Laurin

PolizeiDieses elende warme, schier unerträgliche Wetter Ende Dezember machte ihn völlig fertig. Es verfinsterte seine ohne schlechte Laune noch mehr. „Das ist einfach Abartig! Nein, bedrohlich!“.

Fast kam ihm das Wetter vor wie der Vorbote einer bevorstehenden Apokalypse. Wollte das denn niemand wahrhaben? Der Klimawandel bedroht doch uns alle! Doch wer unternahm was dagegen? Niemand! Erst vor kurzen hatten die Mächtigen dieser Welt in Paris zusammengesetzt und darüber beraten. Sicher, man hatte eine Vereinbarung getroffen, den CO2 Ausstoß zu begrenzen. Aber er war sich fast sicher, dass sich tatsächlich nichts ändern würde, gar nichts. So, wie auch niemand etwas gegen die Flüchtlingskrise unternahm, die jetzt uns Deutsche bedrohte!

Wie jeden Werktag war er in sein Apartment gekommen, hatte den auf dem Boden liegenden Unrat etwas Seite geschoben und war in die Küche gegangen, wo er sich unter dem auf dem Boden liegenden Müll bis zum Kühlschrank durcharbeitete.

Er hatte erst einmal einen großen, beruhigenden Schluck aus der Wodkaflasche genommen, die dort schon den ganzen Tag auf ihn gewartet hatte. Dann war er zur Bushaltestelle gegangen. Er beabsichtigte, auf dem Trierer Weihnachtsmarkt seine Langweile zu vertreiben, sein Elend etwas vergessen zu wollen.

Schweigend saß er in der Line 3, einem Gelenkbus, der in Richtung Innenstadt fuhr. Neben ihm ein paar jüngere Leute, die eifrig auf der Tastatur ihres Smartphones herumtippten und ihre Umgebung nicht wahrnahmen, so als ob sie sich in einer anderen Welt befänden.

„Was ist das nur für eine Generation?“, fragte er sich verbittert „Ignorant, träge, perspektivlos!“, wollte sie doch gar nicht erkennen, was da an Bedrohungen auf sie zukam. Er selbst war seiner Meinung nach zu alt und krank, um etwas ändern zu können. Doch die Jüngeren könnten vielleicht noch etwas bewirken, wenn sie es denn nur wollten.

Aber wen wundert es, dachte Georg resignierend, wuchs die junge Generation doch unter Führung einer unfähiger Politiker-Clique auf: Anstatt zu versuchen, das Leben in Deutschland zu verbessern, dass für viele so elend war wie sein eigenes, machten sie das Gegenteil und verschlimmerten noch die Situation.

Unendlich viele, fremde, Menschen, von denen nicht nur er sich bedrängt und bedroht fühlte, überschwemmten Deutschland. Und was hatte die Bundeskanzlerin gesagt: „Flüchtlinge seien willkommen!“ und „Wir schaffen das!?“ Zu Recht sehen das viele ganz anders! Er auch! Er hatte Angst vor dieser Masse von unbekannten, Menschen aus fremden Kulturen, die er nicht kannte und mit denen ihn nichts, aber auch gar nichts,  verband. 

So konnte es doch nicht weitergehen!….

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Georgs Leben war düster, dunkel und dumpf.

Wenn man das überhaupt Leben nennen konnte.
„Existieren“, wäre vielleicht das treffendere Wort gewesen: Denn einen Sinn sah Georg in seinem Dasein ohnehin schon lange nicht mehr. Vor allem, nachdem ihn Julia, mit der er 10 Jahre verheiratet war, mit seinen beiden Kindern verlassen hatte. Angeblich, weil er „unerträglich“ geworden sei, wahrscheinlich, weil sie jemand anderes kennen gelernt hatte, „diese Schlampe!“

In Trier leben? Auch das war wohl der falsche Ausdruck, er „fristete hier sein Dasein“.

