Erlebnis im Dunkeln

Beinahe wäre nichts daraus geworden, aus meinem Erlebnis im Dunkeln. Fast 49 Euro pro Person in den Wind geschrieben.

Das Chat Noir hatte Konkurs angemeldet und war geschlossen.

Und genau hier sollte das Event „Diner in the Dark“, das ich schon im Frühjahr gebucht hatte, stattfinden.

Doch die Veranstalter des Dunkel-Essens hatten eine Alternative gefunden: Den Brunnenhof am Simeonstiftplatz.

So machen wir uns denn am Samstag auf: „Zieh Dir doch mal etwas Ordentliches an“, fordert mich meine Ehefrau auf, als ich in Jeans und einem alten Hemd zum Bus gehen will. „So ein Unsinn!“, wage ich bestimmt zu widersprechen. „Es sieht mich ja keiner Dunkeln, da kann ich aussehen wie ich will! Ich ziehe mich nicht um!!“.

„Wenn ich essen gehe, ziehe ich mich immer ordentlich an!“, höre ich als Erwiderung. Das ist eben Frauenlogik, auf die man als Mann mit Grundsätzen gar nicht eingehen sollte.

Nachdem ich eine Stoffhose und ein frisches Hemd angezogen habe, gehen wir zur Bushaltestelle. Auf dem Simeonstiftplatz steht schon eine erwartungsvoll frohe Menschengruppe. Die meisten sind sinnigerweise schwarz gekleidet.

Ein gut gelaunter junger Mann – ist es der Veranstalter Elmar Fank persönlich ? – lässt uns mit flotten Sprüchen erst einmal – warum auch immer – eine Weile warten, lästert etwas über Eifelaner, die wohl die Mehrheit der Gästegruppe bilden. Und das obwohl wir auf der Website eindringlich ermahnt wurden, unbedingt zeitig vor 19:00 Uhr zu erscheinen. Die Zeit versüßt er immerhin mit Sekt, der spendiert wird.

Das ist auch das Einzige, was es kostenlos gibt. Eine Tafel verkündet, dass beispielsweise für ein Glas Wein 6 Euro berappt werden müssen.

Wir hören die Spielregeln: Nichts Leuchtendes darf bei uns gesehen werden, keine Uhren und vor Allem kein Handy! Streng werden wir ermahnt, die Dunkel-Etikette zu beachten.

Mit halbstündiger Verspätung beginnt endlich das Ritual: Wir werden einzelnen zum Eingang gerufen. Ein wenig dämlich kommen wir uns schon vor, als wir dann in Art einer Polonaise – Hände an die Schulter – mit unserer Begleitperson vorweg den verdunkelten Raum betreten und an den Tisch geführt werden.

Der erste Eindruck: Völlig finster – wie wir es erwartet haben – ist es nicht. Durch den Vorhang schimmerte Licht und dem hinteren Thekenbereich leuchtet ein kleines Lichtchen. Aber das wird man dem Veranstalter nicht übel nehmen können, er musste schließlich notgedrungen den Raum wechseln.

Gesehen haben wir gleichwohl kaum etwas. Der Teller schimmerte etwas hell, aber das war’s auch schon.

Vor mir steht bereits das amuse gueule, über das ich mich schon gleich einmal hungrig her mache, eine Pesto.

Ich bestelle erst einmal ein Glas des Luxus-Weißburgunders zu sechs Euro und schiebe es sorgfältig an den Rand, damit der wertvolle Inhalt nicht verschüttet wird. Zum Glück sitze ich an einem Geländer. Der 0,2 l Inhalt soll sicher vor unabsichtlichem Verschütten bewahrt werden. Mir kommt es etwas wenig vor. Das Glas ist doch sehr schnell geleert. Schon merke ich, was es bedeutet, wenn der Mensch sich eines wichtigen Kontrollorgans nicht bedienen kann. Man muss dem Gastgeber eben vertrauen. Unwillkürlich denkt man auch an die Menschen, die blind das Leben bewältigen müssen, mit welchen Schwierigkeiten sie kämpfen müssen, welche Eindrücke ihnen verschlossen sind, wie sie anderen vertrauen müssen. Blindes Vertrauen, jetzt weiß ich was das Wort bedeutet.

Auch die Vorteile der Dunkelheit spüre ich: Andere Sinne sind geschärft, vor alem der Geruchssinn. Man riecht die Speisen, den Wein sehr intensiv. Auch sollte man meinen, besser hören zu können. Weil man sein gegenüber nicht sieht, spricht man jedoch viel lauter. So ist den ganzen Abend über in dem kleinen Gastraum sehr lautes Gerede zu hören, viel lauter als sonst in einem Restaurant.

Ich muss mir erst einmal ertasten, was sich auf meinem Tisch wo was befindet. Ob das amuse geule tatsächlich aufgegessen ist, kann ich nur feststellen, wenn ich wie ein kleines Kind mit den Händen in den Teller hineintappe. Dummerweise rutscht mir auch immer wieder die Serviette vom Tisch herunter, weshalb ich unter diesen krabbeln und mir eine Rüge („Was machen Sie denn da!“) einer Bedienungskraft einhandeln muss,

Natürlich, auch das ist ein Vorteil der Finsternis: Man kann sich benehmen wie man will, den Arm aufstützen zum Beispiel, lästige Speisereste aus Zahnzwischenräumen entfernen usw.

Im Restaurant selbst tut sich erst einmal ……. gar nichts. Endlos lange warten wir auf den ersten Gang. Ich bestelle noch einmal ein Glas Weißburgunder und siehe da: Das Glas liegt meines Erachtens viel schwerer in der Hand als das erste. Ich mag aber nicht glauben, dass man mein Vertrauen missbraucht hat. Gut möglich, dass sich meine Sinne getäuscht haben. Es ist halt sehr iritierend, nichts mehr sehen zu können.

