Meine Abenteuer in Benin

Es ist so viel passiert, dass es mir schwer fällt alles in einen Bericht  zu verpacken. Ich versuche die bisherigen Tage ungefähr in chronologischer Reihenfolge festzuhalten. Vieles muss ich weglassen und natürlich kann ich euch auch nur einen kleinen Ausschnitt geben aus meinen Erlebnissen. Um es richtig so wahrzunehmen wie ich, da müsstet ihr schon hierher fliegen…..

07.09.2015 Au revoir Allemagne!

Die Zeit ist gekommen. Es heißt Abschied nehmen. Komisch, aber ich bin immer noch nicht aufgeregt. Es fühlt sich alles auch gar nicht so komisch an wie ich dachte. Vielleicht weil ich schon ein Jahr in Neuseeland war? Vielleicht weil die anderen Freiwillig mit mir fliegen?Bild 1
Die letzten Stunden verbringe ich mit meinen Eltern am Frankfurt Flughafen und wir essen gemeinsam eine Pizza. Wahrscheinlich die letzte Pizza für ein Jahr! Dann heißt es Abschied nehmen an genau der gleichen Stelle wie damals vor fünf Jahren als ich mich von meiner Familie verabschiedet habe, um nach Neuseeland zu fliegen. Eine kurze Umarmung … und weg bin ich …

08.09.2015 5:25 Uhr: Bonjour Benin!

Bild2Benin! Endlich!
Nach einem etwas turbulenten Flug landen wir endlich in Benin. Der Aufenthalt von vier Stunden in Casablanca, unserem Zwischenstopp, hat sich um eine weitere Stunde verlängert.

Schon beim Aussteige kommen wir uns herzlich willkommen vor.

Direkt am Flugzeug bei unserem Ausstieg empfängt uns ein Mitarbeiter mit einem großen Willkommensplakat auf dem all unsere Namen stehen. Und der erste Schock lässt nicht lange auf sich warten, denn ich verstehe kein Wort.


Bild3Was ist nur aus meinen sieben Jahren Französisch geworden? Die Leute hier haben so einen anderen Dialekt. Der nette Mitarbeiter begleitet uns zum Bus, der uns zum Flughafengebäude bringt, dort werden schnell unsere Impfpässe überprüft (Gelbfieberimpfung ist Pflicht für alle Beninbesucher), weiter geht es zur Gepäckausgabe (ein Glück – alles ist angekommen) und schon stehen wir vor dem Flughafen, wo schon der Pastor und seine Begleiter auf uns warten, um uns einen herzlichen Empfang zu bereiten.

Bild4Er geleitet uns alle zu seinem kleinen Bus. Ratlos bleiben wir Deutschen davorstehen. Wie zum Teufel soll dort das ganze Gepäck reinpassen? Nach einer Stunde quetschen in und auf dem Auto ist tatsächlich alles untergebracht. Geht nicht, gibt’s nicht in Afrika.
Schon jetzt sind bin ich fast am Ende mit meinen Kräften, aber die Fahrt ist so voller Eindrücke, dass ich mir nur ab und zu erlaube die Augen zu schließen. Überall bunt angezogene Menschen, die Obst, Reis und viele andere Dinge, die wir noch nie gesehen haben, verkaufen. Frauen, die Schüsseln, ja ganze Säcke auf ihren Köpfen tragen, Hühner, Ziegen Hunde … und der Verkehr! Ein jeder Deutscher würde hier definitiv verzweifeln, aber der Beniner kämpft sich durch. Links und rechts neben uns fahren Motorräder. Jeder überholt wo, wen und wann er möchte, kündigt das aber mit einem lauten Hupen an. Bis auf das Hupen, das von jedem brav eingehalten wird, scheint es absolut keine Regeln zu geben.
Bis vor kurzem hätte ich niemals gedacht, dass ein Kreisverkehr komplett ohne Vorfahrtsregeln funktionieren kann, aber tatsächlich funktioniert es! Die
Motorräder quetschen sich zwischen den Autos vorbei und die Autofahrer bahnen sich ihren Weg mit lautem Hupen an den Motorrädern vorbei. Fast scheint es so als hätte der lauteste Huper immer Vorfahrt. Geteerte Straßen gibt es nur ab und zu. Meistens muss unser Auto mit Feldwegen Vorlieb nehmen.
Bild5Nach einer Stunde Fahrt sind wir am Ziel. Ein Wohnkomplex von Assemblée de Dieu, der Kirche für die wir alle in Zukunft in unterschiedlichen
Einrichtungen arbeiten werden. Schnell werden alle Gepäckstücke samt uns im Haus verteilt. Ich teile mir mit zwei anderen Freiwilligen ein Bett. Zum Glück ein recht großes.
Zum Ausruhen ist aber keine Zeit, schließen wollen wir alle sehnsüchtig unsere Freunde und Familien anrufen. Unser Gastvater ist so nett und begleitet uns in die Stadt, wo wir alle Geld ziehen (was bei 10 Leuten und einem Geldautomat wirklich eine Ewigkeit dauert) und eine Sim Karte kaufen können. Abends fallen wir alle todmüde, aber glücklich ins Bett. Geld und der Kontakt nach Deutschland sind gesichert und das Essen schmeckt zu all unserer Erleichterung super!

