Ein Brunnen für Tanguiéta

Hallo an alle!

Die letzten Tage waren sehr ereignisreich und auch sehr stressig. Grund dafür ist ein Brunnen, den wir gerade auf einem Dorf bauen bzw. ein Brunnenbau, den wir in Auftrag gegeben haben. Deswegen möchte ich Euch die Geschichte des Brunnens nicht länger vorenthalten und Euch davon berichten.

Im Prinzip hat die Idee, einen Brunnen zu bauen angefangen, als wir eine Freundin in Bagapodi, einem kleinen Dorf bei Tanguiéta, besucht haben. Davon habe ich Euch ja bereits berichtet. Die Menschen hatten dort schon im Dezember große Probleme an Wasser zu kommen.

Wie alles begann, könnt Ihr hier nachlesen: Es war aufregen und spannend.

Wasser – Ein wertvolles und teures Gut

Allgemein gibt es in Tanguiéta große Probleme mit Wasser, insbesondere in der Trockenzeit. Die Trockenzeit im Norden Benins dauert normalerweise von November bis Mai. Gegen Ende der Trockenzeit gibt es eigentlich in ganz Tanguiéta und Umgebung Wasserprobleme. Die Brunnen sind zu der Zeit fast alle leer und die Menschen müssen zum Teil weit laufen, um Wasser zu finden. Generell gibt es in Benin verschiedene Möglichkeiten, an Wasser zu gelangen.  In manchen Höfen, so wie bei uns, steht ein Wasserhahn. Das Wasser kommt aus dem hiesigen Stausee und wird so aufbereitet, dass man es trinken kann. Allerdings kostet das Wasser, was sich viele Menschen nicht leisten können.

Als kostenlose Alternativen gibt es Wasser aus Eimerbrunnen, die oft nur einige Meter tief sind. Das Problem hierbei ist allerdings, dass das Wasser eigentlich nicht trinkbar ist. Dadurch, dass die Brunnen offen sind, kann alles Mögliche hineinfallen, was das Wasser verseucht. Außerdem halten sie nicht über die komplette Trockenzeit. Wenn die Brunnen leer sind, laufen viele Menschen deswegen zu großen Seen, die noch über die Trockenzeit Wasser enthalten. Das Wasser dort ist allerdings noch verschmutzter als in den Brunnen. Mangels einer besseren Möglichkeit wird es dennoch getrunken.

Bild 1Nachdem wir aus Bagapodi zurückgekommen sind, dachten wir noch, es könne nicht viel schlimmer zugehen als dort und in Tanguiéta. Da hatten wir uns allerdings getäuscht und mussten feststellen, dass es noch viel schlimmer geht, wie wir in Monkonton gesehen haben.

Die einzige Möglichkeit dort an Wasser zu kommen, ist ein See in der Nähe. Um dorthin zu gelangen, müssen die Frauen allerdings erst 20 Minuten über Stock und Stein gehen. In der Regenzeit gibt es dort sehr viel Wasser, in der Trockenzeit geht das Wasser jedoch so weit zurück, dass sich der ganze Schmutz im See sammelt. Mit einem Stock müssen die Frauen zuerst die schlimmste Mikrobenschicht  von der Oberfläche entfernen, bevor sie anfangen können, Wasser zu schöpfen.

Bei unserem Besuch im Dorf haben wir solches Wasser auch zum Trinken angeboten Bild 2bekommen. Es war so braun, dass wir wahrscheinlich noch nicht einmal unseren Fuß hineinstecken würden – von Duschen oder gar Trinken ganz zu schweigen.

Aber für die Menschen aus Monkonton  gibt es nun mal keine andere Möglichkeit. Es gibt dieses Wasser oder keines. Man möchte sich gar nicht ausmalen, wie viele Krankheiten einzig und allein durch das Wasser ausgelöst werden, die die Strapazen des Alltags natürlich noch verschlimmern.

Uns haben die Erlebnisse auf den Dörfern so sehr berührt, dass wir beschlossen haben zu handeln und den Menschen helfen wollen.

Unser Entschluss: Wir müssen handeln

Der Weg zum Brunnenbau war ein sehr langer und stressiger Weg. Davor wäre mir niemals die Idee gekommen, dass es so aufwendig sein kann einen Brunnen zu bauen. Zunächst einmal stellt sich da die Frage, was für ein Brunnen gebaut werden soll. Es gibt die da die Möglichkeit einen ganz einfachen Eimerbrunnen zu bauen, der nur wenige Meter tief ist. Diese Brunnen sind nicht teuer, halten aber auch nicht über die gesamte Trockenzeit. Deswegen haben wir beschlossen einen Tiefbrunnen mit einer Pumpe zu bauen. Das Wasser wird hierbei  vom Grundwasserspiegel mithilfe einer Handpumpe nach oben gepumpt. Der Brunnen ist geschlossen und bietet somit über das gesamte Jahr Trinkwasser.

Bild 3Soweit so gut. Wir hatten das Dorf und wussten, welchen Brunnen wir bauen können. Aber wer baut uns den Brunnen? Vor allem: Wer baut uns den Brunnen zu einem angemessenen Preis? Die Suche nach geeigneten Brunnenbauern hat sich als am Schwierigsten herausgestellt. Leider ist es oft so, dass der Preis astronomisch in die Höhe steigt, wenn ein Weißer am Projekt beteiligt ist. Deshalb wollten wir auch zunächst die Idee des Brunnens ganz aufgeben, weil wir dachten, dass es viel zu teuer werden wird. Außerdem war es zu dem Zeitpunkt schon Mitte Mai und die Regenzeit konnte jederzeit einsetzen. Die beste Zeit einen Brunnen zu bauen ist in der Trockenzeit, weil dann der Grundwasserspiegel sehr weit unten liegt und man so sicher sein kann die ganze Trockenzeit über auf Wasser zu stoßen. Die Zeit drängte. Nach einiger Recherche und vielen Gesprächen haben wir buchstäblich in letztem Moment jemand gefunden, der bereit war uns den Brunnen zu einem angemessenen Preis zu bauen.

Es war wirklich schön die Freude in allen Gesichtern der Dorfbewohner zu sehen, als wir ihnen mitgeteilt haben, dass wir ihnen einen Brunnen bauen wollen. Sie waren direkt Feuer und Flamme und sofort bereit sich tatkräftig am Bau des Brunnen zu beteiligen.

Zwei Wochen später ging es dann auch schon los. Das Wichtigste war zunächst ein Loch zu Bild 4bohren und dort dann hoffentlich auf Grundwasser zu treffen. Da die Maschine, mit der der Bohrer betrieben wird, sehr viel Wasser benötigt, war e die Aufgabe der Frauen Wasser zu besorgen. Der See, den ihr auch auf dem Foto gesehen habt, ist über eine halbe Stunde Fußweg entfernt. Zum Glück sind die Tage des Wasserholens für die Frauen hoffentlich bald gezählt.

Bild 5Das Loch wurde mit einer handbetriebenen Bohrmaschine gebohrt. In Deutschland wäre so etwas unvorstellbar. Ein 24m tiefes Loch mit einem Handbohrer nur durch

Muskelkraft bohren? Niemals! Der Bohrer wird von den Männern nach und nach immer tiefer in die Erde gedrückt und das Wasser schwemmt Schlamm und Steine nach oben. Größere Steine müssen von den Männern mit dem Bohrer durchschlagen werden. Man kann sich gar nicht vorstellen wie anstrengend so eine Arbeit sein muss.

Nachdem das Loch gebohrt und die Rohre, in denen später das Wasser nach oben gepumpt wird, eingesetzt waren, wurde eine Mauer um den

Brunnen gebaut. An der Mauer sind die Arbeiter gerade noch dran.  Der Brunnen ist aber noch nicht ganz fertig. Die Handpumpe muss noch eingesetzt und das Wasser desinfiziert werden.  Es gibt also noch einiges zu tun, bis die Bewohner aus Monkonton endlich an ihr Wasser kommen können.

Zum Schluss meines heutigen Berichtes, wende ich mich noch an Euch mit einer BitteBild 6. Der Brunnen wird wahrscheinlich in nächster Zeit fertiggestellt werden können, weil wir einige Finanzierer  gefunden haben. Es fehlt allerdings immer noch Geld, um meinen Aufenthalt hier in Benin zu finanzieren. Meine Organisation benötigt für meinen Aufenthalt insgesamt 2400 Euro, um die Kosten für die Unterkunft, Essen und den Flug zu decken. 

Wenn Ihr also meine Arbeit hier unten unterstützen wollt, dann bitte ich Euch um eine Spende, um so meinen Aufenthalt weiterhin zu ermöglichen. Vielleicht kennt ihr ja auch jemanden an den ihr mein Anliegen und meinen Bericht zum Brunnen weiterleiten könnt. Das würde mir wirklich sehr helfen.

Die Spenden sollten an folgende Adresse gehen:

Spendenkonto: Kinderhilfe Westafrika e.V.

IBAN: DE03 8305 0000 0000 6521 64

BIC: HELADEF1GER, Sparkasse Gera-Greiz

 Verwendungszweck: Sarah Albrecht, Tanguiéta, Name Spender + Adresse

Ich danke Euch schon jetzt für Eure Unterstützung und bis zum nächsten Mal!

Eure Sarah

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Eine Vision: Das Brunnenprojekt

Hallo an alle!

Da ihr ja zu Recht ein paar Bedenken geäußert habt zu unserem Projekt, möchte ich euch nun ein Resümee schicken zu unserem Projekt und euch ein bisschen erzählen wie alles angefangen hat und an welchem Schritt wir jetzt sind, damit ihr euch keine Gedanken mehr machen müsst.
Bild 1Angefangen hat alles wie schon im Brunnenbericht erwähnt im Dezember als wir bei unserer Freundin Charlotte waren und gesehen haben was es dort schon am Anfang der Trockenzeit für große Probleme mit Wasser gibt. Darüber hatte ich auch in einem meiner Rundbriefe berichtet. Danach ist mir das Wasserproblem hier und die Idee einen Brunnen zu bauen nicht mehr wirklich aus dem Kopf gegangen. Daher sind wir also im Prinzip seit Dezember am Projekt dran. Zuerst haben wir in Tanguiéta ein bisschen nachgefragt, wie man überhaupt einen Brunnen bauen kann. Dabei haben die Preise von 150 – 10.000 Euro variiert und das Ganze hat uns auch nicht wirklich weitergeholfen. Im Gegenteil wir dachten schon die Idee aufgeben zu müssen, weil 10.000 Euro nun wirklich zu viel ist.

Irgendwann haben wir mit unserem Gastvater (dem Pastor) darüber gesprochen. Er fand die Idee von Anfang an gut, hat uns sehr geholfen und unterstützt uns bis jetzt sehr viel, was auch dazu beigetragen hat, dass wir das Projekt weiter verfolgt haben.

