Erblast – vom schwierigen Umgang mit unserer Vergangenheit heute

Auf uns Deutschen lastet die schwere Bürde der jüngsten Vergangenheit. Viele, viele Millionen Tote, unzählige weitere Opfer, die ihr Leben lang unter den Qualen der Naziherrschaft leiden mussten und heute noch leiden müssen.

Ich selbst habe mich noch geschämt über das, was die Generation meiner Großeltern angerichtet hat, und sei es nur dadurch, dass sie tatenlos zugesehen haben.

Von Vielen der jungen Generation von heute weiß ich, dass sie sich heute gar nicht mehr so gerne mit der jüngsten, deutschen Vergangenheit auseinandersetzen. Wie junge Leute andere Völker, möchten auch Sie stolz auf ihr Volk sein, würden am liebsten dem langen, dunklen Schatten der Vergangenheit entfliehen.

„Irgendwann muss Schluss sein mit der ganzen Aufarbeitung! Irgendwann beginnt auch einmal die unbelastete Zukunft!“

Ich kann diesen Standpunkt gut verstehen, doch teilen kann ich ihn nicht.

Das unvorstellbare Leiden der unvorstellbaren vielen Opfer muss für immer Mahnung an die kommenden Generationen bleiben, dass sich solche Ereignisse nicht wiederholen dürfen.

Und es glaube niemand, dass solche Mahnungen heute überflüssig wären:

Ganz im Gegenteil, sie werden umso notwendiger, je weiter die Vergangenheit verblasst.

Die kruden, rassistischen Äußerungen in dem Buch des Vorstandsmitgliedes der Deutschen Bundesbank Thilo Sarrazin (kein Einzelfall in Europa) zeigen dies in den letzten Tagen deutlich.

Damit die Mahnung die junge Generation auch erreicht, muss sie jedoch für sie verständlich, begreifbar und nachvollziehbar sein.

Das ist sie nicht, wenn sie als Ausfluss von Streitigkeiten unter Parteien empfunden wird, uns sei es auch nur um die Frage, wer am „Besten“ die nationalsozialistische Vergangenheit aufarbeitet.

Ein Beispiel von heute aus Trier:

Am Donnerstag wird der Trierer Stadtrat mit Zustimmung aller Fraktionen eine Vorlage verabschieden, in der Adolf Hitler formell die Ehrenbürgerschaft der Stadt Trier aberkannt wird.

Dieses Thema war bereits mehrfach Gegenstand lokalpolitischer Diskussionen.

Zuletzt vor etwas über 20 Jahren, im Jahre 1983, nachdem es 1979 schon einmal einen ähnlichen Vorstoß gab.

In einer Presseerklärung vom Januar 1983 forderte die SPD damals öffentlich eine Sondersitzung des Stadtrates, damit die Stadt sich „endlich von ihrem Ehrenbürger Adolf Hitler trenne“.  „Der Trierer Stadtrat hätte“ so hieß es „den beschämenden Vorgang (Ehrenbürgerverleihung von 1933) bis heute nicht korrigiert.“ Eine Verlautbarung, die bundesweit aufgegriffen wurde, unter anderem im „Stern“. Entsprechend heftig waren die Gegenreaktionen: Die CDU verwies darauf, dass bereits im Jahre 1950 der Ältestenrat des ersten nach der rheinland-pfälzischen Gemeindeordnung gewählten Stadtrates (bestehend aus SPD, CDU, FDP und KPD), in einer gemeinsamen Erklärung davon ausging, dass Hitler durch seine verbrecherische Politik die Ehrenbürgerwürde verwirkt hat. Sie befürchtete, dass durch die Diskussion dem Ansehen der Stadt Trier ihrer Bürger völlig überflüssiger Weise Schaden zugefügt worden sei (TV vom 19.01.1983).

Man einigte sich schließlich darauf, dass der damalige Oberbürgermeister Felix Zimmermann in der Ratssitzung vom 24.3.1983 (vgl. TV vom 26.3.1983) eine entsprechende Erklärung abgab, dass die Ehrenbürgerwürde Hitlers (und Bernhard Rust) verwirkt sei.

Wenn das Thema am kommenden Donnerstag erneut im Stadtrat aufgegriffen wird, wird es, Dank der Besonnenheit aller Beteiligten, zu einem solchen politischen Wirbel nicht kommen.

Der Vorsitzende der größten Ratsfraktion, Bertrand Adams (CDU), wird im Namen aller Ratsfraktionen eine Erklärung zu der Ratsvorlage abgeben, mit der beschlossen werden soll, „die am 19. April 1933 an den damaligen Reichskanzler Adolf Hitler und am 10. November 1936 an Reichsminister Bernhard Rust verliehenen Ehrenbürgerwürden der Stadt Trier posthum abzuerkennen“. Die Vorlage ist zuvor intern im Ältestenrat zwischen OB und allen Fraktionen abgesprochen worden.

Man kann unterschiedlicher Auffassung sein, ob eine solche Erklärung notwendig ist (die juristische Sicht habe ich ja schon dargelegt). Sie darf auch nicht als Kritik an frühere Kommunalpolitikern missverstanden werden.

In Anbetracht der jüngsten Äußerungen eines Sarrazin sowie des Umstandes, dass sich die Bürgerinnen und Bürger in Trier mit dem Fakt konfrontiert sehen, dass nun auch in unserer Stadt erstmals ein NPD Mitglied im Rat sitzt, muss dieser Beschluss als Botschaft für die junge Generation verstanden werden, dass sich die demokratischen Parteien darin einig sind, jede Form politischen Extremismus, Rassismus und antidemokratischen Gedankenguts entgegenzutreten und sie sich ausdrücklich zu den hohen Werten der Achtung der Menschenwürde, von Toleranz, Verständigung und ein friedliches Miteinander der Völker“ (so die Ratsvorlage)“ bekennen.

Über Thomas Albrecht

Mitglied des Trierer Stadtrates.
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5 Antworten zu Erblast – vom schwierigen Umgang mit unserer Vergangenheit heute

  1. augur sagt:

    Genau der richtige Zeitpunkt 🙂

  2. Wortsalat sagt:

    Auch von mir Daumen hoch 🙂

    Was nun Mahnungen für die Zukunft betrifft: Der harte Kern der Unbelehrbaren ist sicherlich nicht zu erreichen. Ich sehe einen Ansatzpunkt für jene, die sich von scheinbar „unbequemen Wahrheiten“ – die tatsächlich nichts weiter sind als bequeme Unwahrheiten – blenden lassen darin, dass die „bequemen Wahrheiten“ konkret auf die eigene persönliche Situation bezogen werden. Mit Argumentationen Sarrazin’scher Prägung lässt sich schließlich jeder ausgrenzen, man muss da nur ein wenig den Blickwinkel verändern.

  3. Wortsalat sagt:

    Man wird ja ganz irre vor lauter (un)bequemen (Un)wahrheiten – es sollte natürlich heißen „[…] dass die ‚unbequemen Wahrheiten‘ konkret auf die eigene persönliche Situation bezogen werden.“

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