Nach gefühlter endloser Zeit kommt endlich der erste Gang: Eine Kürbiscremesuppe, die man auch leicht als solche identifizieren kann. Das Konsumieren geht einfacher als gedacht, ich bekleckere mich kein einziges Mal.

Wenn man etwas trinkt, muss man es irgendwann auch entsorgen. Eigentlich ein ganz normaler Vorgang. Nicht so hier. Ein Großteil der Logistik der Veranstalter verschlingt die Organisation des Toilettengangs: Man ruft einen der drei Kellner. Dieser führt einen dann wie ein kleines Kind an der Hand eine Treppe zu den Sanitärräumen hinunter. Hinter einem Vorhang, bei dessen Öffnen sich leider etwas Licht in den Raum ergießt, wartet eine junge Dame mit Funkgerät, die die Toiletten-Gänge organisiert. Streng verboten ist es, alleine zum Tisch zu gehen. Obwohl ich versichere, den Weg zu meinem Platz gut zu finden, da er sich nur unweit der Treppe befindet, wird mir strengstens verboten alleine loszugehen. So muss ich hinter dem Vorhang erst eine ganze Weile warten, bis die junge Dame über ihr Funkgerät endlich einen Begleiter herbeigerufen hat, der mich zurückführen kann. Eine etwas seltsame Prozedur.

Es wird das Hauptgericht serviert: Ein Fleischspieß, der sich ganz offensichtlich auf Spätzle befindet. Nachher höre ich, dass auch frittierte Rucola dabei sind. Gekonnt befreie ich den Spieß von den Fleischstücken. Doch dann: Wo sind sie geblieben? Mit der Gabel auf dem Teller finde ich sie nicht mehr und schaufle erst einmal die Spätzle in mich hinein, die auf den Punkt gekocht sind. Schließlich bleibt nichts anderes übrig, als mit der Hand nach Fleisch zu fingern. Doch ich finde nur zwei. Meine Frau versichert mir, dass auf ihrem Spieß drei Fleischstücke gewesen sind. Jetzt bereue ich es wirklich, nichts sehen zu können. Nur zu gerne hätte ich mit einer Taschenlampe den Teller kontrolliert. Das Ganze lässt mir keine Ruhe, bis ein Missgeschick in der Organisation mir zu Hilfe kommt: Hinten an der Theke geht – aus welchen Gründen auch immer – ein kleines Licht an und für wenige Sekunden leuchtet ein Schimmer durch den Raum. Ich nutze die Gelegenheit blitzschnell, schnappe mir mein Handy, das sich verbotenerweise an meinem Gürtel befindet, und leuchte über den Teller. Da kommt auch schon ein Kellner auf mich los gestürzt: „Sie haben das Handy eingeschaltet!“, faucht er mich an „Ich habe einen Lichtschein gesehen!“ „Der kam von hinten“,starte ich einen nutzlosen Rechtfertigungsversuch. „Ich hab es ganz genau gesehen!“, entgegnet mir Tom. Erst später erfahre ich, dass die Bedienungsmannschaft mit Nachtsichtgeräten ausgerüstet und mir deshalb technisch weit überlegen ist. (In anderen Dunkel-Restaurants gibt es übrigens blinde Bedienungen, was mir wirklich als ideale Besetzung für ein solches Event erscheint.)

Der Erfolg meiner Aktion: Meine Frau redet eine Weile nicht mit mir. Sie ist sauer, dass ihr Mann sich mal wieder über Regeln hinweggesetzt hat. Zum Glück gelingt es mir, sie wieder zu besänftigen und so können wir bei intensiven Gesprächen den Nachtisch, Panna Cotta mit Früchten und einem Schokoladenplätzchen, genießen.

Nach diesem Gang wird das Licht eingeschaltet und ich kann jetzt erst einmal feststellen, wie ungeeignet die Räumlichkeit für die Veranstaltung war. Wir haben noch Glück gehabt, saßen wir doch sehr bequem am Rand. In der Mitte des Raumes stehen zum Teil hohe Tische mit Barhockern, dicht neben anderen Tischen, wenig geeignet, um ein Essen in Dunkelheit durchzuführen.

Mein Fazit: „Diner in the Dark“ wird inzwischen vielfach in der Bundesrepublik angeboten. Es ist schön, dass es so etwas auch in Trier gibt: Ein durchaus interessantes Erlebnis, das jeden empfohlen werden kann. Allein, das Preis-Leistungs-Verhältnis für das Essen – qualitativ in Ordnung – erschien wenig angemessen. Für 98 Euro (2 Personen ohne Getränke) hätte man doch etwas mehr erwartet. Andererseits muss man berücksichtigen, dass die aufwändige Organisation, die noch verbesserungswürdig erscheint, zusätzliche Kosten verursacht. Doch wichtiger: Die Wahl der Gerichte sollte besser dem Anlass angepasst werden. Ein Fleischspieß ist schlichtweg ungeeignet, um im Dunkeln verzehrt zu werden, ebenso wie Spätzle. Da sind andere Restaurants fantasievoller.

Die Räumlichkeit war schlichtweg ungeeignet, da sollten sich die Veranstalter nach etwas anderem umsehen. Denn um das Essen als Blinder richtig erleben zu können, muss es wirklich absolut dunkel sein. Dann wird man auch nicht dazu verführt, gegen die Regeln zu verstoßen.

Aber das junge Team um Elmar Fank ist sicherlich lernfähig- und willig. Eine gute Idee, wir wünschen ihr, dass sie in Trier noch ausgebaut und fortgesetzt wird.

Über Thomas Albrecht

Mitglied des Trierer Stadtrates.
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