Ihn haben wir dann auch gefragt, wo die Wasserprobleme in und um Tanguiéta amBild 2 Schlimmsten sind. Durch ihn haben wir dann den Präsident der Baumwollfabrikation, Michel, kennengelernt. Er hat uns Monkonton gezeigt, das Dorf wo wir jetzt den Brunnen bauen. Wir hatten großes Glück an ihn zu geraten. Er kennt Tanguiéta und Umgebung unglaublich gut und ist vor allem mit vielen Ethnien hier sehr vertraut.
Zuerst wollten wir den Brunnen mit einer Unternehmerin bauen, die den Pastor persönlich kennt. Ihr Preis für einen Brunnen war allerdings viel zu hoch. Außerdem wollte sie nur einen einfachen Brunnen bauen, der 15 Meter tief ist. Normalerweise sollen so Brunnen, wenn man sie mit der Hand gräbt 150 Euro Kosten, sie aber wollte 5000 Euro dafür haben. Nachdem ich den Preis gehört habe, bin ich auch mit einer Organisation in Deutschland in Kontakt getreten (afrikabrunnen.org)

Ein holpriger Weg zum Brunnen

Auch sie haben mir bestätigt, dass der Preis viel zu hoch ist. Zu dem Zeitpunkt wollte ich das Projekt dann endgültig aufgeben, weil es schon April war (im März konnten wir fast nicht an dem Projekt arbeiten, weil ich ja so schlimm krank geworden bin). Die Organisation hat mir aber ein paar gute Tipps gegeben, weshalb ich das Projekt dann doch weiterverfolgt habe.
Wir haben mit einer ansässigen ONG hier geredet, mit dem Bürgermeister und mit drei verschiedenen Firmen (eine ist extra auf unsere Kosten angereist, hat uns vorher einen guten Preis genannt und hat den Preis dann doch geändert, als er gesehen hat, dass wir weiß sind). Gegen Ende waren wir total verzweifelt, auch weil die Zeit immer knapper wurde (einen Brunnen kann man nur in der Trockenzeit bauen und die Regenzeit fängt im Mai an).
Lange Rede kurzer Sinn – es war ein sehr holpriger Weg zu unserem Brunnen mit sehr viel
Gegenwind (unter anderem von unserer eigenen Organisation, darüber wissen meine Eltern schon Bescheid), aber schlussendlich sind wir wie durch ein Wunder an einen wirklich zuverlässigen und netten Unternehmer gestoßen, der noch nicht mal über den Preis verhandeln wollte.

Also sind wir diese Woche ins Dorf gefahren, um ihnen mitzuteilen, dass wir einen Brunnen bauen. (alle haben sich so sehr gefreut, es war richtig süß) und am Donnerstag haben wir den Vertrag unterschrieben.Bild 3

Insgesamt wird der Brunnen 5300 Euro kosten. 30% davon müssen wir im Voraus zahlen, weil er dafür das ganze Material besorgt. Das Geld haben Pauline und ich schon bereits vom Konto abgehoben. 35% werden wir im Juni zahlen und weitere 30% im August, wenn wir hoffentlich das ganze Geld an Spenden zusammen haben werden. 5% zahlen wir erst nach einem Jahr, weil es ein Jahr Garantie auf den Brunnen gibt. Der Vertrag ist also wirklich sehr vorteilhaft für uns.

Soweit die Geschichte des Brunnens. Die Arbeit am
Brunnen wird voraussichtlich nächste Woche Mittwoch beginnen. Die Bauarbeiten dauern insgesamt nicht länger als zwei Wochen.
Bild 4Zur Eröffnung des Brunnens werden wir unter anderem den Bürgermeister einladen und hier ansässige Organisationen. Vielleicht gibt es dadurch ja noch mehr Leute, die auch einen Brunnen hier bauen wollen – Bedarf ist wirklich da.

Falls ihr sonst noch Fragen habt, stellt sie mir gerne jederzeit. Ich versuche euch jetzt so gut es geht auf dem Laufenden zu halten. Wahrscheinlich aber eher telefonisch, weil solche Emails schon immer viel Zeit in Anspruch nehmen.

Bis dahin!

Eure Sarah

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Eine Reise durch Benin

In diesem 6.Bericht aus Benin möchte ich Euch dazu einladen mit mir auf eine Reise durch den Benin zu gehen. Daniel hat mich Anfang März besucht, wir sind zusammen rumgereist und haben sehr viel gesehen. Das möchte ich Euch natürlich nicht vorenthalten und wünsche Euch jetzt viel Spaß mit meinem kleinen Reiseführer zu Benin. Vielleicht bekommt der ein oder andere ja danach auch ein bisschen Lust nach Benin zu fliegen und das Land kennen zulernen.

Cotonou

Grostadttreiben

Grostadttreiben

Unsere allererste Station ist natürlich Cotonou, weil Daniel dort mit dem Flugzeug ankommt. Außerdem hat Cotonou den Vorteil, dass es ganz im Süden liegt und wir so perfekt von Stadt zu Stadt reisen können, bis wir ganz oben bei mir im Norden sind. Von Tanguieta nach Cotonou zu fahren, um Daniel abzuholen ist für mich zuallererst sehr aufregend. Seit einem halben Jahr haben wir uns nicht mehr gesehen!

Schon am Flughafen angekommen, kann ich mich gar nicht mehr richtig halten vor Aufregung. Und dann kommt auch noch sein Flug zu spät und ich muss noch länger warten. Als er dann endlich aus Flughafengebäude kommt, ist es für uns beide ein herzliches Wiedersehen.Bild 2

Cotonou ist für uns beide kein Ort, an dem wir uns lange aufhalten möchten. Zwar ist es für mich schön wieder einmal in einer Stadt zu sein, wo ich europäisch essen kann, dennoch ist es uns beiden viel zu laut und viel zu voll. Es gibt unglaublich viel Verkehr – die Autos und Motorräder fahren, wie sie wollen, und es sind oft so viele Menschen unterwegs, dass man total den Überblick verliert. In Cotonou kann man zwar viel machen, sie ist aber keine schöne Stadt und mir fehlt auch die afrikanische Ruhe, die ich sonst aus Benin gewohnt bin. Wir sind also beide nicht unglücklich darüber Cotonou bald zu verlassen und einen Ausflug zur Stadt auf dem Wasser zu machen.

Ganvier

Stadt auf dem Wasser

Stadt auf dem Wasser

Die Stadt auf dem Wasser heißt Ganvier und ist definitiv eines der Highlights unseres Trips durch Benin. Ganvier liegt mitten in einer Lagune. Nach einer langen Bootsfahrt übers Wasser sieht man die ersten Häuser, die wie über dem Wasser zu schweben scheinen. Fährt man etwas näher ran wird aber schnell klar, dass die Häuser auf Stelzen gebaut sind. Die meisten Bewohner von Ganvier sind Fischer und verdienen ihr Geld damit den Fisch auf dem Markt am Festland zu verkaufen.
Bild 4Aber auch in Ganvier gibt es einen Markt – einen Markt auf dem Wasser. Tomaten, Gewürze, Reis und vieles mehr befinden sich auf Booten und die Menschen müssen dort vorbeifahren, um einzukaufen. Jedes Haus hat mindestens ein Boot, weil die Menschen sich auch von Haus zu Haus nur mit ihren Booten fortbewegen können. Die Stadt hat sogar eine Kirche, ein Krankenhaus, eine Schule … Und das alles auf dem Wasser. Allerdings müssen die Häuser alle fünf Jahre erneuert werden, weil das Holz dann zu angegriffen ist vom Wasser und einstürzen kann. Ganvier – das Venedig von Benin.

Ouidah

Sklavenleid

Sklavenleid

Auf Ouidah war Daniel von Anfang am meisten gespannt. Von Ouidah aus wurden vor und während der Kolonialzeit die Sklaven nach Europa verschifft. Heute kann man an verschiedenen Stationen in Ouidah den Weg der Sklaven bis zum Meer verfolgen. Die Stationen sollen an das Leiden der Sklaven erinnern. Schon auf dem Weg nach Ouidah zur Verschiffung sind sehr viele Sklaven an Erschöpfung gestorben. Haben sie es bis nach Ouidah geschafft, wurden sie in ein Gefängnis eingesperrt. Auch dort sind noch einmal viele an den unmenschlichen Bedingungen gestorben.

Diejenigen, die robust genug waren die ganzen Strapazen zu überstehen, wurden schließlich am „Porte du non retour“ nach Europa verschifft. Noch heute kann man das große Tor am Strand bewundern.Bild 6

Neben seiner traurigen Sklavengeschichte ist Ouidah die bedeutendste Stadt des Vodoo. Überall in Ouidah sieht man Statuen, die Vodoo Gottheiten darstellen.
Außerdem gibt es einen Pythonpalast, in dem auch Vodoo Zeremonien stattfinden. Pythons sind im Vodoo heilig und dürfen nicht gejagt und gegessen werden. Die Pythons wohnen in einem kleinen dunklen Raum und werden einmal

Bild 8

Keine Angst vor Schlangen

im Monat zum Fressen hinausgelassen. Danach kehren meist alle Pythons zurück. Findet ein Passant draußen eine Python, bringt er sie zurück in den Palast – in Oudiah ist klar, dass Pythonfleisch tabu ist. Der Palast ist auch Ort für Vodoo Zeremonien

Grand Popo

Nach den ganzen Reisen ist uns erstmal nach Entspannung zumute. Die wollen wir iBild 9n Grand Popo am Strand finden. Der Name hört sich für uns erstmal komisch an, aber die Betonung im französischen liegt nicht auf dem ersten, sondern dem zweiten „o“.
Wir übernachten in einem sehr schönen Hotel direkt am Strand. Sehr schade ist nur, dass man nicht wirklich im Meer schwimmen kann. Die Brandung ist so stark, dass man direkt ins offene Meer getragen wird und sehr aufpassen muss.

Entspannung am Meer

Entspannung am Meer

Abomey/ Bohicon

Bild 11Nach der kleinen Entspannung in Grand Popo geht es weiter nordwärts nach Abomey, der Stadt der Könige. Als Benin noch das Königreich Dahomey war – also vor der Kolonialisierung – war Abomey der Sitz der Könige Dahomeys. Über die Jahrzehnte gab es sehr viele Könige und man sieht heute noch viele Paläste, weil jeder König sich einen eigenen Palast gebaut hat. Der am besten erhaltene und größte Palast, der heute ein Museum ist, ist der des letzten Königs von Dahomey und seinem Sohn. Es ist beeindruckend zu sehen, wie groß unBild 12d bedeutend der Palast ist, aber auch erschreckend, wie grausam die Zeit des Königs war. Der Thron des Königs besteht zum großen Teil aus Köpfen, die seine Soldaten bei Überfällen in andere Königreiche gesammelt haben. Menschenopfer waren bei den damaligen Vodoo Zeremonien weit verbreitet. Bei der Beerdigung des Königs wurden 40 Kriegsgefangene geopfert. Dahomey gehörte vor der Kolonialisierung auch zu den Reichen, die Kriegsgefangene und zum Teil die eigenen Leute an Europa verkauft haben. Seinerzeit bestand zwischen den Portugiesen und dem König Dahomeys eine wichtige Handelsbeziehung.
Gegenstand des Handels waren Sklaven. Belohnt wurde der König für seine Lieferungen mit wertvollen Geschenken. Nicht weit von Abomey ist Bohicon, bekannt für die „village souterrain“ – die unterirdische Stadt. Noch zu Zeiten Dahomeys haben die Menschen dort unterirdisch in Höhlen gewohnt, um sich besser vor Feinden schützen zu können. Außerdem konnten sie so ankommende Feinde mit einem Angriff überraschen.