Denn von der Stadt selbst bekam er so gut wie nichts mit. Freunde oder Bekannte hatte er hier nicht. Er schlief und versorgte sich hier mit dem Allernotwendigsten. In einer kleinen Zweizimmerwohnung in einem düsteren grauen Wohnkomplex am Weidengraben in Trier.

Jeden Morgen fuhr er mit dem Auto zum Park & Ride Platz im Messepark. Dann stieg er in den Bus und fuhr nach Luxemburg, um dort zu arbeiten, sein Geld zu verdienen. Seine Arbeit dort war seiner Empfindung nach ebenso sinn- wie trostlos. Wie viele, die Trier aus Kostengründen als Schlafstätte ausgewählt hatten, weil die Mieten hier viel billiger waren, arbeitete auch er in einer großen luxemburgischen Bank.

Irgendwelche intensiveren Kontakte zu seinen Kolleginnen und Kollegen, die über das tägliche Grüßen hinausgingen, pflegte er nicht. Warum auch, das waren doch alles nur Egoisten, denen sein Schicksal völlig gleichgültig war.

Georg hatte mittlerweile den Weihnachtsmarkt erreicht und sah sich ein wenig das bunte Treiben an. Niemand achtete auf ihn. Voller Abscheu beobachtete er einen Bettler, der am Straßenrand saß und mit flehenden Blick – meistens vergebens – versuchte, die Aufmerksamkeit der vorbeieilenden Passanten zu erwecken. „Der sollte besser arbeiten, anstatt hier herumzulungern!“, waren Georgs Gedanken.

HauptmarktDeutlich spürte er jetzt, dass die beruhigende Wirkung des Wodkas nachzulassen begann. „Es wird Zeit, etwas zu sich zu nehmen, um die Laune aufzubessern“, dachte Georg und begab sich in Richtung Hauptmarkt zu einem Glühwein-Stand.

Und plötzlich, gerade als er einen Glühwein, genauer gesagt ein „Glühkirsch-Getränk“, zu sich genommen hatte passierte es. Da seine Sinne durch den genossenen Alkohol vernebelt waren, hatte er die herannahende Gefahr nicht bemerkt. So kam das folgende Geschehen für ihn völlig unerwartet:

Von hinten hatte sich schnellen Schrittes ein Mann genähert, der ihn kräftig anrempelte und eiligst in Richtung Domfreihof verschwand. Die Hälfte des Getränks, das er gerade erworben hatte, schwappte auf den Boden. „Ungehobelter Kerl,“ dachte Georg wütend, “konnte der nicht aufpassen! Er hätte sich ja wenigstens einmal entschuldigen können!“

Verwundert nahm er dann wahr, wie dieser Kerl nur wenige Meter später von einer jungen, sehr jungen, etwa 20 Jahre alten Frau, angehalten wurde, die an seinem Mantel zerrte und in die Manteltasche griff. Es fiel etwas heraus.

„Oh, da beobachte ich eine Taschendiebin auf frischer Tat!“, dachte er aufgeregt, „Sicherlich eine von den vielen Ausländerinnen, die wir jetzt hier in Trier haben. Klauen doch alle wie die Raben! Dieses elende Pack! Diese Dreistigkeit ist wirklich ungeheuerlich, bestiehlt die den Mann doch am helllichten Tag!“, dachte er voller Abscheu.

Die junge Frau, mit langen braunen Haaren, die aus einem Kopftuch herausfielen, bückte sich jetzt und hob etwas von der Straße auf. Seltsamerweise kümmerte sich der Mann, der der jungen Frau sicherlich körperlich weit überlegen war, überhaupt nicht um das Geschehene, entriss ihr nicht den gestohlenen Gegenstand, sondern lief eilenden Schrittes weiter in Richtung Dom weg.

„Warum lässt er sich so einfach bestehlen?“, überlegte Georg und fasste sich im selben Moment – sozusagen instinktiv – an die Hosentasche und …  wurde bleich im Gesicht.

