Vor 20 Jahren: Begegnungen (Teil 1)

Vor 20 Jahren durfte ich, damals noch in der Funktion als Vorsitzender der FDP Stadtratsfraktion, am Beispiel der Städtepartnerschaft Trier-Weimar das Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten miterleben.

Es war eine Begegnung mit der Geschichte: Ich will noch einmal Rückblick auf die Geschehnisse vor 20 Jahren halten und meinen Artikel in dem Buch  „Ohne Städte ist kein Staat zu machen“ wiedergeben

Die Begegnung mit Weimar war für mich die Begegnung mit einer Gesellschaftsform: Das Erleben der abstrakten Erkenntnis, dass es verschiedene Formen der Organisation menschlichen Zusammenlebens gibt, die in der Lage sind, Menschen zu prägen und zu verändern. Erkennen der Banalität, das theoretische Überlegungen, wie die Menschen am besten zusammen leben könnten, mit der praktischen Ausgestaltung dieser Theorien nicht das Mindeste zu tun haben.

Die Begegnung mit Weimar war für mich auch eine Begegnung mit der Geschichte. Denn die Entwicklung der Städtepartnerschaft mit Weimar ist für mich ein verkleinertes Abbild, ein Modell der aufregenden Geschichte der deutschen Wiedervereinigung, das in allen Einzelheiten die großen Ereignisse widerspiegelt. Als Beteiligter an dieser Städtepartnerschaft wurde mir somit auch das Miterleben dieses Kapitels der deutschen Geschichte ermöglicht.

Begegnungen mit Weimar waren und sind für mich jedoch in erster Linie Begegnungen mit Menschen. Mit Menschen, die Deutsche – wie ich – waren, jedoch zu anderen Denken und Fühlen erzogen wurden. Mit Menschen, die unter schlechteren Bedingungen aufwachsen mussten als ich, deshalb jedoch nicht glücklicher oder unglücklicher waren als ich. Mit Menschen, die von uns lernen wollten und von denen wir hätten lernen können, wenn wir es nur gewollt hätten. Mit Menschen, die nicht besser oder schlechter waren als wir, die jedoch von einer anderen Gesellschaftsform geprägt wurden.

Wie haben wir im Laufe der Zeit diese für uns andere Gesellschaftsform erlebt, wie haben wir auf sie reagiert? Ich gehöre einer Generation an, für die der „real existierende Sozialismus der Deutschen Demokratischen Republik „etwas Normales war, den es einfach gab, jedoch im Grund auch etwas Unvorstellbares war. Denn wer konnte schon seine tatsächlichen Auswirkungen auch nur erahnen? Wie so viele meiner Generation bin noch nicht in dem Zwiespalt aufgewachsen, einerseits das undemokratische totalitäre System „von drüben“ aus tiefster Überzeugung abzulehnen, andererseits das ebenso dringende Bedürfnis zu spüren, in Frieden aufzuwachsen und deshalb eine Aussöhnung mit den Ostblockstaaten anzustreben. Letzteres wollen heute viele nicht mehr wahrhaben, nachdem nunmehr feststeht, dass die damals aufgestellten Behauptungen über die Auswirkungen und Formen des Unrechtsregimes in Wirklichkeit schamlose Untertreibung waren.

Viele hatten sich an den Zustand des geteilten Deutschlands gewöhnt. Wir kannten nichts anderes. Mit wenigen Ausnahmen waren in unseren Publikationen die Anführungszeichen beim Begriff „DDR“ verschwunden. Manche Politiker begann Ende der Achtzigerjahre sogar laut über die staatliche Anerkennung der DDR nachzudenken. Wir Kommunalpolitiker waren froh, auf der Ebene „Städtepartnerschaft “ wenigstens oberflächliche Kontakte nach drüben zu haben. Unter diesen Umständen ist die Städtepartnerschaft mit Weimar entstanden. Aus dieser Sicht ist auch eine Vereinbarung über die Städtepartnerschaft zwischen Weimar und Trier aus dem Jahre 1987 zu sehen. Sie stellt das Bemühen dar, das Beste aus einer Situation zu machen, die auf Jahrzehnte hinaus unabänderbar. Es war ein vielleicht verzweifelter Versuch, sich mit der vermeintlichen Realität abzufinden.

Doch wie sehr haben wir alle die wirkliche Situation in der DDR verkannt. Denn schon in dieser Zeit begann es zu rumoren im Osten. Das Volk lehnte sich gegen Unterdrückung und staatlich verordnete Armut auf. Zuerst kaum zu vernehmen, zunächst auch nur in anderen osteuropäischen Staaten, waren Veränderungen zu spüren, die nicht zuletzt auf das Wirken des Präsidenten der damaligen Sowjetunion, Michael Gorbatschow, zurückzuführen waren. Doch das war es nicht alleine, wissen wir heute. Das Experiment „Sozialismus“ war gescheitert. Wie wir heute erkennen können, noch viel radikaler, als die schärfsten Kritiker hierzulande jemals vermutet hätten. Gorbatschow versuchte darauf zu reagieren und zu retten, was zu retten war. Wie wir heute wissen: vergeblich.

Die Herrschenden in der DDR und somit auch die in Weimar ließen sich von dieser Entwicklung wenig beeindrucken. Die Schuld an den Ursachen suchte man nicht bei sich selbst, sondern schob sie dem „westlichen Einfluss“ zu.