Dassa

Bild 13Nach der Besichtigung der Königsstadt fahren wir noch weiter in den Norden nach Dassa – der Pilgerstadt für Christen. Eine Grotte in Dassa dient jetzt neben einer großen, von Italienern gebauten Kirche, als Pilgerstädte. Da es den allermeisten Beninern finanziell unmöglich ist nach Lourdes, den großen Pilgerort in Frankreich, zu fahren, wurde ein Stein aus Lourdes zur Grotte gebracht und in den Felsen eingebaut.
Dassa ist außerdem ein wichtiger Ort des Vodoo, weil es dort einen heiligen Berg gibt. Da wir inBild 13 b
Dassa das Glück haben an einen sehr guten Fürer zu geraten, der sich sehr gut in Dassa auskennt, lernen wir auch ein Cafe eines Künstlers kennen, der seine Kunstwerke in Felsen eingraviert.


Bild 14

Pendjari National Park (Tanguieta)

Abschied

Abschied

Nach unserem kurzen Aufenthalt in Dassa folgt unsere bisher längste Fahrt nach Natitingou, um einen kurzen Abstecher zu Anna und Andrea zu machen. Außerdem schauen wir uns Boukombe an, berühmt für seine Tatas. Tatas sind besonders gebaute Lehmhütten, die ein bisschen an eine kleine Burg erinnern, weil sie sehr hoch gebaut sind. Die Menschen schlafen oben auf den Dächern, um besser vor Feinden und Dieben geschützt zu sein.
In Tanguieta sieht Daniel endlich, wie ich so lebe und arbeite. Das Schwierigste an Tanguieta ist für ihn mit der Hitze umzugehen, an die ich ja zum Glück schon ungefähr gewöhnt bin. Dennoch ist er froh am letzten Tag in einem ventilierten Hotel übernachten zu können.
Tanguieta ist am bekanntesten für den nahegelegenen Pendjari Nationalpark. Dort kann man Büffel, Affen, Antilopen, Nilpferde, Elefanten und Löwen beobachten. Außer Löwen und Elefanten bekommen wir bei unserem eintägigen Trip in den Park alles zu sehen. Als besonderes Highlight besuchen wir gegen Ende unserer Tour einen wunderschönen Wasserfall, wo wir uns abkühlen können.
Nach diesen zwei Wochen, die für mich wie im Flug vergangen sind, muss sich Daniel auch schon wieder verabschieden, um zurück nach Deutschland zu fliegen.
Wie ihr seht, gibt es in Benin sehr viel zu sehen und zu erleben, auch wenn es überhaupt kein touristisches Land ist. Aber gerade das macht einen großen Reiz aus, weil man so als Tourist vieles intensiver erleben kann.
Bis zum nächsten Mal!
Eure Sarah

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Sechzig

60 Jahre ist nur eine Zahl,
und aber macht sie uns Gedanken,
wird für manchen schier zur Qual,
dunkle Wolken sich um sie ranken.

Gut: Weisheit und Erfahrung wurd’ Dir beschert,
oft schmerzhaft erkauft in 60 Jahren,
denn Jugend und Schönheit, so begehrt,
kann man nicht so lang’ bewahren!

Wie lang es wohl noch dauern wird,
bis uns quält Krankheit und Verdruss?
Wer dies negiert, wohl ganz schwer irrt,
wie man mit 60 nun erkennen muss.

Und dann noch die Frage aller Fragen,
an die man immer öfter denken muss:
Es auszusprechen, darf man es wagen?
„Wann ist mit unsrem Leben Schluss?“

Die Hälfte des Lebens ist schon lange vorbei,
aufgefallen war es bislang nicht!
Jetzt sind wir gefangen in der Grübelei:
Wann sehen wir des Todes Angesicht?

Immer kann es geschehen, vielleicht schon morgen.
Und da sind neue Ängste, die noch weniger gefallen
Wenn nicht gleich der Tod, so dann die Sorgen,
ob und wann wird Siechtum uns befallen?

Freunde, die wir kennen aus vergangener Zeit
und die im gleichen Jahr wie wir geboren,
hat dieses Schicksal schon ereilt!
Wie lang’ bleiben wir da noch ungeschoren?

Wenn solche Fragen die Gedanken trüben,
sehr schnell die Einsicht kommen muss:
In Bescheidenheit und Demut musst Du Dich üben
und vertreiben Ängste und Verdruss.

Dankbar sei für 60 Jahre Leben!
Denn sei stets eingedenk:
Jeder Tag der Dir gegeben
war ein herrliches Geschenk,
das Du achten musst, bewahren,
denn selbstverständlich war es nicht!
Jede Minute Deiner 60 Jahre,
war von besonderem Gewicht!

Und jeder Tag, den Du künftig darfst erleben,
den halte fest mit ganzer Kraft!
Nach dieser Einsicht musst Du streben
und glauben dran mit Leidenschaft.
Was noch kommen wird, kannst Du nicht wissen.
Das ist in eines anderen Hand.
Damit wirst Du leben müssen,
doch empfinde es als Glücksumstand.

Denk’ stets dran, was jemand schrieb,
der vor dem Ende seines Lebens stand:
was für ihn die Essenz des Daseins blieb,
weshalb er trotz Schicksal Zuversicht empfand:

Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarte stets getrost, was kommen mag
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jeden neuen Tag!

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Winter in Benin: Der Tod gehört dazu.

Ein erneutes Hallo von mir aus Benin!

In meinem letzten Bericht war nicht mehr wirklich Platz, um alles, was im Januar und auch im Februar so passiert ist zu schildern. Deshalb hole ich das in dieser Mail nach.

Ein neuer „Look“

Bild 1Anfang Januar beschließe ich meinen Look etwas zu verändern. Hier machen eigentlich alle Frauen etwas besonders mit ihren Haaren. Deshalb möchte ich meine Haare nun auch einflechten lassen. Ich habe es mir definitiv spaßiger vorgestellt als es ist: Die ganze Prozedur dauert sechs Stunden und ist alles andere als angenehm, aber das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Ein paar Tage später steht unsere erste große

Beerdigung

Bild 2

Eine beerdigung in Benin. Trotz größter Hitze tragen alle Jacken.

vor der Tür. Das Wort „Beerdigung“ klingt in Deutschland immer so traurig, aber hier ist es, je nachdem wer gestorben ist, ein riesiges Fest. In unserem Fall ist ein angesehener fast 100jähriger Mann gestorben. Heißt also: es wird ein großes Fest vorbereitet. Die Feierlichkeiten fangen schon am Abend vor der eigentlichen Messe an. Hier nennt man das „la veiller“. Die Familie lädt zu sich nach Hause ein, es wird gesungen und gebetet. Pauline und ich sind das erste Mal aktiv mit dabei und singen im Chor. Später am Abend bekommen wir sogar einen Tanz mit traditionellen Instrumenten zu sehen.

Noch nie habe ich Menschen so tanzen sehen. Es sieht richtig ekstatisch aus – so als wären die Tänzer in Trance verfallen. Es gab immer einen, der vorgetanzt hat und dann sind andere dazugekommen, um mitzutanzen.

Im Übrigen ist es ganz lustig, dass auf dem Foto der Beerdigung Jacken tragen. Inzwischen ist es bei uns nämlich fast unerträglich heiß. Ich schlafe schon gar nicht mehr im Bett, sondern auf dem Boden direkt an der Tür, um wenigstens ein bisschen Luft abzubekommen. Unsere Nachbarn schlafen zur Zeit alle draußen, aber das traue ich mich bei den ganzen Insekten und Tieren nicht. Wir wurden schon eines morgens von einem Skorpion besucht – das hat mir gereicht.

Bild 4Bereits Ende Januar beginnt unser Zwischenseminar. Nach fünf Monaten ist fast Halbzeit für uns. Das Seminar ist in der Nähe von Natitingou bei einem tollen Wasserfall. Es ist interessant, die anderen Freiwilligen wiederzusehen und zu hören, was sie so alles erlebt haben. Die Erfahrungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Manche sind in den zwei größten Städten Benins und kriegen viel vom Beniner Stadtleben mit. Die Probleme im Süden Benins sind nicht die gleichen wie im Norden . Die Wasserprobleme sind nicht so gravierend wie bei uns und die Menschen im Durchschnitt wohlhabender. Allerdings sieht man in Cotonou viel mehr Slums als bei uns. Slums gibt es in dem Sinne in Tanguieta eigentlich nicht.

Einige Freiwillige arbeiten im Krankenhaus, andere wie wir in Schulen, andere in Kindergärten. Besonders sind mir zwei Mädels, die in einem Waisenhaus arbeiten, im Gedächtnis geblieben. Dadurch, dass sie im Waisenhaus arbeiten, sind sie quasi 7 Tage die Woche tag und nachts mit den Kindern beschäftigt. Ein freies Wochenende kennen sie nicht. Im Gegenteil. Am Wochenende arbeiten sie am meisten, weil die Kinder dann nicht in der Schule sind. Wir können uns da mit unseren Arbeitszeiten sehr glücklich schätzen.

Malaria

Der Februar beginnt für mich leider gar nicht gut, weil ich mit einer Malaria im Bett liege. Zunächst geht es mir gar nicht so schlecht, dann vertrage ich die Medikamente aber nicht und es geht mir viel schlechter. Am nächsten Tag beschließe ich dann, ins Krankenhaus zu gehen. Bild 3Das ist hier immer der erste Schritt, weil es so etwas wie Hausärzte gar nicht gibt. Obwohl unser Krankenhaus das Beste im ganzen Land ist, ist es nicht mit deutschen Maßstäben zu vergleichen. Würden die Menschen hier in ein deutsches Krankenhaus kommen, würden sie wahrscheinlich denken, sie wären in einem Hotel. Die Hygienestandards sind niedriger und vor allem ist das Krankenhaus total überlaufen. Selbst aus Ghana und Togo kommen die Menschen, um sich in unserem Krankenhaus behandeln zu lassen. Ich muss über sechs Stunden warten, bis ich endlich behandelt werde. Manche warten sogar noch viel länger und werden dann nach Hause geschickt, weil es die Ärzte an diesem Tag einfach nicht mehr schaffen. Viele Menschen kommen extra aus ihren Dörfern nach Tanguieta angereist, um sich hier behandeln zu lassen. Das führt dazu, dass ihre Angehörigen draußen vor dem Hospital schlafen müssen, weil es in den Unterkünften des Krankenhauses keinen Platz mehr gibt, oder weil sie kein Geld haben die Unterkunft zu bezahlen. Krankenpfleger gibt es in dem Sinne nicht. Für die Pflege des Kranken sind die Angehörigen zuständig.