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11.9.2015 Wann kommt endlich das Visum?

Die Tage in Porto Novo schleichen relativ ereignislos dahin und ich will nur eins: Endlich mein Arbeitsvisum erhalten und somit zu meinem endgültigen Arbeitsort nach Tanguiéta kommen. Viel mehr als im Wohnzimmer sitzen, in der Nachbarschaft spazieren und auf den Markt gehen können wir bisher leider nicht machen. Aber wenn wir als Gruppe von lauter Weißen auf die Straße gehen ist die Hölle los. Überall lachen uns Leute an, rufen uns freudestrahlend „Bonsoir“ oder „Bonjour“ zu oder rufen uns laut „Yovo“ ( = Weiße) hinterher.
Bild7Die Kinder sind gar nicht mehr zu halten, laufen uns hinterher, wollen uns anfassen oder singen freudestrahlend ein Lied für uns, das sie wahrscheinlich in der Schule gelernt haben („Yovo, yovo bonsoir! Ca va bien? Bonjour!“). Ob die Reaktionen bei uns, wenn eine Gruppe Schwarzafrikaner durch die Straßen laufen würden, wohl dieselben wären?
Bild8Auf dem Markt gibt es so ziemlich die gleichen Reaktionen auf uns. Endlich dürfen wir die leckereren Ananas und Bananen probieren, die uns schon lange aufgefallen sind. Ich sage euch: Esst einmal in Benin Ananas oder Bananen und ihr wollt nie wieder eine in Deutschland essen. Wir sind alle komplett süchtig geworden!
Der heutige Tag ist im Gegensatz zu den vorherigen Tagen recht anstrengend. Schon morgens früh um sechs müssen wir uns alle in unseren kleinen Bus quetschen, um mit Pastor Viktor nach Cotonou zu fahren. Ob wir nun endlich unser Visum bekommen?
Leider nein. Es gibt einen kurzen Plausch mit einem Minister und ein Besuch der deutschen Botschaft, die wir leider nur von außen sehen, weil sie noch nicht geöffnet hat. Enttäuscht machen wir uns auf den Rückweg. Warum sollten wir alle eigentlich mitkommen, wenn wir außer einem kurzen Plausch nichts Sinnvolles machen konnten? Noch auf dem Rückweg erreicht unseren Pastor ein Anruf: Wir sollen wieder zurück nach Cotonou. Vielleicht geht es mit dem Visum doch schneller als gedacht. Also schnell zurück nach Porto Novo, Essen hinunterschlingen, das eigentlich viel zu schade ist zum herunterschlingen und rück zu nach Cotonou. Dort werden furchtbare Fotos von uns gemacht und Fingerabdrücke genommen. Danach treten wir endgültigen den Rückweg an mit dem Versprechen des Pastors: Am Montag habt ihr euer Visum! Nach dem furchtbar langen und verwirrenden Tag sind wir uns alle unsicher, ob sich dieses Versprechen einhalten lässt…

14.09.2015 Auf deutschem Boden

Bild9Es ist Montag und wir sitzen schon wieder im Auto nach Cotonou. Offensichtlich scheint es wirklich zu klappen mit unserem Visum. Ein Glück! Erster Stopp: Die deutscher Boden. Genauer gesagt die deutschen Botschaft, in der uns sogar der Botschafter persönlich empfängt. Was für eine Ehre! Und es kommt noch besser: Er lädt uns alle am 3. Oktober zu sich in die
Botschaft ein, um mit ihm und anderen geladenen Gästen den Tag der deutschen Einheit zu zelebrieren. Das dürfen wir uns auf keinen Fall entgehen lassen!
Zum Abschied dürfen wir uns sogar ein paar deutsche Bücher und deutsche DVDs ausleihen! Was für eine tolle Botschaft! Auf unserem Rückweg nach Porto Novo halten wir alle erleichtert unsere einjährige Arbeitserlaubnis in der Hand. Also auf nach Tanguiéta!

