Triers ehemaliger „Ehrenbürger“ Hitler

In fast allen deutschen Städten ist der menschenverachtende Diktator – zumeist im Jahre 1933 – Ehrenbürger geworden, so auch in Trier.
Nun ist das Thema wieder auf die Tagesordnung gekommen. In der kommenden Stadtratssitzung am 2.9. soll Adolf Hitler formell die Ehrenbürgerschaft entzogen werden.
Die Ehrenbürgerschaft ist in § 23 der rheinland-pfälzischen Gemeindeordnung geregelt. Darin heißt es: Die Gemeinde kann Persönlichkeiten, die sich um sie besonders verdient gemacht haben, das Ehrenbürgerrecht verliehen. Besondere Rechte und Pflichten werden hierdurch nicht begründet.

Gemeindeordnung eindeutig

In der zu der Gemeindeordnung gehörenden Verwaltungsvorschrift wird weiter erläutert: „Das Ehrenbürgerrecht kann nur lebenden Personen verliehen werden. Es erlischt mit dem Tod des Ehrenbürgers.
Das ist eindeutig, sollte man meinen.
Aus diesem Grunde hat der Stadtrat bisher davon Abstand genommen, Hitler die Ehrenbürgerschaft durch Beschluss abzuerkennen. Zu Recht weist die Verwaltungsvorlage darauf hin, dass sich die Gremien der Stadt seit der Nachkriegszeit verschiedentlich mit der im April 1933 an Adolf Hitler verliehenen Ehrenbürgerwürde der Stadt Trier beschäftigt hätten. Diese sei, wie in den meisten deutschen Städten und Gemeinden, ihm „nicht zuletzt“ aufgrund des damaligen politischen Drucks einstimmig zugesprochen worden. Eine formale Aberkennung der Ehrenbürgerschaft sei jedoch – wie die Ratsvorlage feststellt – wegen der „unzweideutig richtigen Einschätzung“ und der mehrfach öffentlich bekundeten Erklärung, dass nach den Statuten das Ehrenbürgerrecht mit dem Tode des Geehrten automatisch erlischt und darüber hinaus von Hitler aufgrund ihrer menschenverachtenden verbrecherischen Politik verwirkt sei

Warum also jetzt doch ein Beschluss?

Zunächst: Es ist ein besonderer Wunsch des Oberbürgermeisters. In der Verwaltungsvorlage wird dies damit begründet, dass die „unter formaljuristischen Gesichtspunkten zweifellos nicht zu beanstandende Einschätzung … allerdings bis heute immer wieder zu Nachfragen und Missverständnissen” geführt habe.

Der solle dem jetzt amtierende Stadtrat von Trier ein politisches Anliegen sein, dass die seinerzeit „den Nazi-Verbrechern Hitler und Rust zuerkannte Ehrenbürgerwürde posthum aberkannt“ werde.

Hierüber darf es keinen Streit geben!

Wichtig ist es jetzt meines Erachtens, dass über diese Frage kein politischer Streit entsteht und der Stadtrat einmütig einen solchen Beschluss fasst.

Wir sind es den Millionen Opfern der Naziherrschaft einfach schuldig, dass Auseinandersetzung mit unserer traurigen, diktatorischen Vergangenheit sich nicht im Parteienzwist verstricken darf. Es darf auch kein Wettbewerb darüber entstehende, wer von den demokratischen Parteien die schreckliche Nazidiktatur besser aufarbeitet. Daran haben meines Erachtens viele Diskussionen in der Vergangenheit erheblich gekrankt. Der jetzt geplante Beschluss kann mithin auch keine „Genugtuung“ für ein ehemaliges SPD-Ratsmitglied sein. Auch damals wäre  die gebotene Sensibilität im Umgang mit diesem Thema, die sich in der jetzt vorliegenden Verwaltungsvorlage zeigt, zielführender gewesen.

Das Unrecht darf nicht in Vergessenheit geraten

Ich kann auch verstehen, dass junge Menschen kaum Verständnis mehr für solche Diskussionen haben. Wir müssen der Generation aber verständlich machen, dass solches Unrecht niemals vergessen werden kann. Natürlich wird es immer schwieriger werden, vor allem dann wenn es keine Zeitzeugen, keine lebenden Opfer des Terrors mehr gibt.