Allerdings kommt für viele jegliche Hilfe zu spät. Oft geht man hier erst im letzten Moment ins Krankenhaus, weil kein Geld da ist, um die Behandlung zu bezahlen. Müssen sie dann noch vom Dorf extra nach Tanguieta fahren, ist es oft schon zu spät und die Ärzte können nichts mehr machen. Tod spielt hier eine ganz andere Rolle als in Deutschland. Das erlebe ich selbst schon recht bald.

Traurige Nachrichten

Ende Februar erreichen uns traurige Nachrichten. Der Cousin unseres Gastvaters, der lange bei unseren Gasteltern gewohnt hat, ist schließlich seiner Krankheit erlegen. Nur ein paar Tage später erzählt uns Ursula, dass ein junger 22jähriger Mann, den sie aufwachsen gesehen hat, bei einem Motorradunfall verunglückt ist. Er war gerade ein Jahr verheiratet und seine Frau hat erst vor ein paar Wochen ihren ersten Sohn zur Welt gebracht.

Nicht nur die Menschen sterben hier viel früher. Auch die Tiere haben eine viel kürzere Lebenserwartung. Die fünf Hundewelpen, die eine Zeit lang bei uns im Hof waren, sind schon nach ein paar Wochen alle gestorben, genau wie eine kleine Katze. Die meisten Tiere leben hier nur ein paar Jahre. Ein vierjähriger Hund gilt schon als alt.

Aber das sind nicht die einzigen Todesfälle mit denen wir bisher in Benin schon konfrontiert wurden. Im Oktober, kurz nach unserer Ankunft in Benin, ist ein Kind in unserem Hof gestorben. Wir denken, dass es wohl eine Behinderung hatte und deshalb nicht überlebt hat. Vor ein paar Wochen ist überraschend die Cousine von meiner Gastmutter gestorben, was wirklich ein großer Schock für alle war. Sie war gerade einmal 50 Jahre alt und ein großes Vorbild meiner Gastmutter und vieler anderer Frauen. In ihrer Kirchengemeinde hat sie vieles für die Frauen dort getan, war in vielen Projekten beteiligt und hat den Chor geleitet. Sie hat ihren Mann und einen 10jährigen Sohn hinterlassen. Die Beerdigung war dementsprechend sehr traurig. Direkt am nächsten Tag müssen meine Gasteltern auf die nächste Beerdigung. Ein Pastor ist mit 41 Jahren an Hepatitis gestorben.

.. und gute Nachrichten

Zum Glück gibt es im Februar nicht nur schlechte Nachrichten. Unser neuer Alphabetisierungskurs, den wir Anfang Februar gründen, läuft sehr gut. Anfangs ist es ein bisschen schwierig die Leute zu mobilisieren. Der Kurs wird zunächst falsch verstanden und als ein Kurs für Spanisch- und Deutschunterricht in der Kirche deklariert. Nach zwei Wochen hat sich allerdings herumgesprochen, dass wir einen kostenlosen Kurs zum Lesen- und Schreiben-Lernen anbieten und es wollen so viele Leute in unseren Kurs, dass wir schließlich keine mehr aufnehmen können. Für unseren neuen Kurs beschließen wir relativ strenge Regeln einzuführen, damit die Leute regelmäßig kommen und unseren Kurs ernst nehmen. Jeder, der dreimal unentschuldigt fehlt, muss den Kurs verlassen. Außerdem folgen Sanktionen bei Zuspätkommen und nicht gemachten Hausaufgaben. Anfangs fällt es uns gar nicht so leicht, die Regeln so streng durchzusetzen, weil die meisten in unserem Kurs älter sind als wir. Nach kurzer Zeit sehen wir aber schon, dass sich unsere Regeln rentieren. Jeder erscheint pünktlich zum Kurs, die Hausaufgaben werden fast immer gemacht und nur eine Person muss den Kurs verlassen, weil sie mehrfach unentschuldigt fehlt.

Inzwischen haben sich alle unsere Kurse so gut etabliert, dass wir fast eine kleine Schule aufgebaut haben. Wir haben insgesamt vier Kurse gegründet, in denen die Anfänger bis zu den Fortgeschrittenen, die schon einmal in der Schule waren, lesen lernen. Unsere Gastmutter hat einen fünften Kurs übernommen mit denjenigen, die schon lesen und schreiben können, aber viele Fehler machen und sich verbessern wollen. In einem Jahr können sie wahrscheinlich ihren Grundschulabschluss nachholen, was ihnen die Möglichkeit eröffnet aufs College zu gehen.

Insgesamt sind um die 30 Teilnehmer in unseren Kursen, bunt gemischt vom Alter als auch vom Geschlecht, obwohl schon der Großteil aus Frauen besteht. Viele aus unserem Chor sind und sogar zwei Nachbarinnen. Für Frauen ist es oftmals schwieriger lesen und schreiben zu lernen, weil sie sich schon recht früh um Kinder und Haushalt kümmern müssen. Selbst viele Frauen von Lehrern können hier nicht lesen und schreiben. Einige sind vielleicht kurz in die Schule gegangen, haben dort aber nicht viel gelernt, weil die Klassen total überfüllt waren. Auch bei unseren Teilnehmern gibt es einige, die schon einmal in der Schule waren, trotzdem aber nicht wirklich lesen können. Daher ist unser Kurs eine große Chance für viele, vor allem weil wir höchstens 10 Leute in einem Kurs haben und so viel besser auf die einzelnen Schwierigkeiten eingehen können.

Für alle sind die Kurse kostenlos. Das einzige, was sie kaufen müssen ist ein Heft, eine kleine Tafel, Kreide und zwei Stifte.

Der kleine Noe und ich wünschen euch noch eine gute Zeit!

Bild 5

 

 

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Wohnungen auf Mariahof werden saniert

IMG_8018Auf diese Nachricht haben etliche Mariahoferinnen und Mariahofer schon lange und sehnsüchtig gewartet: Endlich sollen die städtischen Wohngebäude Am Mariahof 51-55; 57-61; 63-67; 64/66; Greiffenklaustraße 2/4/6 und Lasinskystraße 2/4 umfassend saniert werden. In der Stadtratssitzung, am 15. März, soll eine entsprechende Vorlage verabschiedet werden. Zuvor, am Dienstag, 8. März, wird sie in öffentlicher Sitzung im Ortsbeirat Mariahof vorberaten. Über 7 Millionen Euro sollen für die Maßnahme bereit gestellt werden.
Folgendes ist im Einzelnen vorgesehen:

  • Erneuerung der Fensteranlagen mit Vorrichtung zur kontrollierten Be- und Entlüftung
  • Erneuerung der Hauseingangstüren mit Vordächern und Zuwegung
    umlaufender Spritzschutzsockel
  • Anstrich der Fassaden
  • partielle Dachsanierung
  • Erneuerung der Wohnungseingangstüren
  • Anstrich der Treppenhäuser

Später werden dann die Elektro- und Sanitärleitungen erneuert. In diesem Zuge sollen auch die Bäder und WC’s neu hergerichtet werden.

Die Vorlage im Wortlaut hier:

Vorlage Sanierung Wohnungen

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Wo Wasser eine Kostbarkeit ist

Bild 1

Das Weihnachtspaket von meinen Eltern ist angekommen!

Nach sehr langer Zeit melde ich mich einmal wieder, um euch von Benin zu berichten. In letzter Zeit war so viel los, dass ich tatsächlich selten einen klaren Kopf hatte, um in Ruhe meinen Bericht zu schreiben. Dezember ist unglaublich viel passiert, was natürlich hauptsächlich an den vielen Feiertagen lag.

Weihnachten in der Ferne

Bereits Anfang Dezember habe ich mir Gedanken gemacht, wie Weihnachten wohl in Benin aussehen könnte. Natürlich wird es ganz anders sein als in Deutschland, schon, da sich das Klima deutlich unterscheidet. Während es in Deutschland über Weihnachten 10 – 15 Grad waren, sind es in Benin das ganze Jahr über um die 30 Grad.

In Benin wird Weihnachten am 25. Dezember gefeiert, genau wie in Frankreich. Der 24. Dezember ist also für unsere kleine deutsche Feier reserviert. Ursula allein hat uns abends zum Essen bei sich eingeladen.

Unser erster Weihnachtstag beginnt bereits mit einer tollen Nachricht. Mein Paket aus Deutschland ist endlich angekommen, nachdem es wochenlang unterwegs war. Natürlich freue ich mich riesig. Sonst hätte ich gar nichts Weihnachtliches aus der Heimat gehabt.

Später am Abend feiern wir mit leckerem Essen, Geschenken und einem Bid 2weihnachtlichen Film bei Ursula. Pauline und ich beschließen schließlich in den katholischen Mitternachtsgottesdienst zu gehen. An Heiligabend ist uns auf jeden Fall nach einem Gottesdienst zumute. Ein Glück, dass wir uns dafür entschieden haben. Die Kirche ist total bunt geschmückt. Überall hängen bunte Girlanden und künstliche Blumengestecke.

Ein fröhlicher Gottesdienst

All das erinnert mich mehr an einen Geburtstag als an Weihnachten. Aber wenn man es genau sieht, ist es ja genau das: Der Geburtstag von Jesus Christus. Die Jugendgruppe der Kirche spielt uns ein tolles, furchtbar lustiges Krippenspiel vor. Selten habe ich in der Kirche so viel gelacht.

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Der Gottesdienstraum

Zwischen den Liedern gibt es immer wieder Leute, die aufstehen und tanzen, aber als im Spiel schließlich Jesus geboren wird, ist die ganze Kirche nicht mehr zu halten. Ein jeder steht auf, singt lautstark mit und tanzt. Selbst der Pastor macht mit und fordert sogar die Gemeinde auf noch lauter zu singen. Schließlich ist heute ein Tag zum Feiern. Der ganze Gottesdienst ist ein einziges ausgelassenes Fest. Ein Fest, um die Geburt von Jesus zu feiern. Während unsere Gottesdienste und besonders der Weihnachtsgottesdienst sehr besinnlich sind, lerne ich hier ein ganz neues Weihnachten kennen. Ich finde es toll. Schließlich ist die Geburt Jesus etwas, das man tatsächlich feiern sollte. Noch nie bin ich so fröhlich aus einem Gottesdienst gegangen.