15.09.2015 Auf nach Tanguiéta!

Um 7.30 Uhr fährt unser Bus nach Tanguiéta. Um 6.45 Uhr stehen wir alle mit unseren Koffern bereit zur Abfahrt. Aber wo ist unser Fahrer? Langsam bekommen wir Panik, rufen den Pastor und den Fahrer an. Ohne Erfolg. War’s das also schon mit Tanguiéta?
Um 7.30 Uhr steht unser Fahrer vor der Tür. Um 8.00 Uhr ist das ganze Gepäck verstaut und um 8.30 Uhr sind wir am Busparkplatz. Nach allen deutschen Regeln wäre der Bus jetzt schon längst weg. Nicht so in Benin. Der Pastor, bereits vor Ort ist winkt uns hektisch heran, die Koffer werden so schnell wie möglich auf die Busse verteilt. Hektische Rufe, wütende Beschwerden der Busfahrer, doch schlussendlich sitzen wir tatsächlich im Bus. Zum Abschied nehmen blieb keine Zeit. Wir alle werden das nächste Jahr an verschiedenen Orten verbringen. Nur Pauline wird mit mir nach Tanguiéta fahren und wir werden zusammen an der Schule arbeiten.
Die Fahrt nach Tanguiéta ist vor allem eins: Laut und lang. 12 Stunden fahren wir über holprige Feldwege und werden dabei 12 Stunden mit afrikanischen Filme beschallt über die der ganze Bus lachen kann außer uns, weil wir kein Wort verstehen.
Um 19.30 Uhr sind wir in endlich in Tanguiéta, wo wir vom Pastor, seiner Frau, Saskia und Ursula willkommen geheißen werden. Saskia wird für die nächsten zwei Wochen bei uns wohnen, weil sie bis dahin ein Praktikum in einer Klinik in Tanguiéta macht. Ursula, ein Urgestein in Benin, lebt schon seit mehreren Jahren hier und wird uns als Mentorin mit Rat und Tat zur Seite stehen. Müde falle ich in mein ohne mir Gedanken darüber machen zu können wie es nun weitergeht.