Sein Portmonee war weg! Trotz aller Warnungen, die von der Polizei wiedergegeben wurden, hatte er aus Bequemlichkeit sämtliche Ausweispapiere, Kreditkarten und 500 Euro Bargeld darin aufbewahrt. Alles weg, sein ganzes Hab und Gut! Der Schreck fuhr Georg in die Magengrube und ihm wurde fürchterlich schlecht.

„Das muss diese Frau gewesen sein!“, mutmaßte er und kramte nervös in seinen Taschen, so, als ob es doch etwas Hoffnung gebe, dass seine Habseligkeiten noch vorhanden sein könnten und er sich in seinem in benebelten Zustand nur getäuscht hätte. Doch alles war leer. Nichts zu finden. „Hat die also auch mich beklaut, dieses Drecksweib!“, schimpfte er still vor sich hin.

Unbändige Wut stieg in ihm auf. Seine Existenz war ohnehin schlimm genug und jetzt musste ihm diese elende, ausländische Diebin auch noch das Wenige wegnehmen, was ihm noch geblieben war: Das Geld, mit dem er sich etwas kaufen konnte, um seine unzähligen Probleme in Vergessenheit geraten zu lassen.

„Das kann man nicht zu einfach hinnehmen“, dachte Georg, „da muss man etwas tun“. Er schwelgte in Fantasien, wie er diese dreiste Verbrecherin ergriff, ihr ein paar Ohrfeigen versetzte, die sie nie vergessen würde, und dann zur Polizei zerrte, wohlwissend, dass er hierzu tatsächlich gar nicht fähig war, als seine bitteren Gedanken unerwartet beendet wurden:

Jemand stand ganz plötzlich, ganz nahe neben ihm:

Verblüfft sah Georg in braune Augen, genau in das von einem Kopftuch umhüllte Gesicht des Mädchens, dass er eben beobachtet hatte, die ihn intensiv anblickten. Sie streckte beide Hände zu ihm hin, in denen sich etwas Dunkles befand. Und als er genau hinsah, bemerkte er, dass es eine Geldbörse war.

Er nahm sie dem Mädchen aus der Hand und öffnete sie: Es war die seinige. Der gesamte Inhalt war noch vorhanden.

Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, was sich tatsächlich ereignet hatte: Der Mann, der ihn angerempelt hatte, war der Dieb! Das Mädchen hatte das Geschehen beobachtet und dem Mann dann die Geldbörse wieder aus der Tasche gezogen. Deswegen hat sich dieser nicht gewehrt! Er hatte das Mädchen zu Unrecht verdächtigt. Georg schämte sich zutiefst.

„Entschuldigung, Sorry!“, sagte er zu ihr gewandt, um sein schlechtes Gewissen zu erleichtern, aber er spürte, dass sie ihn nicht verstand.

„Wo kommst Du her? Wie heißt Du?“: Keine Reaktion! Sie sah ihn einfach an, aber wie sie ihn ansah! Als würde ihr tiefer Blick, der ihn mit einer unerklärlichen Wärme traf, durchdringen wollen.

Er versucht es noch einmal auf Englisch und unterstützte seine Fragen mit Gesten.

Er deute auf die junge Frau mit seinem Finger: „What’s your Name?“

Sie öffnete die Lippen und sagte so etwas wie „Laurin“ oder so ähnlich, genau verstand er es nicht.

Er gestikulierte weiter und deutete in die Ferne: „Where are you come from?“ und erhielt „Syria“ als Antwort.

Georg öffnete die Geldbörse und kramte einen 20 Euro Schein heraus, den er dem Mädchen entgegenhielt. „Finderlohn“. Doch dieses schüttelte nur abwehrend mit dem Kopf.