Der Hauptanlass meines Berichtes ist allerdings euch von zwei Reisen zu berichten, die mich sehr beschäftigt haben. Wäre es noch Weihnachten, würde ich sie als besinnliche Geschichte zum Nachdenken verpacken, aber auch so regt sie bestimmt zum Nachdenken an.

Bagapodi

Kurz vor Weihnachten beschließen Pauline und ich, Charlotte – ein Mädchen aus unserem Alphabetisierungskurs – zu besuchen. Sie ist seit November bei ihrer Mutter im Dorf, um ihr zu helfen Vorräte für die Trockenzeit anzulegen.

Bild 4Schon die Hinfahrt ist für uns ein großes Abenteuer. Am Tag unserer Abfahrt kommen wir viel zu spät los, weshalb es an dem Tag keinen Autobus mehr gibt, der uns ins Dorf Bagapodi fahren kann. Auch rumfragen hilft nichts. Heute fährt nichts mehr. Fast hätten wir unsere Reisepläne an den Nagel gehängt, wäre uns nicht ein Motorrad-Taxi begegnet. Bagapodi ist eine Stunde von Tanguiéta entfernt. Weder Pauline noch ich springen bei der Vorstellung vor Freude in die Luft, eine Stunde zu dritt auf einem Motorrad ohne Helm auf holprigen Straßen zu fahren. Nur weil er uns tausendmal verspricht vorsichtig zu fahren, willigen wir schließlich ein und wagen die Fahrt ins Ungewisse. Die Fahrt ist dann auch nicht so schlimm wie gedacht, obwohl mir danach alles weh tut.

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Das Wasserloch

Als Charlotte uns sieht, freut sie sich riesig über die Überraschung. Das Haus ihrer Mutter besteht aus einem kleinen Vorhof, wo auch gekocht wird, und vier kleinen Räumen. Strom gibt es keinen. Charlottes Zimmer ist ein kleiner Raum, in dem eine Matte liegt. Sonst gibt es nichts in dem Zimmer. Ein seltsames Gefühl für mich. Selbst in unserer Wohnung in Tanguiéta stehen so viele Sachen, dass ich es nicht schaffen würde sie alle aufzuzählen. Ganz zu schweigen von meinem Zimmer in Deutschland. Für Charlotte wäre es dagegen sicherlich kein Problem innerhalb von 5 Minuten ihren kompletten Besitz aufzuzählen.

Nach unserer einstündigen Fahrt durch Hitze und Staub haben wir allerdings zunächst nur einen Wunsch: uns zu waschen. Das ist allerdings nicht so einfach, denn dafür muss erst Wasser geholt werden. Wir beschließen Charlotte zu begleiten. So laufen wir mit einer großen Schüssel ausgestattet los. Nach 15 Minuten sind wir schließlich am Ziel. Aber: Wo ist der Brunnen? Als wir etwas vorgehen, verstehen wir schließlich, wo die Leute ihr Wasser herbekommen. Sie schöpfen es aus einem kleinen Loch mitten in der Natur. Schon jetzt am Anfang der Trockenzeit gibt es so wenig Wasser im Dorf, dass die Menschen in der Natur Löcher graben müssen, um so an Wasser zu kommen. Der einzige Brunnen ist bereits jetzt fast erschöpft. Die Menschen hier müssen jeden Morgen um fünf oder sogar vier Uhr aufstehen, um das wenige Wasser, das sich dann im Brunnen angesammelt hat, zu schöpfen. Es gibt eine große Pumpe, die über das ganze Jahr Trinkwasser hat, allerdings ist es ein längerer Fußweg dorthin und für das Wasser muss bezahlt werden. Das Geld wird zwar gesammelt, um eventuelle Reparaturen an der Pumpe zu zahlen, dennoch sind selbst ein paar Cent viel Geld für die Menschen hier.

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Langer Marsch mit wertvollem Trinkwasser

Das ganze Wasser, welches Charlotte geschöpft hat, muss natürlich wieder zurück transportiert werden. Also nimmt sie den Wasserbehälter auf den Kopf und wir trotten hinter ihr her. Später versuche ich den Behälter nur ein Stück hochzuheben, aber selbst das gelingt mir nicht. Und mit solchen schweren Behältern gehen die Frauen tagtäglich Wasser holen und legen lange Fußmärsche zurück.

Nach unserer Dusche möchte Charlotte uns ihr Dorf zeigen und ihre Verwandten und Freunden vorstellen. Der Besuch dauerte viel länger und ist viel anstrengender als gedacht. Die einzelnen Häuser im Dorf sind sehr weit voneinander entfernt und man muss lange Fußmärsche zurücklegen. Obwohl hier alles sehr vertrocknet ist, finde ich die Natur sehr beeindruckend. Überall sieht man riesige Mais- und Baumwollfelder, vereinzelte grüne Sträucher, Bäume und kleine Felsen. Abends fallen wir nach dem langen Marsch todmüde auf unsere Matten.

Nach einer langen und sehr ungemütlichen 

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Ein Krankenzimmer

Nacht (an eine dünnen Matte auf hartem Untergrund muss man sich erst mal gewöhnen), machen wir uns erneut auf um das Dorf zu erkunden. Heute stehen das Krankenhaus und die Schule auf unserem Programm. Zur Schule laufen wir bestimmt eine halbe Stunde. Das ist in der Mittagshitze schon echt anstrengend. Das Krankenhaus ist sogar noch weiter entfernt. Eigentlich ist es mehr eine kleine Arztpraxis als ein Krankenhaus. Für das ganze Dorf stehen insgesamt zwei Betten zur Verfügung und es gibt eine einzige Krankenschwester, die sich um alle Patienten kümmern muss.

Nach den vielen kurzen, aber intensiven Eindrücken ist es für uns schon wieder ZeiBild 8t heimzukehren. Zum Abschied bekommen wir tatsächlich noch ein Geschenk von Charlottes Mutter: einen großen Hahn. Unglaublich, dass sie uns, nachdem wir zwei Tage lang beköstigt wurden, auch noch einen Hahn schenkt. Hier ist ein Hahn etwas sehr Wertvolles. Es gibt nicht jeden Tag Fleisch und wenn, dann nur zu Festtagen. Dementsprechend können wir uns sehr geehrt fühlen. Dennoch sind Pauline und ich aber erst einmal überfordert. Was macht man mit einem lebenden Hahn und vor allem- wie bringt man ihn zurück nach Tanguiéta? In unserem Fall müssen wir ihn irgendwie in einem kleinen vollgestopften Minibus unterbringen. Glücklicherweise stellt sich Pauline schnell als Hahnenflüsterin heraus und der Hahn schläft die ganze Autofahrt friedlich auf ihrem Schoß. Aber er kann sich glücklich schätzen, dass er bei uns ist und nicht bei den anderen 30 Hühnern, die draußen am Bus hängen.

Porto Novo/ Cotonou

Ein paar Tage später gibt es für uns das komplette Kontrastprogramm: Wir haben uns entschieden Neujahr und meinen Geburtstag in Porto Novo und dann in der Hauptstadt Cotonou zu verbringen. Seit unserer Ankunft in Benin sitzen wir das erste Mal wieder in einem Bus nach Cotonou. Tatsächlich fällt mir jetzt erst das  Nord-Süd Gefälle in Benin auf. Je weiter wir in den Süden fahren, desto besser werden die Häuser, desto besser werden die Straßen und vor allem desto grüner wird es. In den südlichen Städten gibt es nicht so schlimme Wasserprobleme wie im Norden, weil es hier zwei Regenzeiten gibt.

 Ich weiß noch, wie ich bei meiner Ankunft in Benin auf dem Dach unserer Unterkunft stand, mich umgeschaut habe und dachte: wie ärmlich die Häuser hier doch sind. Jetzt stehe ich auf genau demselben Dach, schaue mich um und denke mir: wie reich die Menschen hier doch sind. In Tanguiéta sieht man selten ein stabiles, gut zementiertes Haus. Hier sieht man solche Häuser überall.

In Tanguiéta gibt es nicht viele große Boutiquen und die Auswahl an verschiedenem Gemüse und Obst ist klein. Hier decken Pauline und ich uns erst einmal mit Unmengen von Ananas und Bananen ein. 

Die Tage darauf folgt zunächst viel Sightseeing in Porto Novo. Besonders beeindruckt hat mich „Songhai“ – eine Biofarm mit der Besonderheit, alles wiederzuverwerten. Bei der Besichtigung sehen wir Hühnerfarmen und Unmengen an Obstbäume, Gemüsefeldern, Maisfeldern, Fischbecken.

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Songhai“ eine Biofarm

Alles ist miteinander in einem großen Kreislauf verwoben.  Das Gemüse und das Obst wird nur mit Bioabfällen gedüngt. Auch die Tiere bekommen nur Biofutter. Selbst das verrottete Fleisch wird aufgehoben, um Würmer zu züchten, die dann an Fische verfüttert werden. Plastikmüll wird wieder eingeschmolzen, um daraus neue Plastikbehälter zu machen. Deutschland kann sich von einer so fortschrittlichen und durchdachten Farm definitiv eine Scheibe abschneiden. 

In Cotonou fällt es mir zunächst sehr schwer mich an die Lautstärke und den ganzen Trubel zu gewöhnen. Schließlich war ich noch vor ein paar Tagen auf einem Dorf ohne Strom und mit großen Wasserproblemen. Vor die größte erste Herausforderung stellt mich unsere Dusche im Hotel. Wie kann aus einem kleinen Duschkopf nur so viel Wasser kommen? Und wie viel Wasser dabei verloren geht. In Deutschland ist mir das nie aufgefallen. Ich traue mich fast gar nicht den Hahn richtig aufzudrehen, weil ich so ein schlechtes Gewissen habe so viel Wasser zu verschwenden.

Während dem Spaziergang durch die Straßen von Cotonou, fühle ich mich wie in eine andere Welt versetzt. Überall gibt es Hochhäuser und blinkende Läden. Die Straßen sind vollgestopft mit Menschen, Autos und Motorrädern. Tatsächlich erhaschen wir zweimal einen Blick auf einen Porsche. Es gibt thailändische, italienische, chinesische Restaurants, Cocktailbars …  Am Strand verteilt stehen riesige Villen. Fast habe ich das Gefühl einen zweiten Kulturschock zu erleiden. Hier gibt es so viel mehr als bei uns im Norden und die Menschen sind so viel reicher…

Die Tage in Cotonou klingen sehr schön aus mit einer kleinen Silvesterfeier bei Freunden. Dennoch bin ich froh einen Tag später wieder in Tanguiéta zu sein. Cotonou war furchtbar laut und chaotisch. Tanguiéta dagegen ist viel ruhiger und friedlicher. Wie immer werden wir herzlich von unserer Gastfamilie, den Nachbarn und den Kindern empfangen. Schön, dass sich Tanguiéta schon jetzt nach gerade einmal vier Monaten wie Heimat für uns anfühlt. 