16.09.2015 Wo bin ich hier nur gelandet?!

Ich wache auf und will erst gar nicht aus meinem Bett aufstehen. Wo bin ich? Was mache ich hier eigentlich? Und warum zum Teufel tu ich mir das eigentlich an?
Bild10Gestern Abend war ein Schock für mich. Das Klo: ein
Loch im Boden mit Kakerlaken an den Wänden, unsere Wohnung: ein Betonklotz, der für mich im Moment noch wenig Wohnhaftes an sich hat. Unser Zimmer: ein Raum mit zwei Matratzen und Kakerlaken. Unsere Dusche: ein Eimer mit Wasser. So wie ich davor meine absolute Hochphase hatte, alles toll und aufregend fand, so ist jetzt der Kulturschock voll eingeschlagen. Nichts ist hier so wie ich es in Deutschland gewohnt bin. Wasser müssen wir selbst holen und pro Kanister zahlen. Und mein größtes Problem: Den Müll müssen wir selber verbrennen. Nicht nur, dass sich alles in mir sträubt das ganze Plastik zu verbrennen und die Reste irgendwie zu entsorgen, es noch dazu nicht ungefährlich, weil Plastikdämpfe hochgiftig sind. Aber das ganze Zeug einfach in die Natur schmeißen niemals, weil es die Umwelt verpestet und von Tieren gefressen wird, die daran sterben.
Bild11Hier wird mir erst einmal das Müllproblem unserer Welt in vollem Ausmaß bewusst. Hier bin ich selbst für meinen Müll verantwortlich und es gibt keine Müllmänner, die den Müll für mich entsorgen. Müll ist hier leider an den Straßen allgegenwärtig. Die Menschen wissen gar nicht, was sie damit machen sollen. Viele verbrennen ihren Müll, aber viele schmeißen ihn auch achtlos in die Natur. Oft sieht man hier kleine Müllhäufchen schmoren oder Berge von Müll am Straßenrand.
Auch Wasser lerne ich hier als kostbares Gut zu schätzen. Derzeit versuchen wir so gut es geht Regenwasser aufzufangen. Viel Regen reicht schon aus um uns mit Trink- und Waschwasser für einen Tag zu versorgen. So wie wir in Deutschland arglos Trinkwasser in den Abfluss kippen, weil wir genug davon haben, würden Beniner niemals auf die Idee kommen, Wasser achtlos wegzukippen, weil sie es dringend brauchen und es gerade in der Trockenzeit rar ist.
Es braucht gut zwei Tage, bis ich meinen anfänglichen Kulturschock überwunden habe. Sicher wird es noch viele Momente geben in denen mir alles zu viel wird und ich mich frage, warum ich mir das alles antue, aber zum Glück gibt es genauso viele schöne Momente. Ich liebe die Landschaft hier. Tanguiéta ist umgeben von Bergen, die jetzt in der Regenzeit alle wunderschön aufgrünen. In unserem Hof, den wir uns mit drei Familien teilen sind super viele Kinder, die ich schon jetzt alle ins Herz geschlossen habe. Den Kindern hier kann man schon mit einer Kleinigkeit wie einem Luftballon so eine Freude machen kann, dass es herrlich ist ihnen beim Spielen zuzuschauen (auch wenn das Spiel höchstens 10 Minuten dauert, weil der Ballon dann schon geplatzt ist). Die meisten Menschen hier sind sehr freundlich und respektvoll. Wenn ich durch die Straßen laufe gibt es kaum einen der mir keinen schönen Tag wünscht. Nicht selten wird man zum Essen zu einem Zwischentrunk eingeladen.
Was mir bisher besonders gut an Benin gefällt ist, dass die Menschen einfach in den Tag hinein leben und sich viel weniger Gedanken über eigentlich unnütze Dinge machen. Die meisten stehen morgens früh mit dem Sonnenaufgang auf. Tiere laufen überall herum und Früchte und Kräuter stehen nicht einfach achtlos am Wegesrand, sondern werden gepflückt und weiterverwertet.
In Deutschland fehlt mir manchmal der Bezug zur Natur, der zum richtigen Leben zu den eigentlich wichtigen Dingen im Leben. Vielleicht müssen wir nicht immer nur an den armen Afrikaner denken und wie wir ihm zu mehr Europa verhelfen können, sondern vielleicht würde uns ein bisschen Afrika in gewissen Aspekten gar nicht schaden.

P.S.: Ich habe sehr viel geschrieben, weil wirklich viel passiert ist und weil es mir wichtig nicht nur grob zu beschreiben, was ich hier mache, sondern auch meine Gedanken zu teilen und Benin in allen seinen Facetten, die mir in diesem Jahr begegnen werden zu beschreiben. Ich würde mich freuen, von euch eine kleine Rückmeldung bekomme. Wahrscheinlich werde ich nicht alle ausführlich beantworten können, weil unser Internet hier unten sehr schlecht ist und nicht immer die Zeit da sein wird alle Emails ausführlich zu beantworten. Aber schreibt mir! Teilt mir eure Gedanken mit.
Ansonsten hört ihr später von mirund erfahrt mehr über mein Leben in Benin. =)

Eure Sarah

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Über Sarah Albrecht

Die Tochter der Familie Albrecht. Psychologin.
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1 Antwort zu Meine Abenteuer in Benin

  1. Karin Keutner sagt:

    Guten Tag!
    Glückwunsch zu dieser Entscheidung und zu den gelungenen Beitrag. Meine erste Begegnung mit dem afrikanischen Kontinent fand auch in Benin statt. Genau wie Du war ich zunächst einmal über den Kulturschock erschrocken und bin es heute noch immer, wenn ich mich dem gegenüber sehe. Aber es gibt soooooviel positives, was man von diesen Menschen lernen kann; schön, dass Du das so schnell gefühlt hast. Noch ganz kurz, immer wenn ich heute auf afrikanischem Boden lande, egal, ob Benin, Senegal, Sierra Leone oder sonst wo, ich steige aus dem Flieger, rieche das Land und habe das Gefühl nach Hause zu kommen. Afrika wird mich nie wieder loslassen.
    Dir viel Erfolg und eine schöne Zeit.
    Liebe Grüße aus Trier
    Karin Keutner

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