»Der Tag, an dem der Papst gekidnappt wurde« in der Tuchfabrik.
Geht es Ihnen gelegentlich auch so? Man liest tägliche Nachrichten und fragt sich: »Ist das Realität oder Satire?«
So jedenfalls meine Gedanken am vergangenen Samstag in der Tuchfabrik.
Doch der Reihe nach.
Lange ist es her: Vor 55 Jahren hat der brasilianische Dramatiker João Bethencourt eine Satire geschrieben, in der es darum ging, dass ein jüdischer New Yorker Taxifahrer (Samuel Leibowitz, gespielt von Bernhard Dübon) den Papst »Albert IV.« (gespielt von Manfred Rath) aus – wie sagt man so schön – »hehren Motiven« – entführt, will er doch nicht mehr und nicht weniger erreichen, als einen Tag, nur einen einzigen Tag, Frieden auf der Welt. Das Stück wurde am 15.3.1972 uraufgeführt und am 3.11.1973 zum ersten Mal in deutscher Sprache inszeniert.
Ja, es ist wirklich lange her! War das damals wirklich so schlecht um den Weltfrieden bestellt, dass man auf die Idee kommen musste, ein solches Stück zu schreiben?
1972 wurde ich, Schüler am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, 16 Jahre alt und weiß noch sehr gut, wie mich die Sorge um den Weltfrieden umtrieb. Es war die Zeit des Vietnamkriegs. Eine ältere Nachbarstochter hatte mich mitgenommen, um in der Trierer Innenstadt gegen den Krieg zu demonstrieren. »Hồ, Hồ, Hồ Chí Minh« intonierte ich mit den anderen, ohne genau zu wissen, was ich da eigentlich brüllte.
Begeistert war ich von Willy Brandt und seiner Friedenspolitik, die ihm bekanntlich im Dezember 1971 den Friedensnobelpreis bescherte. Ganz im Gegensatz zu meinem Vater, der Brandt nicht ausstehen konnte, was dann auch zu erheblichen innerfamiliären Konflikten führte, war doch mein Papa, Kreisteilnehmer, der festen Überzeugung, dass man dem »Ostblock« nur mit äußerster Härte begegnen könnte, und Verhandlungen gar nichts brächten.
Wie war das zu jeder Zeit? 1971 hat gerade der sogenannte Bangladesch-Krieg zwischen Indien und Pakistan geendet, es tobte der Nordirland-Konflikt, palästinensischer Terror verunsicherte die Welt und, und ..
Und heute?
55 Jahre später hat das Team vom Trierer Satiricon Theater (Textbearbeitung: Gudrun Göbel, Regie: Matthias Beer, der auch den Rabbi spielte, und Sandra Karl, die auch als Nachrichtensprecherin auf der Bühne war) erfolgreich in die heutige Zeit transponiert und um – vermeintlich – groteske Züge erweitert.
Auf den Plätzen lag als Beiblatt eine »Tru York Times«, die von einem Papstbesuch in »Tru York« berichtet.
Ich habe einen Tag zuvor gelesen, dass US-Präsident Trump einen »Trump Ocean« benennen will.
Der im Theaterstück entführte Papst wird zum Verbündeten seiner Kidnapper und setzt sich auch für den Weltfrieden ein.
Ich habe einen Tag zuvor gelesen, dass Papst Leo aus dem Krankenhaus mit Wladimir Putin telefoniert und sich für Frieden in der Ukraine eingesetzt hat.
Wie zu Beginn festgestellt: Da verschwimmen tatsächlich Realität und Fiktion.
Es soll ein unterhaltsames und lustiges Theaterstück sein, das ich in der Uraufführung in der Tufa sehen durfte. Das war es auch! Die sprühende Spielfreude des (Laien)Ensembles (außer den bereits genannten auch Katja Büdinger, Lena Kasper und Frank Jacobs) sprang auf das Publikum über! Toll!
Zahlreiche äußerst witzige Spielszenen, mit viel Humor vorgetragen, sorgten für viele Lacher. Und doch: Sie bleiben einem schier im Hals stecken, wenn man an die Zeit zurückdenkt, als der Autor das Stück ersonnen hat.
Ich denke, dass ich mir Ausführungen darüber über die derzeit drohende Kriegsgefahr ersparen kann. Die Sorgen betreffen nicht mich, sondern meine Kinder und Enkelkinder: Was können und werden sie in 55 Jahren schreiben?
Doch weg mit den trübsinnigen Grübeleien. Stattdessen ein herzliches Dankeschön, an Bernhard Dubon, der mich auf das Stück aufmerksam machte, und an das tolle Ensemble des Satiricon.
Weil am nächsten Tag das »Wechselwerk« feierlich als neue Theaterspielstätte eröffnete wurde, drücke ich dem Ensemble und der gesamten freien Szene fest die Daumen, dass sich ihre Befürchtungen, sie könnten unter neuer, dreijähriger »Konkurrenz« von nebenan leiden, zerstreuen mögen. Ich denke, dass am Samstag eindrucksvoll bestätigt wurde, dass die von Sandra Karl und Manfred Rath im Trierischen Volksfreund (28.2.2025) geäußerten Befürchtungen, sie könnten »an den Rand gedrängt werden«, vollkommen unbegründet sind.