Die Zeit in Bagapodi und Cotonou regt mich noch jetzt sehr zum Nachdenken an. Wie können im gleichen Land Menschen leben, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben und teils kilometerweit laufen müssen, um Wasser zu finden, und auf der anderen Seite gibt es 500km entfernt so viel Wasser, dass es achtlos weggeschüttet wird? Wie können sich Menschen auf der einen Seite nicht Mal ein Haus aus Zement leisten und in Cotonou stehen riesige Villen am Strand?  

Aber leider ist es überall auf der Welt so ungerecht und wenn man Deutschland mit Benin vergleicht, ist es sogar noch viel ungerechter. In Deutschland verbraucht jeder Mensch im Durchschnitt 121 Liter pro Tag und damit sind wir noch eins der sparsamsten Länder weltweit. Länder wie die USA oder

Japan verbrauchen täglich fast 280 Liter. Hier in Benin verbrauche ich ziemlich genau 12 Liter pro Tag. Bei uns hat jedes Haus ein Wasserhahn, aus dem so viel Wasser kommt, wie man möchte. Wir drehen einfach den Wasserhahn auf und müssen uns keine Gedanken  mehr machen. Wir stellen einfach die Mülltonne vor die Tür und müssen uns keine Gedanken mehr machen. Wir können einfach in den Supermarkt gehen und finden das ganze Jahr über die gleiche Auswahl. Niemals wird irgendetwas leer. Es gibt immer genug von allem. Wie oft waren wir in Tanguiéta auf dem Markt und es gab nirgendwo mehr Käse, Honig oder Obst. In einem Monat wird es fast gar nichts mehr an Obst und Gemüse geben, weil die Trockenzeit dann schon so lange anhält. So etwas kann in Deutschland nie passieren. 

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Ein Vermögen als Geschenk – einfach so!

Benin ist ein armes Land, eines der ärmsten der Welt. Etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung lebt in extremste Armut. Das bedeutet, die Menschen haben einmal gerade so viel zur Verfügung, dass sie mehr schlecht als recht überleben können. Doch auch in der Armut gibt es noch graduelle Unterschiede, obwohl man sich das gar nicht vorstellen kann.

Bild 7Sarah arbeitet in Tanguiéta! Viel von dem für uns selbstverständlichen täglichen Komfort gibt es dort nicht. Aber immerhin eine funktionierende Wasserversorgung und ein passables Krankenhaus.

Sie war eingeladen, ein Dorf (1000 Einwohner) etwa 1 Stunde Fahrt mit dem Motorrad entfernt zu besuchen.

Dort gibt es noch nicht einmal von dem genug, was für das Überleben des Menschen existenziell ist: Wasser.

Eine vernünftige Körperhygiene zu wahren oder Kleidung waschen ist dort unmöglich. Dazu ist das Wasser viel zu kostbar. Um ein wenig Trinkwasser zu holen, muss man Kilometer weit laufen und dann das Wasser in einem schweren Krug auf dem Kopf tragend wieder zurück transportieren.

Ich glaube, wenn man sie nicht selbst gesehen hat, kann man sich diese Zustände nicht vorstellen.

Sahara führte doch viele Gespräche dort und unterhielt sich mit den Einwohnerinnen und Einwohnern, die seltsamerweise überhaupt nicht über ihr Schicksal haderten.

Zum Abschied erhielt sie ein Geschenk, dass sie nicht zurückweisen konnte: Ein Stück Käse und einen Hahn. Wer nicht weiß, wie selten und teuer dort Käse ist, wie außerordentlich wertvoll ein Tier ist, kann nicht begreifen, was dieses Geschenk bedeutet: Man hat dem Gast aus Deutschland ein halbes Vermögen als Geschenk gegeben, etwa so, als wenn wir einem Besucher den Gegenwert von ein oder zwei Monatseinkommen mitgeben würden.

Gastfreundschaft ist dort ein hohes Gut. Da nimmt man späteren Hunger in Kauf, um sie angemessen zu pflegen.

Sarah hat uns diese Geschichte erzählt, als wir gestern beim Heilig-Abend-Essen miteinander über Skype gesprochen haben. Nein, sie wollte uns nicht den schönen Abend verderben, an dem wir das wie in jedem Jahr von meiner Mutter zubereitetes Ragout Fin genossen. Sie musste das Erlebnis aber einfach mal loswerden.

Ja, es ist wichtig, an solchen Tagen auch einmal über die eigene Art und Weise nachzudenken, wie wir so selbstverständlich in den Tag hineinleben.

Ich würde mich freuen, wenn solche Gedanken auch bei denen einmal aufkämen, die sich den letzten Tagen so fürchterlich aufgeregt haben, weil sie erfahren haben, dass ein paar Flüchtlinge in Ihrer Nähe wohnen sollten und sie den Wertverlust ihrer Grundstücke fürchteten.

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Laurin

PolizeiDieses elende warme, schier unerträgliche Wetter Ende Dezember machte ihn völlig fertig. Es verfinsterte seine ohne schlechte Laune noch mehr. „Das ist einfach Abartig! Nein, bedrohlich!“.

Fast kam ihm das Wetter vor wie der Vorbote einer bevorstehenden Apokalypse. Wollte das denn niemand wahrhaben? Der Klimawandel bedroht doch uns alle! Doch wer unternahm was dagegen? Niemand! Erst vor kurzen hatten die Mächtigen dieser Welt in Paris zusammengesetzt und darüber beraten. Sicher, man hatte eine Vereinbarung getroffen, den CO2 Ausstoß zu begrenzen. Aber er war sich fast sicher, dass sich tatsächlich nichts ändern würde, gar nichts. So, wie auch niemand etwas gegen die Flüchtlingskrise unternahm, die jetzt uns Deutsche bedrohte!

Wie jeden Werktag war er in sein Apartment gekommen, hatte den auf dem Boden liegenden Unrat etwas Seite geschoben und war in die Küche gegangen, wo er sich unter dem auf dem Boden liegenden Müll bis zum Kühlschrank durcharbeitete.

Er hatte erst einmal einen großen, beruhigenden Schluck aus der Wodkaflasche genommen, die dort schon den ganzen Tag auf ihn gewartet hatte. Dann war er zur Bushaltestelle gegangen. Er beabsichtigte, auf dem Trierer Weihnachtsmarkt seine Langweile zu vertreiben, sein Elend etwas vergessen zu wollen.

Schweigend saß er in der Line 3, einem Gelenkbus, der in Richtung Innenstadt fuhr. Neben ihm ein paar jüngere Leute, die eifrig auf der Tastatur ihres Smartphones herumtippten und ihre Umgebung nicht wahrnahmen, so als ob sie sich in einer anderen Welt befänden.

„Was ist das nur für eine Generation?“, fragte er sich verbittert „Ignorant, träge, perspektivlos!“, wollte sie doch gar nicht erkennen, was da an Bedrohungen auf sie zukam. Er selbst war seiner Meinung nach zu alt und krank, um etwas ändern zu können. Doch die Jüngeren könnten vielleicht noch etwas bewirken, wenn sie es denn nur wollten.

Aber wen wundert es, dachte Georg resignierend, wuchs die junge Generation doch unter Führung einer unfähiger Politiker-Clique auf: Anstatt zu versuchen, das Leben in Deutschland zu verbessern, dass für viele so elend war wie sein eigenes, machten sie das Gegenteil und verschlimmerten noch die Situation.

Unendlich viele, fremde, Menschen, von denen nicht nur er sich bedrängt und bedroht fühlte, überschwemmten Deutschland. Und was hatte die Bundeskanzlerin gesagt: „Flüchtlinge seien willkommen!“ und „Wir schaffen das!?“ Zu Recht sehen das viele ganz anders! Er auch! Er hatte Angst vor dieser Masse von unbekannten, Menschen aus fremden Kulturen, die er nicht kannte und mit denen ihn nichts, aber auch gar nichts,  verband. 

So konnte es doch nicht weitergehen!….

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Georgs Leben war düster, dunkel und dumpf.

Wenn man das überhaupt Leben nennen konnte.
„Existieren“, wäre vielleicht das treffendere Wort gewesen: Denn einen Sinn sah Georg in seinem Dasein ohnehin schon lange nicht mehr. Vor allem, nachdem ihn Julia, mit der er 10 Jahre verheiratet war, mit seinen beiden Kindern verlassen hatte. Angeblich, weil er „unerträglich“ geworden sei, wahrscheinlich, weil sie jemand anderes kennen gelernt hatte, „diese Schlampe!“

In Trier leben? Auch das war wohl der falsche Ausdruck, er „fristete hier sein Dasein“.

Denn von der Stadt selbst bekam er so gut wie nichts mit. Freunde oder Bekannte hatte er hier nicht. Er schlief und versorgte sich hier mit dem Allernotwendigsten. In einer kleinen Zweizimmerwohnung in einem düsteren grauen Wohnkomplex am Weidengraben in Trier.

Jeden Morgen fuhr er mit dem Auto zum Park & Ride Platz im Messepark. Dann stieg er in den Bus und fuhr nach Luxemburg, um dort zu arbeiten, sein Geld zu verdienen. Seine Arbeit dort war seiner Empfindung nach ebenso sinn- wie trostlos. Wie viele, die Trier aus Kostengründen als Schlafstätte ausgewählt hatten, weil die Mieten hier viel billiger waren, arbeitete auch er in einer großen luxemburgischen Bank.

Irgendwelche intensiveren Kontakte zu seinen Kolleginnen und Kollegen, die über das tägliche Grüßen hinausgingen, pflegte er nicht. Warum auch, das waren doch alles nur Egoisten, denen sein Schicksal völlig gleichgültig war.

Georg hatte mittlerweile den Weihnachtsmarkt erreicht und sah sich ein wenig das bunte Treiben an. Niemand achtete auf ihn. Voller Abscheu beobachtete er einen Bettler, der am Straßenrand saß und mit flehenden Blick – meistens vergebens – versuchte, die Aufmerksamkeit der vorbeieilenden Passanten zu erwecken. „Der sollte besser arbeiten, anstatt hier herumzulungern!“, waren Georgs Gedanken.

HauptmarktDeutlich spürte er jetzt, dass die beruhigende Wirkung des Wodkas nachzulassen begann. „Es wird Zeit, etwas zu sich zu nehmen, um die Laune aufzubessern“, dachte Georg und begab sich in Richtung Hauptmarkt zu einem Glühwein-Stand.