Mit deutscher Gründlichkeit hatten sie sich schon immer bemüht, die  perfektesten Kommunisten zu sein. Und dies mit geradezu erschreckendem Erfolg! Im September 1980 sagte der damalige Weimar Oberbürgermeister Baumgärtel sämtliche partnerschaftlichen Kontakte zwischen Trier und Weimar ab. Wie viele andere war auch ich zutiefst empört und forderte daher energische Konsequenzen. Ich formulierte eine scharfe Resolution, die als Dringlichkeitsantrag im Stadtrat verabschiedet werden sollte. Ich forderte darin Konsequenzen, drohte mit Folgen, schimpfte auf das Regime, sicherlich zu kompromisslos und scharf. Als damaliger Neuling im Stadtrat, der zu dieser Zeit erst zwie Monate diesem Gremium angehörte, denkt man vielleicht noch etwas forsch. Jedenfalls meinten die Vertreter der anderen Fraktionen einhellig, so könne man es nicht machen, man müsse gemäßigter sein, denn man dürfe das bisher erreichte nicht aufs Spiel setzen. Aus heutiger Sicht hätte ich natürlich Recht gehabt, aus damaliger Sicht hatten die anderen Recht, wer wollte es ernsthaft bezweifeln?

Man wollte und musste vorsichtig sein im Umgang mit der anderen Gesellschaftsform, um das unerträgliche ertragbar werden zu lassen. Man musste sich arrangieren, so wie es Willy Brandt, Franz Josef Strauß, Helmut Kohl, so wie es alle getan hatten. Von diesen Grundsätzen war unser bisheriger Umgang mit der anderen Gesellschaftsform geprägt. Es ist umso bemerkenswerter, wie schnell dies alles vergessen wurde. Als traurig empfinde ich es jedoch, dass gerade ein großer Teil derjenigen, die damals für Annäherung und Mäßigung beim Umgang mit den anders Denkenden waren, heute die Unnachgiebigsten bei der Abrechnung mit denen sind, die es alte System getragen und unterstützt oder sich damals mit ihm arrangiert haben.

Der Stadtrat verabschiedete jedenfalls am 14. September 1989 einstimmig (bei einer Enthaltung von den Grünen) eine gemäßigte Resolution, die um Aufrechterhaltung der partnerschaftlichen Beziehung warb. Einig waren wir uns alle darüber, dass zu dieser Zeit der Tiefpunkt in der Beziehung zwischen Weimar und Trier erreicht sei, die totale Eiszeit begonnen habe. Doch in Wirklichkeit begann das Eis zutrauen. Es war kaum zu glauben. Eine Entwicklung zeichnete sich ab, über deren weiteren Fortgang man träumte, aber nicht daran zu glauben wagte.

Die scheinbar undurchdringliche Mauer wurde plötzlich durchlässig. Gleichzeitig damit verwandelten sich – sozusagen automatisch – die leeren Worthülsen, die sich im Städtepartnerschaft-Dokument inhaltslos und abstrakt gegenüberstanden wie die Funktionäre der DDR und Repräsentanten der Stadt Trier bei früheren Begegnungen, in eine grundlegende Erklärung über eine echte Partnerschaft zwischen Menschen zweier befreundeter Städte. Menschen, die allerdings noch einiges unterschied. Eine rasante Entwicklung, die alles überrollte – vor allem unsere Vorstellungskraft und Fähigkeit zum Besinnen – nahm ihren Lauf:

Als konkrete Folge für Trier kam es nach einem Konzert zu einer Begegnung mit Musikern der Weimarer Staatskapelle: Ja so stellte man sich als Kommunalpolitiker eine Partnerschaft vor: Begegnung, Kommunikation, Diskussion. Empfang im Foyer des Trierer Stadttheaters. Zum 1. Mal das Erleben eines wirklich offenen Gespräches. Die Vertrautheit früherer Begegnungen ist plötzlich verschwunden. Die Weimarer erzählen uns, was Sie denken. Da in der Ecke – so sagt man uns -, das ist der von der „Stasi“. Ein wenig ungläubiges Staunen bei uns. So etwas gibt es wirklich? Bisher hatte man wohl davon gelesen.

Zusammentreffen mit anderen, interessanten Menschen. Fragen an sie, Fragen an uns. „Wie arbeitet Euer der Stadtrat?“, „Was macht Ihr in eurer Freizeit?“, Warum sind Eure Lebensmittelpreise so hoch?“, „Wie kommt Ihr damit zurecht, Euch keine Luxusgüter leisten zu können?“… Freundschaften entstehen. Man diskutiert viel und intensiv über die verschiedenen Gesellschaftsformen. Ältere Weimarer Bürger wollen größtenteils die radikale Veränderung. Angehörige meiner Generation sind da noch etwas vorsichtiger: es ist auch nicht alles ideal bei euch! Beispiele werden benannt. „Seht Euch einmal die Arbeitslosigkeit an! Es ist doch nicht alles schlecht bei uns. Aber es muss sich natürlich viel verändern! Wir wollen Euer System nicht übernehmen, sondern unser eigenes Modell entwickeln.“ So war das damals.

Über Thomas Albrecht

Mitglied des Trierer Stadtrates.
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