„Noch nicht einmal eine Belohnung will sie haben?“, dachte Georg ungläubig. „Sie wird doch ein Flüchtling sein und hat bestimmt nicht zu beißen!“


DomDa kam ihm eine Idee. Er deute ihr mit der Hand an, mit ihm zu kommen, und ging, vorbei an Christis Café, vor dem eine lange Menschenschlange stand, um Glühwein zu kaufen, zum Domfreihof

Dort gab es die verschiedensten Essensstände. Und tatsächlich gelang es ihm nach und nach zu erforschen, was die junge Frau essen wollte. Er kaufte es ihn und überreichte es der Syrerin. Dankbar verzehrte sie die verschiedensten Köstlichkeiten, die an den einzelnen Ständen dargeboten wurden. Es freute ihn, dass er jemand anderen eine Freude machen konnte, ein Gefühl, das er lange nicht mehr verspürt hatte.

Nach einer Weile dachte Georg, dass er nun genug Dankbarkeit gezeigt hätte. Außerdem spülte er wieder diese innere Unruhe, die signalisierte, dass sein Körper wieder etwas Alkohol bedurfte.

Es war zwar nicht zu erklären, aber es war ihm peinlich, in Gegenwart des Mädchens Glühwein oder Ähnliches zu kaufen. Außerdem, dachte Georg, sei jetzt Zeit, wieder zu seiner Wohnung zu fahren, um den erlittenen Schreck dort einigermaßen verarbeiten zu können. Also beschloss er „nach Hause“ zu fahren und sagte zu dem syrischen Mädchen „Good Bye. Er winkte ihr zu und ging in Richtung Hauptbahnhof fort, wo er den Sternbus zum „Weidengraben“ nehmen wollte.

Doch, oh Schreck, er bemerkte, wie das syrische Mädchen ihm folgte, als er den Domfreihof verlassen wollte.

Er versuchte, ihr mit Gesten zu verdeutlichen, dass sie nun gehen sollte. Doch sie reagierte überhaupt nicht. Sie folgt ihm einfach durch die Windstraße, am Max-Planck-Gymnasium vorbei bis zum Hauptbahnhof, immer in einem Abstand von ein paar Metern.

„Was soll das bedeuten?“, fragte sich Georg, „was will die nur von mir?“.

Am Hauptbahnhof wartete ein ganzer Pulk von Sternbussen, die sich bald in die verschiedensten Richtungen in Trier bewegen sollten. Er stieg in den Bus der Linie 83 … und das Mädchen wich nicht von seiner Seite.

Georg wollte es nicht, doch irgendwas veranlasste ihn, auch für sie eine Fahrkarte zu erwerben.

Schweigend fuhren sie dann, nebeneinandersitzend, zum Weidengraben. Georg war mehr als ratlos über die neue Situation, in die er jetzt geraten war. Er hatte keine Ahnung, wie er darauf reagieren sollte. Was wollte dieses fremde Mädchen von ihm nur? Warum geht Sie mit? Ab und zu sah er sie etwas verstohlen an und spürte nur, wie ihr trauriger Blick ihn im tiefsten Inneren traf, als würde die fremde, junge Frau seinen völlig zerrissenen, verletzten, zerwühlten Gemütszustand erkennen.

„Sie will doch nicht etwa in meine Wohnung mitkommen?“ Panik stieg ihn ihm auf, pure Panik, als er sich vorstellte, dass das Mädchen seine völlig vermüllte Wohnung sehen konnte, die gleichsam der Spiegel seiner geschundenen Seele war.

Georg hatte überhaupt keinen Plan, wie er mit der Situation umgehen könnte. Wenigsten eine Erklärung für ihr Verhalten fiel ihm jetzt ein:

„Wahrscheinlich“, so mutmaßte er, „will sie die Situation ausnutzen und sich bei mir einnisten. Natürlich, das ist es: Sie sucht als Flüchtling eine Wohnung und will bei mir einziehen. Da kommt ihr ja mein Missgeschick gerade recht, sie denkt, ich schmeiße sie aus schlechtem Gewissen jetzt nicht aus. Typisch! Aber, dass sie sich das traut, mit einem wildfremden Mann einfach mitzugehen?“

Georg, wusste nicht warum, aber er wagte es im Moment auch nicht, etwas gegen die drohende, für ihn äußerst unangenehme Situation zu unternehmen, etwa die Polizei zu informieren. Er war wie gelähmt.

