man an zeitgenössische Kunst die Anforderung richten muss, auf der Höhe ihrer Zeit zu sein. Dies gilt ja auch für den Bereich Architektur. Die Imitation von alten Baustilen ist heute sicher nicht angebracht.
    Doch muss sich die Musik immer dem zeitgenössischen anpassen? Darf sie nicht altes zitieren? Darf sie nicht dem Publikumsgeschmack wenigstens etwas nachgeben. Das sind die Fragen, die ich mir stelle, aber sie sicher nicht kompetent beantworten kann.
    Es bleibt für mich die altbekannte Feststellung, dass sich über Geschmack nicht streiten lässt.
    Ich kann nur allen empfehlen, sich möglichst selbst ein Urteil zu bilden, und sich die nächste Aufführung am 2. Juni im Stadttheater anzusehen.

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