Große Betroffenheit
Wie so viele Menschen hat auch mich der Tod des Zugbegleiters Serkan Çalar sehr berührt. Da ich öfter in diesem Regionalexpress unterwegs und überzeugt bin, dass das spätere Opfer auch mich schon kontrolliert hat, schafft das eine besondere emotionale Nähe, die zusätzliche Fassungslosigkeit erzeugt.
Ich bin traurig und wütend zugleich. Betrübt über das Sterben des jungen Familienvaters, der sein ganzes Leben noch vor sich hatte, zornig, weil ich der festen Überzeugung bin, dass dieser sinnlose Tod bei besserer Organisation der Dienste vermeidbar gewesen wäre.
Dieser Auffassung bin ich nicht aus Besserwisserei, sondern weil ich an ein Ereignis vor gar nicht langer Zeit denken muss:
Ich erinnere mich, dass ich in den Abendstunden im Regionalexpress von Mannheim nach Trier saß.
Für mich ist die abendliche Leere immer etwas unheimlich. Es sind nur wenige Leute im Zug. Mir schräg gegenüber sitzt ein Mann, der etwas heruntergekommen aussieht.
Die Zugbegleiterin kommt. Ich zeige ihr mein Deutschland-Ticket auf dem Smartphone vor. Der eben beschriebene Mann zuckt bei der Frage nach dem Fahrschein nur mit den Achseln. Er hat keinen. »Dann steigen Sie bitte beim nächsten Halt aus«, meint die Zugbegleiterin zu ihm. Dieser – nein, er ist nicht aggressiv – reagiert überhaupt nicht, bleibt einfach sitzen.
Bei mir meldet sich im Inneren der Ex-Staatsanwalt. »Warum stellt sie nicht seine Personalien fest?«, frage ich mich. »Der hat doch eine Straftat [§ 265a StGB] begangen! Zumindest wäre doch ein erhöhtes Beförderungsgeld [60 EUR] fällig!«, denke ich. Der Zug hält an. Der Mann denkt überhaupt nicht daran, der Aufforderung der Zugbegleiterin zu folgen und bleibt sitzen.
Mich regt das auf, ich habe aber gleichzeitig Verständnis für die Schaffnerin. Was soll sie alleine in dem menschenleeren Zug denn machen, wenn sich jemand renitent zeigt? Nein, dass ein Mord geschehen könnte, daran hätte ich zum damaligen Zeitpunkt wirklich nicht gedacht. Aber es wäre ja alles mögliche andere denkbar gewesen, was ein störrischer Fahrgast so anstellen könnte, beispielsweise wären verbale Attacken unangenehm genug. An der nächsten Station steigt der Mann mit genervtem Gesicht dann tatsächlich aus. Seinen Gesichtszügen entnehme ich, dass er überhaupt kein Unrechtsbewusstsein hat. Er, für den eine Fahrt ohne Fahrschein augenscheinlich völlig normal ist, fühlt sich einfach auf seiner Fahrt gestört. Ich bin sicher, dass er in den nächsten Zug in der Hoffnung, diesmal nicht belästigt zu werden, einfach wieder einsteigt.
Mit fällt die Idee eines Ex-Bundesministers der Justiz ein, der das »Schwarzfahren« straflos machen wollte, was (zum Glück) nach dem Bruch der sogenannten »Jamaika-Koalition« gescheitert ist. Solche Gedanken fördern doch die Vorstellung, das so genannte Schwarz-Fahren sei doch ganz normal.
Nur eine Theorie, die ich nicht beweisen kann: Wäre es denkbar, dass derjenige, der in so brutaler Weise auf Serkan Çalar eingeprügelt hat, sich auch »gestört« fühlte und aus diesem Grunde so aggressiv wurde?
Wie gesagt, ich weiß es nicht. Aber die Zugbegleiterin wusste wohl instinktiv, dass sie besser vorsichtig ist und nichts unternimmt.
Es darf nur noch Doppel-Besetzung geben!
Das führt mich zu folgender Überlegung: Es ist doch vom Zweckverband Schienenpersonalverkehr völlig unverantwortlich, Zugbegleiter alleine durch die Züge zu schicken. Polizeistreifen gehen aus gutem Grund immer zu Zweit durch eine Stadt. Klar, es fehlt das Personal. Aber man sollte doch lieber einen Zug einmal ohne Kontrollen auf den Weg schicken, als auf die doppelte Besetzung zu verzichten. Denn dann könnte man auch eine Beförderungserschleichung sanktionieren, Personalien feststellen und ein Betretungsverbot aussprechen. Und es sind ja auch noch andere Unannehmlichkeiten denkbar, die Fahrgäste in einem Zug verursachen können (Lärm, Randalieren, Verunreinigungen usw.) Offenbar sind in Regionalzügen nicht immer Zugbegleiter eingesetzt (man wird es nicht offen kommunizieren): Mit ist jedenfalls aufgefallen, dass ich schon sehr oft im Regionalexpress von Koblenz nach Köln unterwegs war und dort noch NIE kontrolliert worden bin. Gleiches gilt für die Strecke von Erfurt nach Jena.
Besonders effektiv, wenn auch in Anbetracht der derzeitigen Personalsituation recht unrealistisch, wäre es, wenn (bewaffnete) Streifen der Bundespolizei regelmäßig die Züge kontrollieren würden. Das würde potenzielle Straftäter abschrecken!
Sinnloser Tod darf nicht folgenlos bleiben!
Der Tod von Serkan Çalar war sinnlos, er sollte nicht folgenlos bleiben. Sein grausames Schicksal sollte dazu führen, dass ab SOFORT in keinem Zug mehr bei uns Zugbegleiter ihren schweren Job alleine mehr ausüben müssen und Doppel-Besetzung Pflicht wird!