Das Mädchen, das sich „Laurin“ genannt hatte, folgte ihm, nachdem sie aus dem Bus ausgestiegen waren. Sie ging nicht neben, sondern so etwa einen Meter hinter ihm. Sie sprach kein Wort, auch Georg versuchte keine Konversation zu beginnen. Wie auch, hat er doch schnell gemerkt, dass sie kaum Englisch sprach und es so keine gemeinsame Kommunikationsbasis gab. Was auch, denn wie sollte er erklären, was eine junge Frau aus fernen Ländern gleich in einer deutschen Wohnung vorfinden würde.

Er spürte nur, wie die Panik weiter in ihm aufstieg, je mehr sie sich seiner Wohnung, genauer gesagt seiner Behausung, die schon lange, lange Zeit kein Besuch mehr erlebt hatte, näherten.

Jetzt stand er vor der Haustüre und wagte es nicht, sie aufschließen. Doch was sollte er anderes tun?

Er öffnete beschämt die Tür, das Mädchen folgte ihm und erblickte sofort das ganze Unheil: Zwei Zimmer, eine Küche und ein Bad, von oben bis unten mit Unrat gefühlt, überall lag schmutzige Wäsche umher, gelehrte Flaschen verschiedenster Alkoholika bedeckten den Boden. Niemand anderes als Georg hatte diesen traurigen Zustand bisher wahrnehmen müssen. Warum auch, er bezahlte pünktlich seine Miete und niemand sonst hatte Zutritt zum Apartment. Und Georg selbst war es gleichgültig, völlig gleichgültig, wie es aussah.

Er beschloss für sich, dass er in diesem Moment mit der Situation einfach überfordert war und keinen Plan fassen wollte, was er mit diesem Mädchen, das sich jetzt offenbar bei ihm einnisten wollte, anfangen sollte.

„Hatte die denn gar keine Angst, als junge Frau zu einem wildfremden Mann mitzukommen? Da konnte doch alles Mögliche passieren“ Er verstand das alles nicht. Sah er doch vom Äußeren her mit seinem vom Alkohol gezeichneten, eingefallenen Gesicht nicht gerade vertrauenerweckend aus. Niemand konnte erkennen, dass Georg tatsächlich noch nicht einmal einer Fliege etwas antun könnte.

Laurin war ihm in das Innere der Wohnung gefolgt und sah sich den traurigen Zustand der Unterkunft aufmerksam, aber ohne Abscheu an, um ihn dann noch eindringlicher und noch trauriger anzusehen als zuvor. Georg spürte zum ersten Mal seit langem wieder, dass von diesem Blick so etwas wie Mitgefühl ausging, Interesse an seiner Situation, die er schon lange als völlig aussichtslos eingeschätzt hatte.

Sie zog ihren Mantel aus und setzte sich wortlos auf einen Sessel, den sie zuvor von den darauf unsortiert liegenden Kleidern befreit hatte.

„In was für eine beschissene Situation bin ich da jetzt nur geraten!“ dachte Georg verzweifelt, “Wie soll ich da nur wieder rauskommen?“

Und er wählte eine Lösung, die er bisher immer in seinem Leben als Lösung seiner Probleme gewählt hatte: Er ging zum Kühlschrank und leerte die Wodka-Flasche mit einem Zuge. Und je mehr von der beruhigenden Wirkung Alkohol spürte, umso mehr war es ihm auch völlig gleichgültig, ob nun ein Flüchtlingsmädchen beim ihm war oder nicht, wer überhaupt in seiner Wohnung war.

Also trank er diesmal noch viel mehr wie üblich. Die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten: Bald sank er in seinen Straßenkleidern auf sein Bett in einen tiefen Schlaf, der eher einer tiefen Bewusstlosigkeit ähnelte.