Und plötzlich, gerade als er einen Glühwein, genauer gesagt ein „Glühkirsch-Getränk“, zu sich genommen hatte passierte es. Da seine Sinne durch den genossenen Alkohol vernebelt waren, hatte er die herannahende Gefahr nicht bemerkt. So kam das folgende Geschehen für ihn völlig unerwartet:

Von hinten hatte sich schnellen Schrittes ein Mann genähert, der ihn kräftig anrempelte und eiligst in Richtung Domfreihof verschwand. Die Hälfte des Getränks, das er gerade erworben hatte, schwappte auf den Boden. „Ungehobelter Kerl,“ dachte Georg wütend, “konnte der nicht aufpassen! Er hätte sich ja wenigstens einmal entschuldigen können!“

Verwundert nahm er dann wahr, wie dieser Kerl nur wenige Meter später von einer jungen, sehr jungen, etwa 20 Jahre alten Frau, angehalten wurde, die an seinem Mantel zerrte und in die Manteltasche griff. Es fiel etwas heraus.

„Oh, da beobachte ich eine Taschendiebin auf frischer Tat!“, dachte er aufgeregt, „Sicherlich eine von den vielen Ausländerinnen, die wir jetzt hier in Trier haben. Klauen doch alle wie die Raben! Dieses elende Pack! Diese Dreistigkeit ist wirklich ungeheuerlich, bestiehlt die den Mann doch am helllichten Tag!“, dachte er voller Abscheu.

Die junge Frau, mit langen braunen Haaren, die aus einem Kopftuch herausfielen, bückte sich jetzt und hob etwas von der Straße auf. Seltsamerweise kümmerte sich der Mann, der der jungen Frau sicherlich körperlich weit überlegen war, überhaupt nicht um das Geschehene, entriss ihr nicht den gestohlenen Gegenstand, sondern lief eilenden Schrittes weiter in Richtung Dom weg.

„Warum lässt er sich so einfach bestehlen?“, überlegte Georg und fasste sich im selben Moment – sozusagen instinktiv – an die Hosentasche und …  wurde bleich im Gesicht.

Sein Portmonee war weg! Trotz aller Warnungen, die von der Polizei wiedergegeben wurden, hatte er aus Bequemlichkeit sämtliche Ausweispapiere, Kreditkarten und 500 Euro Bargeld darin aufbewahrt. Alles weg, sein ganzes Hab und Gut! Der Schreck fuhr Georg in die Magengrube und ihm wurde fürchterlich schlecht.

„Das muss diese Frau gewesen sein!“, mutmaßte er und kramte nervös in seinen Taschen, so, als ob es doch etwas Hoffnung gebe, dass seine Habseligkeiten noch vorhanden sein könnten und er sich in seinem in benebelten Zustand nur getäuscht hätte. Doch alles war leer. Nichts zu finden. „Hat die also auch mich beklaut, dieses Drecksweib!“, schimpfte er still vor sich hin.

Unbändige Wut stieg in ihm auf. Seine Existenz war ohnehin schlimm genug und jetzt musste ihm diese elende, ausländische Diebin auch noch das Wenige wegnehmen, was ihm noch geblieben war: Das Geld, mit dem er sich etwas kaufen konnte, um seine unzähligen Probleme in Vergessenheit geraten zu lassen.

„Das kann man nicht zu einfach hinnehmen“, dachte Georg, „da muss man etwas tun“. Er schwelgte in Fantasien, wie er diese dreiste Verbrecherin ergriff, ihr ein paar Ohrfeigen versetzte, die sie nie vergessen würde, und dann zur Polizei zerrte, wohlwissend, dass er hierzu tatsächlich gar nicht fähig war, als seine bitteren Gedanken unerwartet beendet wurden:

Jemand stand ganz plötzlich, ganz nahe neben ihm:

Verblüfft sah Georg in braune Augen, genau in das von einem Kopftuch umhüllte Gesicht des Mädchens, dass er eben beobachtet hatte, die ihn intensiv anblickten. Sie streckte beide Hände zu ihm hin, in denen sich etwas Dunkles befand. Und als er genau hinsah, bemerkte er, dass es eine Geldbörse war.

Er nahm sie dem Mädchen aus der Hand und öffnete sie: Es war die seinige. Der gesamte Inhalt war noch vorhanden.

Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, was sich tatsächlich ereignet hatte: Der Mann, der ihn angerempelt hatte, war der Dieb! Das Mädchen hatte das Geschehen beobachtet und dem Mann dann die Geldbörse wieder aus der Tasche gezogen. Deswegen hat sich dieser nicht gewehrt! Er hatte das Mädchen zu Unrecht verdächtigt. Georg schämte sich zutiefst.

„Entschuldigung, Sorry!“, sagte er zu ihr gewandt, um sein schlechtes Gewissen zu erleichtern, aber er spürte, dass sie ihn nicht verstand.

„Wo kommst Du her? Wie heißt Du?“: Keine Reaktion! Sie sah ihn einfach an, aber wie sie ihn ansah! Als würde ihr tiefer Blick, der ihn mit einer unerklärlichen Wärme traf, durchdringen wollen.

Er versucht es noch einmal auf Englisch und unterstützte seine Fragen mit Gesten.

Er deute auf die junge Frau mit seinem Finger: „What’s your Name?“

Sie öffnete die Lippen und sagte so etwas wie „Laurin“ oder so ähnlich, genau verstand er es nicht.

Er gestikulierte weiter und deutete in die Ferne: „Where are you come from?“ und erhielt „Syria“ als Antwort.

Georg öffnete die Geldbörse und kramte einen 20 Euro Schein heraus, den er dem Mädchen entgegenhielt. „Finderlohn“. Doch dieses schüttelte nur abwehrend mit dem Kopf.

„Noch nicht einmal eine Belohnung will sie haben?“, dachte Georg ungläubig. „Sie wird doch ein Flüchtling sein und hat bestimmt nicht zu beißen!“


DomDa kam ihm eine Idee. Er deute ihr mit der Hand an, mit ihm zu kommen, und ging, vorbei an Christis Café, vor dem eine lange Menschenschlange stand, um Glühwein zu kaufen, zum Domfreihof

Dort gab es die verschiedensten Essensstände. Und tatsächlich gelang es ihm nach und nach zu erforschen, was die junge Frau essen wollte. Er kaufte es ihn und überreichte es der Syrerin. Dankbar verzehrte sie die verschiedensten Köstlichkeiten, die an den einzelnen Ständen dargeboten wurden. Es freute ihn, dass er jemand anderen eine Freude machen konnte, ein Gefühl, das er lange nicht mehr verspürt hatte.

Nach einer Weile dachte Georg, dass er nun genug Dankbarkeit gezeigt hätte. Außerdem spülte er wieder diese innere Unruhe, die signalisierte, dass sein Körper wieder etwas Alkohol bedurfte.

Es war zwar nicht zu erklären, aber es war ihm peinlich, in Gegenwart des Mädchens Glühwein oder Ähnliches zu kaufen. Außerdem, dachte Georg, sei jetzt Zeit, wieder zu seiner Wohnung zu fahren, um den erlittenen Schreck dort einigermaßen verarbeiten zu können. Also beschloss er „nach Hause“ zu fahren und sagte zu dem syrischen Mädchen „Good Bye. Er winkte ihr zu und ging in Richtung Hauptbahnhof fort, wo er den Sternbus zum „Weidengraben“ nehmen wollte.

Doch, oh Schreck, er bemerkte, wie das syrische Mädchen ihm folgte, als er den Domfreihof verlassen wollte.

Er versuchte, ihr mit Gesten zu verdeutlichen, dass sie nun gehen sollte. Doch sie reagierte überhaupt nicht. Sie folgt ihm einfach durch die Windstraße, am Max-Planck-Gymnasium vorbei bis zum Hauptbahnhof, immer in einem Abstand von ein paar Metern.

„Was soll das bedeuten?“, fragte sich Georg, „was will die nur von mir?“.

Am Hauptbahnhof wartete ein ganzer Pulk von Sternbussen, die sich bald in die verschiedensten Richtungen in Trier bewegen sollten. Er stieg in den Bus der Linie 83 … und das Mädchen wich nicht von seiner Seite.

Georg wollte es nicht, doch irgendwas veranlasste ihn, auch für sie eine Fahrkarte zu erwerben.

Schweigend fuhren sie dann, nebeneinandersitzend, zum Weidengraben. Georg war mehr als ratlos über die neue Situation, in die er jetzt geraten war. Er hatte keine Ahnung, wie er darauf reagieren sollte. Was wollte dieses fremde Mädchen von ihm nur? Warum geht Sie mit? Ab und zu sah er sie etwas verstohlen an und spürte nur, wie ihr trauriger Blick ihn im tiefsten Inneren traf, als würde die fremde, junge Frau seinen völlig zerrissenen, verletzten, zerwühlten Gemütszustand erkennen.

„Sie will doch nicht etwa in meine Wohnung mitkommen?“ Panik stieg ihn ihm auf, pure Panik, als er sich vorstellte, dass das Mädchen seine völlig vermüllte Wohnung sehen konnte, die gleichsam der Spiegel seiner geschundenen Seele war.

Georg hatte überhaupt keinen Plan, wie er mit der Situation umgehen könnte. Wenigsten eine Erklärung für ihr Verhalten fiel ihm jetzt ein:

„Wahrscheinlich“, so mutmaßte er, „will sie die Situation ausnutzen und sich bei mir einnisten. Natürlich, das ist es: Sie sucht als Flüchtling eine Wohnung und will bei mir einziehen. Da kommt ihr ja mein Missgeschick gerade recht, sie denkt, ich schmeiße sie aus schlechtem Gewissen jetzt nicht aus. Typisch! Aber, dass sie sich das traut, mit einem wildfremden Mann einfach mitzugehen?“

Georg, wusste nicht warum, aber er wagte es im Moment auch nicht, etwas gegen die drohende, für ihn äußerst unangenehme Situation zu unternehmen, etwa die Polizei zu informieren. Er war wie gelähmt.

Das Mädchen, das sich „Laurin“ genannt hatte, folgte ihm, nachdem sie aus dem Bus ausgestiegen waren. Sie ging nicht neben, sondern so etwa einen Meter hinter ihm. Sie sprach kein Wort, auch Georg versuchte keine Konversation zu beginnen. Wie auch, hat er doch schnell gemerkt, dass sie kaum Englisch sprach und es so keine gemeinsame Kommunikationsbasis gab. Was auch, denn wie sollte er erklären, was eine junge Frau aus fernen Ländern gleich in einer deutschen Wohnung vorfinden würde.

Er spürte nur, wie die Panik weiter in ihm aufstieg, je mehr sie sich seiner Wohnung, genauer gesagt seiner Behausung, die schon lange, lange Zeit kein Besuch mehr erlebt hatte, näherten.

Jetzt stand er vor der Haustüre und wagte es nicht, sie aufschließen. Doch was sollte er anderes tun?

Er öffnete beschämt die Tür, das Mädchen folgte ihm und erblickte sofort das ganze Unheil: Zwei Zimmer, eine Küche und ein Bad, von oben bis unten mit Unrat gefühlt, überall lag schmutzige Wäsche umher, gelehrte Flaschen verschiedenster Alkoholika bedeckten den Boden. Niemand anderes als Georg hatte diesen traurigen Zustand bisher wahrnehmen müssen. Warum auch, er bezahlte pünktlich seine Miete und niemand sonst hatte Zutritt zum Apartment. Und Georg selbst war es gleichgültig, völlig gleichgültig, wie es aussah.