Über die unmenschlichen Grausamkeiten zu lesen ist das eine. Wenn ein Zeitzeuge jedoch persönlich erzählt, was er Unvorstellbares erleiden musste, wenn er berichtet, wie er jede Nacht, seit seinem Aufenthalt im KZ  Riga, in das er als 14-Jähriger Junge zusammen mit seinem Bruder gebracht wurde – so wie meine Familie und ich es bei der Begegnung mit René Herrmann, dem ehemaligen jüdischen Mitbürger aus Oberemmel, letztes Jahr in New York erfahren haben – dann wird einem bewusst, dass diese Ereignisse überhaupt nicht fern, sondern noch erschreckend nah sind.

Die Schuld der Trierer

Und noch eines ist wichtig: Die vorsichtige Formulierung in der Beschlussvorlage, die Entscheidung zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde sei „nicht zuletzt“ auf politischen Druck zustande gekommen, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch viele Trierer damals schwere Schuld auf sich geladen haben, indem sie nicht nur zugesehen, sondern auch aktiv mitgemacht haben. Völlig zu Recht weist Dieter Lintz in seinem Kommentar im Trierischen Volksfreund darauf hin, dass man „von der Lebenslüge“, Trier sei keine Nazi-Stadt gewesen, Abschied nehmen müsse. Ein Satz, den man nur intensiv unterstreichen kann.
Meine Frau Jutta hat in ihren Recherchen zu ihrer Examensarbeit viele Dokumente gefunden, die genau diese falsche Behauptung eindeutig widerlegen.
Dabei geht es nicht um posthume Schuldzuweisungen, es geht darum, dass eine Auseinandersetzung mit historischen Wahrheiten notwendig ist, um daraus lernen und zu verhindern, dass solches noch einmal geschieht. Das sind wir den Opfern und dem unendlichen Leid, das sie ertragen mussten, schuldig.

Ratsbeschluss kein Schlusspunkt!

Das bedingt auch, das durch den Ratsbeschluss, wenn er einmal gefasst ist, kein Schlusspunkt in der Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus in Trier gesetzt werden darf.
Das Thema darf damit nicht erledigt, abgehakt sein! Die dunklen Schatten, die sich damals auch über Triers Vergangenheit gelegt haben, können durch einen Ratsbeschluss nicht beseitigt werden. Er kann allenfalls eine erneute, jetzt in der Distanz auch kritischere Auseinandersetzung mit diesem traurigen Kapitel unserer Geschichte bedingen. Archive haben sich meiner Frau für ihre wissenschaftlichen Recherchen erst jetzt geöffnet. Wir werden noch einiges aufzuarbeiten haben! Der Ratsbeschluss darf nur ein Anfang sein.

Über Thomas Albrecht

Mitglied des Trierer Stadtrates.
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2 Antworten zu Triers ehemaliger „Ehrenbürger“ Hitler

  1. AH-Ehrenbürgerschaft: Will die Stadt TR dies wirklich? Waren bisher alle Oberbürgermeister mitsamt jeweiligem Stadtrat „Nieten“? Formaljuristisch ist die ´causa finita `- und auch in den Augen der Bevölkerung. Für mich plausibel, dass eine Frau , die studiert, forscht und etwas öffentliche Reputation braucht, hier einen Schandfleck entdeckt. Da müssen alle, die 1939 AH bei seiner Westwall-Tour Spalier boten, eine Sühne-Wallfahrt unternehmen. Es müssen Totenzettel von den Nachkommen geändert werden(junges Blut für den gütigen Führer) und in vielen Chroniken muss die kriegerische Erfolgsbilanz gelöscht werden. Das ernste Thema ist schon tausendfach in ABI-Aufsätzen, in wertvollen Diskussionen und in Kommentaren und auch schlichten Geschichtsbüchern aufgearbeitet worden – keineswegs endgültig – und jetzt kommt TR mit später und plumper Verwaltungspost. Ich zweifle, geht das Ganze überhaupt nach der Gem.O. ?

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