Am nächsten Morgen drohte Georgs Schädel zu zerspringen, so sehr quälten ihn die Kopfschmerzen. Zunächst dachte er ja, es sei ein Morgen wie jeder, nur, dass er heute nicht zur Arbeit gehen musste. Doch dann fiel ihm schlagartig das gestern Geschehene ein: Das Mädchen, Laurin! „Wo war das Flüchtlingsmädchen jetzt nur? Was hat sie in der Nacht gemacht?“, fragte er sich panisch.

Er stand auf, ging in das Bad und ihm blieb im wahrsten Sinne des Wortes der Mund vor lauter Erstaunen offen stehen, was er jetzt mit seinem immer noch vernebelten Blick wahrnahm. Er traute seinen Augen nicht!

Das Bad, das am gestrigen Abend wie eine Müllhalde ausgesehen hatte, war geputzt und alle Utensilien einsortiert.

Aufgeräumt und blitzblank präsentierte sich seine Wohnung in einem Zustand, den er so lange nicht mehr wahrgenommen hatte, die ganze Wäsche befand sich zum Teil gefaltet auf der Waschmaschine, zum anderen Teil noch in der Waschmaschine, frisch gewaschen.

Und das Mädchen, das die ganze Nacht hindurch gerackert haben muss? Laurin, wo steckte sie? Keine Spur! Sie war verschwunden, einfach weg!

Georg begriff jetzt gar nichts mehr. Und im Gegensatz zu den vielen, vielen Morgen zuvor verspürte er diesmal überhaupt nicht das Bedürfnis, den Tag mit einem Frühschoppen zu beginnen, um sich erst einmal zu beruhigen.

Stattdessen verspürte nur einen Wunsch, nämlich möglichst schnell die junge Laurin zu finden, um sich bei ihr bedanken.

Eigentlich konnte sie sich nur in der Dasbachstraße oder Eurener Straße aufhalten, dachte er. Dort waren doch die Flüchtlinge untergebracht.

Also begab er sich schnell zum nächsten Bäcker, um ein Frühstücksbrötchen und einen Kaffee zu sich zu nehmen, und fuhr dann zu den Aufnahmeeinrichtungen der Stadt. Denn dort vermutete er sie.

Dort ging er mehr oder weniger ziel- und planlos umher und suchte und suchte, war erstaunt darüber, wie viele Menschen aus wie vielen Ländern hier in dem beschaulichen Trier, versammelt waren. So hatte er die Situation, die bisher für ihn bedrohlich war, noch nie wahrgenommen. Zum ersten Mal begriff er, dass sich hier Menschen eingefunden hatten, die aus für sie bedrohlichen Situationen Zuflucht finden wollten. Hatte er sich bisher allein auf die Ausweglosigkeit seines eigenen Lebens konzentriert, erkannte er plötzlich, dass es viele, viele Menschen auf dieser Welt gab, die gleicher, nein schlimmerer Lage waren.

Er suchte und suchte, fragte mal hier mal dort, soweit er sich eben verständlich machen konnte, nach Laurin. Doch überall nur Kopfschütteln. Er sah sie nirgendwo, niemand konnte ihm einen Tipp geben, wo sie finden konnte. Wie auch bei diesen vielen Leuten.

Georg sollte Laurin niemals wiedersehen.

Aber Georgs Leben sollte sich von diesem Tag an schlagartig ändern.

Nie wieder würde er einen Tropfen Alkohol anrühren.

Seine Wohnung würde künftig stets penibel aufgeräumt sein. Zum ersten Mal seit Jahren sollte er wieder einen Heiligabend-Gottesdienst in der Konstantin-Basilika besuchen. Er würde sich später einer Gruppe anschließen, die sich zum Ziel gesetzt hatte, Flüchtlingen zu helfen. Neue Freunde sollte er dort finden. Dort sollte er auch wieder einen Sinn für sein Leben und eine Perspektive für die Zukunft finden.

Über Thomas Albrecht

Mitglied des Trierer Stadtrates.
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