Er beschloss für sich, dass er in diesem Moment mit der Situation einfach überfordert war und keinen Plan fassen wollte, was er mit diesem Mädchen, das sich jetzt offenbar bei ihm einnisten wollte, anfangen sollte.

„Hatte die denn gar keine Angst, als junge Frau zu einem wildfremden Mann mitzukommen? Da konnte doch alles Mögliche passieren“ Er verstand das alles nicht. Sah er doch vom Äußeren her mit seinem vom Alkohol gezeichneten, eingefallenen Gesicht nicht gerade vertrauenerweckend aus. Niemand konnte erkennen, dass Georg tatsächlich noch nicht einmal einer Fliege etwas antun könnte.

Laurin war ihm in das Innere der Wohnung gefolgt und sah sich den traurigen Zustand der Unterkunft aufmerksam, aber ohne Abscheu an, um ihn dann noch eindringlicher und noch trauriger anzusehen als zuvor. Georg spürte zum ersten Mal seit langem wieder, dass von diesem Blick so etwas wie Mitgefühl ausging, Interesse an seiner Situation, die er schon lange als völlig aussichtslos eingeschätzt hatte.

Sie zog ihren Mantel aus und setzte sich wortlos auf einen Sessel, den sie zuvor von den darauf unsortiert liegenden Kleidern befreit hatte.

„In was für eine beschissene Situation bin ich da jetzt nur geraten!“ dachte Georg verzweifelt, “Wie soll ich da nur wieder rauskommen?“

Und er wählte eine Lösung, die er bisher immer in seinem Leben als Lösung seiner Probleme gewählt hatte: Er ging zum Kühlschrank und leerte die Wodka-Flasche mit einem Zuge. Und je mehr von der beruhigenden Wirkung Alkohol spürte, umso mehr war es ihm auch völlig gleichgültig, ob nun ein Flüchtlingsmädchen beim ihm war oder nicht, wer überhaupt in seiner Wohnung war.

Also trank er diesmal noch viel mehr wie üblich. Die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten: Bald sank er in seinen Straßenkleidern auf sein Bett in einen tiefen Schlaf, der eher einer tiefen Bewusstlosigkeit ähnelte.

Am nächsten Morgen drohte Georgs Schädel zu zerspringen, so sehr quälten ihn die Kopfschmerzen. Zunächst dachte er ja, es sei ein Morgen wie jeder, nur, dass er heute nicht zur Arbeit gehen musste. Doch dann fiel ihm schlagartig das gestern Geschehene ein: Das Mädchen, Laurin! „Wo war das Flüchtlingsmädchen jetzt nur? Was hat sie in der Nacht gemacht?“, fragte er sich panisch.

Er stand auf, ging in das Bad und ihm blieb im wahrsten Sinne des Wortes der Mund vor lauter Erstaunen offen stehen, was er jetzt mit seinem immer noch vernebelten Blick wahrnahm. Er traute seinen Augen nicht!

Das Bad, das am gestrigen Abend wie eine Müllhalde ausgesehen hatte, war geputzt und alle Utensilien einsortiert.

Aufgeräumt und blitzblank präsentierte sich seine Wohnung in einem Zustand, den er so lange nicht mehr wahrgenommen hatte, die ganze Wäsche befand sich zum Teil gefaltet auf der Waschmaschine, zum anderen Teil noch in der Waschmaschine, frisch gewaschen.

Und das Mädchen, das die ganze Nacht hindurch gerackert haben muss? Laurin, wo steckte sie? Keine Spur! Sie war verschwunden, einfach weg!

Georg begriff jetzt gar nichts mehr. Und im Gegensatz zu den vielen, vielen Morgen zuvor verspürte er diesmal überhaupt nicht das Bedürfnis, den Tag mit einem Frühschoppen zu beginnen, um sich erst einmal zu beruhigen.

Stattdessen verspürte nur einen Wunsch, nämlich möglichst schnell die junge Laurin zu finden, um sich bei ihr bedanken.

Eigentlich konnte sie sich nur in der Dasbachstraße oder Eurener Straße aufhalten, dachte er. Dort waren doch die Flüchtlinge untergebracht.

Also begab er sich schnell zum nächsten Bäcker, um ein Frühstücksbrötchen und einen Kaffee zu sich zu nehmen, und fuhr dann zu den Aufnahmeeinrichtungen der Stadt. Denn dort vermutete er sie.

Dort ging er mehr oder weniger ziel- und planlos umher und suchte und suchte, war erstaunt darüber, wie viele Menschen aus wie vielen Ländern hier in dem beschaulichen Trier, versammelt waren. So hatte er die Situation, die bisher für ihn bedrohlich war, noch nie wahrgenommen. Zum ersten Mal begriff er, dass sich hier Menschen eingefunden hatten, die aus für sie bedrohlichen Situationen Zuflucht finden wollten. Hatte er sich bisher allein auf die Ausweglosigkeit seines eigenen Lebens konzentriert, erkannte er plötzlich, dass es viele, viele Menschen auf dieser Welt gab, die gleicher, nein schlimmerer Lage waren.

Er suchte und suchte, fragte mal hier mal dort, soweit er sich eben verständlich machen konnte, nach Laurin. Doch überall nur Kopfschütteln. Er sah sie nirgendwo, niemand konnte ihm einen Tipp geben, wo sie finden konnte. Wie auch bei diesen vielen Leuten.

Georg sollte Laurin niemals wiedersehen.

Aber Georgs Leben sollte sich von diesem Tag an schlagartig ändern.

Nie wieder würde er einen Tropfen Alkohol anrühren.

Seine Wohnung würde künftig stets penibel aufgeräumt sein. Zum ersten Mal seit Jahren sollte er wieder einen Heiligabend-Gottesdienst in der Konstantin-Basilika besuchen. Er würde sich später einer Gruppe anschließen, die sich zum Ziel gesetzt hatte, Flüchtlingen zu helfen. Neue Freunde sollte er dort finden. Dort sollte er auch wieder einen Sinn für sein Leben und eine Perspektive für die Zukunft finden.

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In Memoriam Bernd Gritzmacher

„Mein ganzes Leben war bisher eine Party“
(Bernd Gritzmacher, 6.1.2011, 65. Geburtstag)

Gritzmacher

Ich bin unendlich traurig:
Unser Freund Bernd Gritzmacher ist tot

Gestern noch hat er auf seiner facebook-Seite etwas gepostet, das so bezeichnend für diesen grundehrlichen, offenen, sympathischen, schelmischen, großzügigen Menschen ist:
Es ist eine an die Toleranz der Menschen appellierende kleine Erzählung, die erst dann, wenn man weiß, dass Bernd Gritzmacher zum Thema Religion und Glaube eine sehr dezidierte Einstellung hatte, ihren ganz tiefen Sinn erhält: „Ein Moslem, ein Jude und ein Christ gehen in ein Café, und sie reden, lachen, trinken und werden gute Freunde. Das ist kein Witz. Das passiert, wenn Du kein Arschloch bist!“
Bernd Gritzmacher war immer ein Freund der offenen und klaren Worte.
Er, der uns Trierern neben seinen Verdiensten als Eintracht-Präsident auch viele Jahre mit seiner Großraumdiskothek „Riverside“, mit „Pop meets classic“ viel Freude bereitet hat , wurde uns zum Freund im …….Karneval.

„Jutta I. vom Riverside“ hieß ich damals, 1995,als Karnevalsprinzessin. Es war das erste Jahr von Bernd Gritzmacher in Trier. Er erwies sich als äußerst ideenreicher, gewiefter, stets gut gelaunter, jovialer und äußerst großzügiger Sponsor: Das Feuerwerk, das er am Rosenmontagabend vom Riverside abfeuerte, wird allen, die dabei gewesen sind, in Erinnerung geblieben sein.
Auch nach unserer Prinzenzeit besuchten wir ihn regelmäßig im „Riverside“, man war sich gegenseitig sympathisch : „Kommen Sie doch einfach direkt zu mir ins Büro, ich gebe Ihnen eine Karte, Sie brauchen doch nicht zu bezahlen, sie sind doch mein Prinzenpaar!“
Seine Großzügigkeit kannte keine Grenzen – das wussten allerdings auch jene Zeitgenossen, die sich schon immer gerne „für lau“ durch das Leben schlugen. Aber Gritzmacher, den Menschenfreund, tangierte das nicht.
Wieviel er für unsere Stadt als Sponsor geleistet hat, wird wohl auch posthum nicht genügend gewürdigt werden können. Er wollte nie im Mittelpunkt stehen, war ein sehr bescheidener Mann.

Und dann war da noch eins, über das er nicht viel sprach, das aber zwischen uns ab dem Moment, in dem ich mich wissenschaftlich mit der Thematik befasst habe, ein Thema war: Das Judentum. Seine Eltern waren Juden, hatten in Trier ein Gemüsegeschäft, so entstand wohl seine Leidenschaft und sein ausgesprochenes Talent, kaufmännisch tätig zu sein. Jude ist man, wenn man von einer Jüdin geboren wird, man bleibt es auch, wenn man, wie Bernd Gritzmacher, aus der jüdischen Kultusgemeinde austritt. Alles Dogmatische war ihm zuwider. Aber er hat im christlichen Sinne mehr Werke der Nächstenliebe vollbracht als manche großen kirchlichen Würdenträger.

Lieber Bernd Gritzmacher, es ist ganz eigenartig: So lange haben wir uns gekannt, so viel haben wir miteinander gelacht, aber auch ernste Gespräche mit Tiefgang geführt, aber es ist nie dazu gekommen, dass wir „per Du“ geworden wären.
Wenn wir Ihnen am 9. Januar 2016 – an Ihrem 70. Geburtstag – vielleicht bei der ATK-Gala, begegnet wären, hätten wir das geändert. Dazu ist es jetzt leider nicht mehr gekommen.

Ich trauere um einen sehr guten Freund, um einen, der mir wie Jürgen Klein (unsern Fahrer zur Prinzenzeit, der auch viel zu früh am 4.1.2014 plötzlich verstorben ist), sehr ans Herz gewachsen ist. Ich bin in Gedanken ganz nahe bei Alice, seiner Ehefrau und ihren beiden gemeinsamen Kindern.

Alle drei Religionen, die in der obigen Anekdote erwähnt sind – Christentum, Judentum, Islam – haben eins gemeinsam: Sie alle besitzen den Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod. Egal, ob Bernd Gritzmacher daran geglaubt hat, oder nicht, ich wünsche ihm dort, wo er jetzt ist, soviele Freuden, wie er sie uns immer selbstlos bereitet hat.

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